Kommunikation Die Skype-LiebeSeite 2/2
K. hatte vor ihrer jetzigen Skype-Liebe schon einmal eine Fernbeziehung, als es nur das Telefon gab. Wenn sie ihren Freund damals nach einem gemeinsamen Wochenende verabschiedete, war sie immer noch eine Weile sehr sicher, dass sie ihn liebte. Jedes Mal ziemlich genau drei Tage lang. Danach ließ das Gefühl für ihn nach. Heute glaubt sie, das hatte damit zu tun, dass sie nie einen gemeinsamen Alltag hatten, nie über Banales reden konnten. Mit Skype aber, sagt sie, erzähle man sich auch mal von der Bluse, die man gekauft habe, der Rechnung, die noch bezahlt werden müsse. Der Partner lebt mit.
Ein Gespräch via Skype dauert viel länger als eines am Telefon. Paare, die sich sehen, können auch einmal nichts sagen. Manchmal schmachten sie sich ewig nur an. Und weil das Gespräch ja nichts kostet, läuft das Bild auch dann weiter, wenn einer aufstehen muss. So haben sie das Gefühl, getrennt voneinander zusammenzuwohnen. Manche lassen Skype sogar bei der Arbeit laufen.
K. hat mit ihrem Freund das Ritual entwickelt, sich abends, vor dem Einschlafen, Gute-Nacht-Geschichten vorzulesen. Den Platz neben ihr im Bett nimmt dann der Laptop ein, was ihr das Gefühl gibt, nicht alleine zu sein. Das Schönste sei für sie der Moment, wenn sie langsam müde werde, die Augen schließe und doch wisse: Wenn ich sie jetzt wieder öffnete, dann sähe ich ihn.
Manche Beziehungen kommen erst wegen Skype zustande. K. hatte, als sie ihren Freund in Prag kennenlernte, immer einen Gedanken: "Wird schon gehen, es gibt ja Skype." Der Anfang einer Beziehung ist meistens auch von ganz rationalen Gedanken bestimmt: Die meisten Menschen wägen ab, ob sich eine Partnerschaft für sie lohnt. Bekomme ich genug von dem, was ich mir wünsche? Die Videotelefonie ergibt in dieser Rechnung der Liebe ein paar Pluspunkte mehr.
Natürlich hat auch diese Technik Nachteile. "Was für eine Qual, ihn zu sehen, aber dennoch nicht anfassen zu können!", sagte Freundin A. über ihren Kanadier. Ist es, frage ich Fanny Jimenez, die Psychologin, nicht vielleicht doch am Ende nur ein frustrierendes Erlebnis? "Ach ja", sagt sie, und es klingt ein bisschen verächtlich, "man kann sich, wenn man will, ja von vielem frustrieren lassen in der Liebe." Und dann erzählt sie von ihrer eigenen früheren Skype-Fernbeziehung zwischen Washington und Berlin und von ihrer Familie, die weit verstreut in der Welt lebt. Einmal in der Woche trifft sie sich mit ihren Eltern in Berlin, um nach Peru zur Großmutter zu skypen.
Fernbeziehungen, so ist es meistens, scheitern entweder, oder sie werden nach zwei, drei Jahren zu Nahbeziehungen. Die Technik des Bildtelefons führt dazu, dass das öfter gelingt als früher. Und so befeuert Skype die Globalisierung der Liebe. Wer darin etwas Schönes entdecken kann, in dessen Augen ist diese Technik ein Segen für die Menschheit.
Natürlich scheitern auch Skype-Beziehungen, wie die von Freundin A., die inzwischen mit gedämpfter Leidenschaft über Skype erzählt. Vielleicht sei es ja doch nicht so gut gewesen, dabei zuzusehen, wie er mit Zahnseide hantierte. Tief in seinen Rachen habe sie blicken können. Andererseits: Ohne Skype hätte sie womöglich noch ein, zwei Jahre gewartet, gehofft, wäre vielleicht nach Montreal gezogen, um dann festzustellen, dass die große Liebe in Wahrheit ein Mann mit einem Hang zum Zahnseide-Exhibitionismus ist.
- Datum 26.05.2009 - 17:29 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.05.2009 Nr. 23
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