Mode
Très klick!
Im ganzen Land entstehen gerade Modeblogs von jungen Frauen. Ihr Stil: Sie nehmen die Sache ziemlich persönlich
Die Suche nach dem perfekten weißen T-Shirt ist mühsam und voller Qualen. Sie führt sogar zu C&A, kann dort aber nicht beendet werden – mehr davon demnächst auf dem Blog Modepilot. Die Internetseite ist einer jener deutschen Modeblogs, die von jungen Frauen betrieben werden und die eine neue Art und Weise gefunden haben, über Mode nachzudenken und zu reden. Die Suche nach einem weißen T-Shirt mag banal sein, aber Kleidung spielt in diesen Online-Daily-Soaps ohnehin nur die Nebenrolle. Die Hauptrolle spielen die modeinteressierten Mädchen selbst.
Mode im Internet – das war in der Vergangenheit meist die Sache von männlichen Stilkritikern. Der bekannteste von ihnen, der US-Amerikaner Scott Schuman, stellte auf seinem Blog The Sartorialist Fotos von Straßenmode ins Netz – jetzt also kommen die Frauen, und sie machen alles anders.
Manche der neuen Modeblogs sehen etwas, nun ja, einfach aus, improvisiert, aber das ist Kalkül, denn es muss "echt" wirken, "authentisch", die Mode soll "tragbar" sein. Denn die Modebloggerinnen wollen eben nicht Profis sein, sondern große Schwestern, mit denen man sich über Klamotten und Einkaufstipps unterhält.
Der Schreibstil ist bewusst persönlich und vertraut. Heute kommen Modeblogs aus jeder größeren deutschen Stadt, einige von ihnen wie Lea loves in München oder Modepilot in Düsseldorf konzentrieren sich darauf, Trends in ihrer Umgebung abzubilden und zu kommentieren. Andere wie die Macherinnen von Reigen in Frankfurt oder Panda Fuck in Stuttgart stellen sich selbst und ihren Stil in den Vordergrund.
Der Einfluss der "modischen Tagebücher" wächst, gerade in Krisenzeiten, in der Kleidung eigentlich ein verzichtbarer Luxus ist, den man sich aber leisten kann, wenn man weiß, auf welchem Flohmarkt, in welchem Vintage-Laden man günstige Designerklamotten kaufen kann. Auch das verraten die neuen deutschen Modeblogs – und machen damit ihre Leser zu Insidern, die nebenbei auch noch gut aussehen und Geld sparen.
"Mode ist offener geworden", sagt Mary Scherpe. Die 26-Jährige ist, wenn man so will, die "Mutter der deutschen Modeblogs". Anfang 2006 begann sie, auf ihrer Seite stilinberlin außergewöhnlich gekleidete Menschen in Berlin-Mitte vorzustellen. "Die ersten Rückmeldungen bekam ich nicht etwa aus Deutschland, sondern aus Mailand, New York und Kopenhagen", sagt die Kunstgeschichtsstudentin, deren stilinberlin- Porträts großformatig in einer renommierten Berliner Fotogalerie ausgestellt wurden.
Frauen haben mit der Mode nicht nur ein wichtiges Thema im Netz besetzt; sie tun auf einmal genau das, was lange als "typisch männliche" Eigenschaft galt: Sie knüpfen Netzwerke. Und unterstützen sich gegenseitig. Die deutschen Modebloggerinnen trafen sich kürzlich in Stuttgart zum Erfahrungsaustausch, denn auch wenn sie um die gleiche Klientel im Netz kämpfen, respektieren sie die Leistungen ihrer Kolleginnen und legen gerade nicht jene Stutenbissigkeit an den Tag, die Frauen im Modebusiness gern nachgesagt wird. Klickt man sich durch die deutschen Modeblogs, kommt man sich bald vor wie in einer Runde aus alten Bekannten.
Einige Modebloggerinnen der ersten Stunde können heute dank Kooperationen mit Verlagen oder Versandhäusern tatsächlich vom Bloggen leben. Bestes Beispiel dafür sind Les Mads. Julia Knolle, die Gründerin, empfängt im fünften Stock eines gläsernen Bürogebäudes an der Berliner Friedrichstraße. Einen Termin mit der 26-Jährigen zu vereinbaren ist nicht leicht, gerade war sie bei der Australian Fashion Week, danach war sie noch zwei Tage in Hongkong. Ihr Blog, inzwischen ein "Beiboot" des Burda-Verlags, verzeichnet nach eigenen Angaben inzwischen 230.000 Besucher und mehr als 900.000 Seitenaufrufe pro Monat.
Für den Verlag ist das eine Erfolgsmeldung, für die Bloggerin harte Arbeit: Am Wochenende sitzt sie manchmal bis zum Nachmittag vor dem Bildschirm, ungeschminkt, mit zerzausten Haaren. Das klingt fast schon wie der typisch männliche Nerd. "Ganz genau", sagt Knolle und grinst. Sie sieht das nicht als Beleidigung.
- Datum 28.5.2009 - 09:09 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.05.2009 Nr. 23
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