Unter der kämpferischen Überschrift Das Netz als Feind trat vergangene Woche in der ZEIT ein vergessen geglaubtes Wort auf: »geistesaristokratisch«. Als schmückendes Attribut. Adam Soboczynski schrieb, dass »der Intellektuelle aus der Mehrheitsdemokratie geistesaristokratisch herausragt«. Daran ließen sich Fragen anfügen. Die scheinbar harmlose etwa: Warum »Mehrheitsdemokratie« und nicht einfach »Demokratie«?

Die Mehrheit spielt in dem Artikel eine ungute Rolle. Ihm zufolge treibt der Pöbel im Verein mit Verlagskaufleuten die Intellektuellen an den Rand der Gesellschaft, wo sie in Bälde nur noch ein unbeachtetes Dasein fristen dürfen. Das Kriegsmittel ist das Internet, dem geistesfeindliche Eigenschaften innewohnen.

Am Anfang steht jedoch eine Verwechslung. In dem Artikel ist vorwiegend von Journalisten die Rede. Doch nicht das Impressum macht den Intellektuellen, ebenso wenig wie das Vorlesungsverzeichnis oder der Verlagsprospekt. »Intellektueller ist man immer nur im Nebenberuf«, bemerkte der Bielefelder Philosoph Martin Carrier einmal. Fast alle Untersuchungen zum Thema nähern sich folgender Definition an: Wer aufgrund fachlicher oder künstlerischer Leistung ein ganz besonderes Ansehen genießt und dieses nutzt, um sich auf geistig hohem Niveau wirkungsvoll zu Themen zu äußern, die das allgemeine Wohl betreffen – den nennen wir einen Intellektuellen. Sartre war einer, ich bin keiner.

Dürfen Verwaltungsfachangestellte Gedichte veröffentlichen?

Der Intellektuelle wagt sich aus der Deckung ins Getümmel. Er nutzt alle geeigneten sprachlichen Mittel, aber nicht, um sich und seinesgleichen abzugrenzen, sondern um die Bürger zu bewegen. Er ist eben kein »Geistesaristokrat«, der sich der Demokratie »wesenhaft entzieht«, wie Soboczynski glaubt. Fragwürdig, wie er über die Demokratie schreibt. Und über das Volk. Dessen »Nutzerbeiträge« fänden sich, wie zu lesen steht, als »Wurmfortsatz unter einem typischen Feuilletonartikel«. Als sinnloses Überbleibsel eines vormenschlichen Gedärms also. Außerdem tritt das Volk in dem Artikel als surfende »Gaby« auf, als bloggender »Kneipier« und dichtende »Verwaltungsfachangestellte«. Nur gut, dass die Demokratie Grenzen hat, nicht wahr?

Im Ernst, Demokratie verhindert auch die Willkür der Massen. Doch da muss man schon genau bleiben. Repräsentative Demokratie ist mitnichten »die Übertragung von Souveränität auf Vertreter«, wie zu lesen war. Nein, der Souverän ist und bleibt das Volk. Es wählt Abgeordnete und stimmt über Sachfragen ab, so will es Artikel 20, Absatz 2, Satz 2 des Grundgesetzes. Die Verfassung hält sogar Mittel parat, die belächelte »Interaktion« sowie die gefürchtete »Partizipation« des Volkes zu fördern, und zwar die Parteien.

Demokratische Spielregeln sind, wie jedes Regelwerk, zugleich eine Begrenzung. Unsere Demokratie vorrangig als Drahtverhau gegen den Ansturm der Massen zu verstehen stellt jedoch die Verhältnisse auf die Pickelhaube. Und passt zu jener Sicht, die den »massenkulturellen Sog« der Moderne verachtet.

Ja, die »Massen«. Sie müssen wohl sein, die Gabys und die Verwaltungsfachangestellten, ohne sie gäbe es keine Aristokraten. Aber sie sollen dort bleiben, wohin sie gehören.

Zweimal schon in der Geschichte machte ihnen der deutsche Kulturmensch den Prozess. Im frühen 20. Jahrhundert ging es, wie die Literaturwissenschaftlerin Anke-Marie Lohmeier nachgewiesen hat, gegen die »Boulevardtheater, Revuen, Panoptiken, Tanzpaläste, Sportveranstaltungen, Naherholungszentren, Freizeitparks«. Der damaligen Geisteselite war es zuwider, »dass in ihnen die geschmähte ›Masse Mensch‹ erstmals als Öffentlichkeit und öffentlicher Faktor sichtbar hervortrat, dass sie öffentlichen Raum besetzte und zumal jenen Teil des öffentlichen Raumes, für den sich die Intellektuellen seit jeher exklusiv zuständig fühlten: den der Kultur«. Später, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, gab die Plebs den braunen Hintergrund ab, vor dem sich die deutsche Intelligenz frisch antifaschistisch gab. Wir waren’s nicht, es waren die da unten!

Heute freilich ist »der Andere«, der Prolet, mit dem entsicherten Internet bewaffnet. Und der Geistesmensch steht vor dem Scherbenhaufen »einer bunten Welt von Teilöffentlichkeiten, die eine bislang klar strukturierte, von Institutionen gefilterte Öffentlichkeit ersetzt«. So sieht es der Autor, und er sieht es falsch. Deutschlands demokratische Öffentlichkeit war auch »bislang« keine Akademie, kein Ministerium, keine Industrieanlage aus Rohren, Filtern, Steuerpulten. Sie ist vielmehr, und erfreulicherweise, ein Gewusel. Ein Urwald, in dessen Lichtungen, ebenso erfreulich, durchaus auch Pyramiden stehen. Ein Gelände, das genug Gelegenheit bietet, intellektuelle und andere Überraschungsangriffe zu führen.

Dass die Öffentlichkeit atomisiert werde, diese Klage wird seit einiger Zeit geführt. Sie ist älter als das Internet, und sie ist ernst zu nehmen. Öffentlichkeit dient auch dazu, gesellschaftliche Bindung zu erzeugen. Sollte Zerstreuung an die Stelle der Versammlung treten, hätte die Demokratie tatsächlich ein Problem, und die Anzeichen lassen sich nicht übersehen, denken wir nur an Spartenkanäle und Special-Interest-Journale. Doch in Wirklichkeit existiert außer dieser Tendenz ebenso gut ihr Gegenteil. Zumal im Internet. Denn neben Gaby und dem Kneipier, der sich untersteht, öffentlich zu schreiben, anstatt die für ihn vorgesehenen Realityshows zu gucken, organisiert sich im Netz sehr wohl die intellektuelle Kritik, und zwar keineswegs bloß in »Internetrandzonen«. Jedem, der die geistfeindliche Zerstäubungsmacht des Internets fürchtet, seien als Gegengift Websites wie www.edge.org oder www.repid.com, www.opendemocracy.net sowie www.laviedesidees.fr und www.republique-des-lettres.fr empfohlen. Oder www.artsandlettersdaily.com.

Wer gerne herablassend schreibt, findet im Netz alles, was er braucht. Das Netz ist wie eine Stadt. Sie zu lieben, nur weil sie Schönes beherbergt, wäre nicht weniger töricht, als sie des Abschaums wegen zu verachten. Interessanter ist das Prinzip der Stadt. Sie fügt und lockert die Gesellschaft, vervielfältigt ihre Verknüpfungen und Abgrenzungen, beschleunigt den Kreislauf von Auflösung und Verdichtung. An diesem Prinzip scheiden sich die Geister. Dem Konservativen ist unwohl in einer Welt, in der nicht alles am Platz bleibt. Er hat schon die Stadt und den Asphalt gehasst, um wie viel mehr nun das Netz und die Blogs!

Dabei erlaubt gerade das Netz den Aufbau von Ordnungen durch das Zusammenwirken vieler Teilnehmer, etwa unter Facebook. Mitnichten ist es also, wie vor einer Woche in der ZEIT zu lesen war, »prinzipiell egalistisch strukturiert«, ein Zeitungskiosk jedenfalls ist egalistischer. Das Netz ist ein Möglichkeitsraum, in dem nicht zuletzt die Gesetze der Ökonomie für Unterschiede sorgen, namentlich das Gesetz der Arbeitsteilung. Die Nachfrage nach Produkten spezialisierter Anbieter dürfte im Internet eher steigen. Womit wir beim Journalismus wären, dem eigentlichen Thema des hier kritisierten Textes.

Gewiss, tausend User bekommen keinen Essay zusammen, keine Reportage, keinen Kommentar und keine Glosse. Richtig auch, dass es beklagenswert unzulängliche Nachrichtenportale gibt. Das Medium muss sich erst finden, manchen Internetportalen wird es nie gelingen, da wären sie in Gesellschaft etlicher Druckerzeugnisse. Aber was soll man von dieser Theorie halten: »Attraktiv ist ein einzelner Beitrag im Internet, wenn er möglichst viele Leser findet. Attraktiv ist ein einzelner Beitrag für die Papierzeitung, wenn er ihr, im Sinne der Mischkalkulation, zu einem ansprechenden Gesamtprodukt verhilft«? Denn in der Zeitung gäbe es kostbare Beiträge, die zwar »vergleichsweise wenig Leser finden«, aber »der Zeitung als Ganzes« Autorität verleihen? Falls damit die Zeitungen im Allgemeinen gemeint sind, sei ein Gang zum Kiosk empfohlen. Und falls es um die Qualitätspresse geht, so kann man im Interesse ihres Fortbestands nur wünschen, dass deren Chefredakteure noch ihrem letzten Geistesaristokraten nahelegen, bitte vergleichsweise viele Leser zu finden.

Irreführend erst recht die Behauptung, das Netz »kennt kein Zusammenwirken von Texten unterschiedlichen Anspruchs und Zuschnitts zum höheren Ganzen«. Im Netz, entstanden aus Hypertext, wirken Texte zusammen wie nie zuvor. An anderer Stelle freilich wird die Sorge geäußert, dass im Netz die »geschlossene Form« verschwinde – und das, ja, das ist eine Gefahr. Keine technisch bedingte, sondern die einer falschen publizistischen Strategie. Es fließt manch ein Euro in die »Suchmaschinenoptimierung«, der für die Verbesserung des Onlinejournalismus sinnvoller ausgegeben wäre. Die Versuchung, sich Klick-Orgasmen zu kaufen, ist groß; der Pfad der Tugend indes heißt »Qualität«. Gerade in den Konkurrenzstürmen des Netzes ist der Aufbau von Identitäten notwendig, von Marken, von sympathischen Räumen, um Besucher zum Bleiben zu bewegen.

Hinter der Wut auf das Netz scheint die Angst vor Konkurrenz auf

Über alles das ließe sich friedlich reden. Doch was sollen die Anspielungen auf Nazismus und Kommunismus, die der Autor sich nicht versagt? Es ist schon seit einiger Zeit auffällig, dass dieses Thema unter Journalisten starke Gefühle weckt. Man könnte meinen, dieser Netzwut läge Angst zugrunde. Vor der Umstellung auf einen Journalismus, der nicht nur für die Leser, sondern auch mit den Lesern arbeitet. Angst auch vor den jungen, unterbezahlten Internetkollegen, die so viele andere Sachen können als der eingesessene Printkollege und noch dazu glauben, die Arbeitsmittel der Zukunft auf ihrer Seite zu haben.

Fragt sich nur, ob die Erregung wirklich bloß arbeitspsychologisch zu erklären ist. Dagegen spricht, dass sie auch solche befeuert, die nichts zu befürchten haben. Nein, da ist mehr. Womöglich verhält es sich doch so, »dass nicht nur Interessen Interessen gegenüberstehen, sondern dass Welten gegen Welten kämpfen«: ein Zitat aus dem berühmten, aktuellen Buch von Karl Mannheim über den Konservatismus, verfasst 1925.