Neben vielen anderen wären sicherlich auch die iranischen Frauenrechtlerinnen froh, wenn Mahmud Ahmadineschad am 12. Juni abgewählt würde. Denn Irans Staatspräsident hat ihre Kampagne »Eine Million Unterschriften für mehr Frauenrechte« massiv unterdrückt. Die Aktivistinnen werden bedroht, vor Gericht gestellt und zu Haftstrafen verurteilt. Die Homepage der Kampagne wurde blockiert und den beteiligten Frauen wird vorgeworfen, eine von den USA finanzierte Revolution anzetteln zu wollen.

Dabei bestand anfangs durchaus Anlass zu Optimismus. Als die Kampagne begann, herrschte Aufbruchstimmung, und die Juristin und Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi erklärte: »Es gibt in der iranischen Verfassung Bestimmungen über einen Volksentscheid und über Gesetzesänderungen, Reformen sind nicht unmöglich.« Begonnen hatte alles mit einer Resolution, die nach einer Protestversammlung verabschiedet worden war. Im Juni 2006 hatten auf dem Haft-e-Tir-Platz in Teheran einige Hundert Frauen und Männer gegen die Missachtung der Rechte der Frauen demonstriert. Ihre Forderungen lauteten damals: gleiches Erbe, Recht auf Scheidung, Reform des Sorgerechts – und Straffreiheit für Kinder: »Ein neunjähriges Mädchen ist ein Kind, verfolgt es nicht strafrechtlich«, lautete ein Slogan.

Während des Protests wurde die Idee für die Kampagne geboren: Wenn es gelänge, innerhalb von zwei Jahren eine Million Unterschriften zu sammeln, dann müsste sich das iranische Parlament der Sache annehmen.

Inzwischen sind fast drei Jahre vergangen. Doch die erforderlichen Unterschriften sind nicht zusammengekommen. Das rigide Vorgehen der Behörden allein kann dafür nicht verantwortlich sein. Die Aktivistinnen werden zwar verfolgt, nicht aber die Frauen, die nur unterschreiben.

Aus der Bewegung ist deshalb Selbstkritik zu hören. So bemängelt Homa Zarafshan, eine der Aktivistinnen, dass sich die Frauenbewegung jenseits der Großstädte noch nicht organisieren konnte. Die Kampagne, schreibt Zarafshan in einem Artikel für roozonline, einer in Frankreich registrierten Website, die in Iran viel gelesen wird, sei hauptsächlich eine Bewegung von Intellektuellen. Ihre Forderungen seien noch nicht einmal bei den Frauen der städtischen Mittelschichten angekommen, geschweige denn in den ländlichen Gebieten. Und Nayereh Tohidi, die in den USA Geschlechterforschung lehrt, vermutet, die meisten iranischen Frauen wüssten gar nicht, dass ihre Situation ein gesellschaftliches Problem sei und nicht bloß ein persönliches. Zudem hätten nur die wenigsten Zeit und Bildung genug, sich ernsthaft mit den existierenden Problemen auseinanderzusetzen.

Auch Doktor Sadeghi, eine Ärztin in Schiraz, sagt, sie sei immer wieder erstaunt, wie wenig die Frauen über ihre schlechte rechtliche Situation informiert seien. Wo immer möglich, verteilt sie daher ein selbst zusammengestelltes Info-Heftchen, das die Frauen über ihre Rechte aufklären soll. Zudem organisiert Sadeghi Versammlungen, um zu informieren – heimlich natürlich. Das hat Sadeghi den Ruf eingetragen, eine streitbare Frau zu sein. Wer in bestimmten Kreisen ihren Namen nennt, dem fällt auf, dass dem Gesprächspartner ein triumphierendes Lächeln über das Gesicht huscht. »Ja«, sagt die Aktivistin Parvin, »so viel Schneid und Intelligenz muss man haben, dann kann man es hier mit jedem Mann aufnehmen – und sich sogar von ihm scheiden lassen.«

Eigentlich dürfen sich Frauen nach iranischem Recht nicht scheiden lassen. Sadeghi jedoch fand nicht nur heraus, dass ihr Mann sie betrog. Sie fand auch einen Weg, ihn loszuwerden. Ein Freund, der bei der Telefongesellschaft arbeitet, verschaffte Sadeghi Kopien all der SMS, die ihr Mann tags und nachts an seine zahlreichen Geliebten verschickte. Als Sadeghi dem Bruder und der Mutter ihres Mannes 200 ausgedruckte Seiten mit obszön-perversem Liebesgeschwafel auf den Tisch legte, erklärten diese sich bereit, dem Ehebrecher die Scheidung abzuringen – damit die Peinlichkeit nicht noch größere Kreise ziehe.