Rezession Spanien, oje!Seite 2/2
Gemeinden beginnen, Speisesäle für Arbeitslose einzurichten
Besonders ausgeprägt ist diese Entwicklung im Textilsektor. »Hier werden derzeit täglich 20 Leute entlassen«, sagt Angel Asensio, Präsident des spanischen Verbands der Bekleidungsindustrie und Chef des mittelständischen Modeherstellers Kiff Kiff. Er war einer der Ersten in seiner Branche, der die Produktion an ausländische Billigstandorte verlegte – und neue Absatzmärkte außerhalb von Spanien erschloss. Die Belegschaft schrumpfte von 120 auf 25 Mitarbeiter. »Die Textilunternehmen haben viel Geld in diese Umstrukturierungen investiert, dadurch konnten sie in den Boomjahren kein Finanzpolster anlegen«, sagt der Unternehmer.
Den massenhaften Jobverlust verschärfen zusätzlich noch die spanischen Arbeitsgesetze. Sie befördern eine Zweiteilung des Marktes in gut abgesicherte Festangestellte und temporär Beschäftigte mit geringem oder gar keinem Kündigungsschutz. Diese Regelung »verleitet Unternehmen dazu, den Konjunkturzyklen durch schnelles Anwerben und Entlassen von Beschäftigten zu begegnen«, hieß es jüngst in einem Aufruf von knapp hundert namhaften spanischen Wirtschaftswissenschaftlern zur Reform des Arbeitsmarktes. »In expansiven Phasen des Konjunkturzyklus werden durch dieses Modell viele Arbeitsplätze geschaffen, wenn auch in Sektoren mit sehr niedriger Produktivität, während in der Rezession die Vernichtung von Arbeitsplätzen potenziert wird«, klagen die Experten. In der Tat sind die kurzfristig Beschäftigten die größten Verlierer der Krise. Nach Angaben des Nationalen Statistikinstituts INE sank der Anteil der Erwerbstätigen mit einem befristeten Vertrag von knapp 30 Prozent Anfang 2008 auf 25 Prozent im März, während die Nettozahl der Beschäftigten mit unbefristeten Verträgen stabil blieb.
Fernando gehört zu den Privilegierten in der Schar der spanischen Arbeitslosen. Ende vergangenen Jahres bekam er seinen Entlassungsbrief. Der sportliche Datenschutzberater mit dem dunklen Lockenkopf hatte es kommen sehen. Wie so viele andere spanische Unternehmen hatte auch Fernandos Firma in den Jahren des Wirtschaftsbooms und der billigen Kredite heftig expandiert und sich dabei viel zu hoch verschuldet. Dann kam die Krise. Die Banken verlängerten die Kreditlinien nicht mehr. Fernando und sechs andere Berater mussten gehen. »Wir wurden schon das ganze Jahr über schlecht bezahlt, mal in zwei Monatsraten, mal in drei, mal fiel eine Rate ganz aus«, sagt der 38-jährige Familienvater. Fernando kann es sich leisten, sich bei der Arbeitssuche ein wenig Zeit zu lassen und zunächst eine Fortbildung in der Datenverarbeitung zu machen. Er hatte einen unbefristeten Vertrag und wird nun zwei Jahre lang Arbeitslosengeld bekommen – im ersten halben Jahr 70 Prozent, dann 60 Prozent seines bisherigen Gehalts.
Fernando hatte zudem das Glück, dass er nicht gleich zu Beginn der Krise seinen Job verlor. Wenn seine Arbeitslosenhilfe einmal ausläuft, hat die Konjunktur vielleicht schon wieder angezogen. Der Horror der Regierung ist dagegen die zunehmende Zahl von Erwerbslosen, die bald oder schon jetzt kein Arbeitslosengeld mehr bekommen. 1,4 Millionen der vier Millionen Menschen ohne Job erhalten überhaupt kein Arbeitslosengeld mehr oder hatten noch nie Anspruch darauf. Diese Zahl schließt aber auch Frührentner mit ein.
Wer gar nichts hat, kann nur noch auf niedrige Existenzhilfen in Höhe von etwa 400 Euro durch die Autonomen Regionen zählen, das spanische Pendant der deutschen Bundesländer. Speziell Immigranten bekommen aber oft selbst diese Hilfe nicht. Schon beginnen die Gemeinden und Wohlfahrtsorganisationen, Speisesäle für Arbeitslose und ihre Familien einzurichten. Die Caritas registrierte im Jahr 2008 einen Anstieg der Nachfrage nach Hilfsleistungen im Bereich Ernährung, Wohnkosten, Bekleidung, Bildung und Gesundheitsfürsorge um 50 Prozent. Viele der Bedürftigen kommen zum ersten Mal zur Caritas, es sind vor allem Familien, die durch die Arbeitslosigkeit in eine Notlage geraten sind. »In dieser Krisensituation, die die Lagunen der sozialen Absicherung offengelegt hat, ist es nötig, den Schutz auszuweiten, insbesondere für die Nichtsozialversicherten«, fordert der Generalsekretär der spanischen Caritas, Silverio Agea.
Den Schutz auszuweiten ist dringend nötig, denn die Dynamik der Jobvernichtung wird nach Ansicht von Experten anhalten. Der Internationale Währungsfonds und die Europäische Kommission sehen die Arbeitslosigkeit in Spanien bis 2010 noch auf 20 Prozent steigen.
Auch Textilunternehmer Asensio ist pessimistisch. Er hat bei Kiff Kiff im vergangenen Jahr noch steigende Verkäufe verzeichnet, weil er frühzeitig neue Kunden wie den Megakonzern Inditex, das Mutterhaus der Kette Zara, gewinnen konnte: An sie verkauft er ohne Markenzeichen, in großen Mengen, aber mit kleinen Gewinnmargen. Dieses Jahr jedoch rechnet er mit einem Absatzeinbruch von 20 Prozent, in der Branche sogar mit minus 30 Prozent.
Halten der flaue Konsum und der Kreditmangel noch länger an, werden Asensio und viele andere ihre Belegschaften weiter verkleinern müssen. »Viele Unternehmen kämpfen um ihr Überleben«, sagt Asensio. »Am Anfang haben sie vor allem die ungelernten Kräfte entlassen, aber jetzt müssen sie schon ihren Fachkräften kündigen.« Die Krise frisst sich weiter, immer tiefer hinein in die spanische Wirtschaft.
- Datum 28.10.2009 - 15:26 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.05.2009 Nr. 23
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