Gedicht Nr. 23 Jungbrunnen

Ein Gedicht von Marion Poschmann

ich breche wieder in seine Ruhe ein:
das flache Wasser, schlaftrunken, wankt gereizt.
es spritzt. es zischt. Fontänen prasseln
nieder auf mich, auf die Glätte nieder

und bauen an Gedächtnispalästen: schon
sind blanke Säulen, perlende Pathosform
im Nichts versunken, und was Ich war
unsichtbar, unkenntlich, ein Atlantis.

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es unterspült mich. Hohlformen, Einfluß- Angst,
und nichts erinnernd außer ein Bild, so sanft
wie weiße Löwenleiber: alte
Wannen mit Tierpranken, mich verschlingend.

Wanne, du Saugnapf eines Ungeheuers,
dich besinge ich, singe schimmernd, schwimmend
die Verwandlungskräfte des Wassers, das mich
wieder zum Kind macht -

und Mutterhände, wächsern, ein Bild-im-Bild,
berühren mich, sie finden mich, wie sogar
ein abgetrennter Krakenarm noch
selbständig lebende Beute aufsucht.

 
Leser-Kommentare
  1. Auszug aus der Rezension Friedrich Schillers über Bürgers Gedichte:

    „Eine der ersten Erfordernisse des Dichters ist Idealisierung, Veredlung, ohne welche er aufhört, seinen Namen zu verdienen. Ihm kommt es zu, das Vortreffliche seines Gegenstandes (mag dieser nun Gestalt, Empfindung oder Handlung sein, in ihm oder außer ihm wohnen) von gröbern, wenigstens fremdartigen Beimischungen zu befreien, die in mehreren Gegenständen zerstreuten Strahlen von Vollkommenheit in einem einzigen zu sammeln, einzelne, das Ebenmaß störende Züge der Harmonie des Ganzen zu unterwerfen, das Individuelle und Lokale zum Allgemeinen zu erheben. Alle Ideale, die er auf diese Art im einzelnen bildet, sind gleichsam nur Ausflüsse eines innern Ideals von Vollkommenheit, das in der Seele des Dichters wohnt. Zu je größerer Reinheit und Fülle er dieses innere allgemeine Ideal ausgebildet hat; desto mehr werden auch jene einzelnen sich der höchsten Vollkommenheit nähern.“

    Diese Idealisierkunst vermisse ich bei der hier veröffentlichten Lyrik und zwar bei ALLEN Beiträgen. Hier wird nicht nur ohne Punkt und Komma gedichtet, weil es modern ist, sondern auch ohne jeglichen Sinn. Ich weiß nicht, von welchen Musen die Schreiber hier geküsst worden sind (ich scheue mich davor, hier das Wort „Dichter“ zu verwenden.

    Lyrik und Dichtung sollte dem Leser nicht nur „Erquickung für Geist und Herz“ sein. Er wird sicher nicht „in Gedichten die Vorurteile, die gemeinen Sitten, die Geistesleerheit wieder finden wollen, die ihn im wirklichen Leben verscheuchen“, sondern beim Lesen eines Gedichtes Seelenberührung und Tiefe verspüren wollen.

    „Es ist also nicht genug, Empfindung mit erhöhten Farben zu schildern; man muß auch erhöht empfinden.“

    Ich wundere mich immer wieder über die Auswahlkriterien deutscher Verlage.

    „Der höchste Wert eines Gedichtes kann kein andrer sein, als daß es der reine vollendete Abdruck einer interessanten Gemütslage eines interessanten vollendeten Geistes ist. Nur ein solcher Geist soll sich uns in Kunstwerken ausprägen; er wird uns in seiner kleinsten Äußerung kenntlich sein, und umsonst wird, der es nicht ist, diesen wesentlichen Mangel durch Kunst zu verstecken suchen. Vom Ästhetischen gilt eben das, was vom Sittlichen; wie es hier der moralisch vortreffliche Charakter eines Menschen allein ist, der einer seiner einzelnen Handlungen den Stempel moralischer Güte aufdrücken kann; so ist es dort nur der reife, der vollkommene Geist, von dem das Reife, das Vollkommene ausfließt. Kein noch so großes Talent kann dem einzelnen Kunstwerk verleihen, was dem Schöpfer desselben gebricht, und Mängel, die aus dieser Quelle entspringen, kann selbst die Feile nicht wegnehmen.“

    In diesem Sinne, Schiller sei Dank!

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  • Quelle DIE ZEIT, 28.05.2009 Nr. 23
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  • Schlagworte Gedicht | Literatur | Atlantis | Wasser | Kinder
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