Neulich saß ich bei einem Abendessen einer Autorin gegenüber. Sie schreibt große Artikel und hat einen Bestseller verfasst. Sie sagte, dass sie ständig von Fernseh- und Radiosendern angerufen wird, um sich als Expertin zu allen möglichen Fragen zu äußern, über die sie irgendwann mal was geschrieben hat. Man bekommt kein Geld dafür, es ist nur wegen der Ehre. Autoren, die als Experten auftreten, sind wie das Internet. Man will es unbedingt haben, aber niemand möchte für Inhalte bezahlen.

Mir geht es ebenso. Ich war schon Experte für deutsche Wiedervereinigungen, für Berlin, für Ethik im Journalismus, für den Papst, für Frauen, wie man mit ihnen umgeht, für moderne Architektur, für das deutsch-jüdische Verhältnis, für Humortheorie, für die nachlassende religiöse Bindung in der gehobenen deutschen Mittelschicht, für die SPD, für Erziehung und für deutsche Gegenwartsliteratur. Ich kriege gar nicht mehr alles zusammen.

Von den meisten dieser Themen verstehe ich nicht mehr als du oder ich, am wenigsten verstehe ich wahrscheinlich von den Frauen und vom Papst. Ich muss, wie jeder Autor, regelmäßig Texte schreiben, dann mache ich mir halt Gedanken und bin froh, wenn es wieder vorbei ist. Die Welt funktioniert nun einmal auf diese Weise. Niemand ist eine Insel. Hey, es ist schließlich gratis.

Zwei Mal die Woche klingelt das Telefon, eine Frau von Hitradio Superprima ist in der Leitung und will mich als Experten haben. Ich schaue mir dann an, was die anderen in der Regel zu diesem Thema sagen, und sage das Gegenteil. Ich erkläre, dass die Argumente der anderen Experten zu kurz greifen, ihre Sichtweise sei zu eurozentristisch, die machen es sich mit ihrem wohlfeilen Eurozentrismus alle zu einfach. Das ist frisch. Man will doch eine interessante Sendung haben im Radio…

In England hat sich ein Typ beim Fernsehen beworben, um einen Job als Mechaniker. Er heißt George und ist schwarz. Er saß im Foyer des Senders und hörte eine Lautsprecherstimme, George, Studio drei, bitte. In Wirklichkeit erwarteten sie in Studio drei einen Professor, der sich zur Wirtschaftskrise äußern sollte, dieser Professor hieß zufällig ebenfalls George und war zufällig ebenfalls schwarz. George wunderte sich, weil er vor einem Bewerbungsgespräch geschminkt wurde. Dann fragte eine Blondine ihn nach Hedgefonds, dem Dollarkurs und nach dem tendenziellen Fall der Profitrate. George dachte, wieso das jetzt, ich soll doch bloß die Heizung reparieren, aber er gab sein Bestes. Der Kapitalismus besitze gute, aber auch schlechte Seiten. Dollar könne man nie genug haben, aber Hedgefonds, na ja, wer’s mag.

Der echte George, der zu spät gekommen war, saß im Foyer. Er sah, zu seinem Entsetzen, auf einem Monitor einen fremden Mann, unter dessen Gesicht sein Name eingeblendet war. Die Fernsehleute waren begeistert. Seitdem ist der falsche George in England eine Art Universalexperte, sie nehmen ihn zu allen Themen. Er sagt vernünftige Sachen und ist von den echten Experten nicht zu unterscheiden, es gibt nämlich überhaupt keine echten Experten.

Übrigens weiß ich, wie man im Internet Geld verdienen kann. Es gibt im Internet Auto-, Partnerschafts- und Immobilienanzeigen, aber keine Todesanzeigenseite, die sich so durchgesetzt hat wie Immoscout oder Amazon. Man muss eine richtig kultige Nachrufseite gründen, www.lebtnichtmehr.de oder www.lebtdennderalteholzmichelnoch.com. Dies ist mein Expertenrat.