Nahost Kein Sieger, kein VerliererSeite 2/2
Eine Vermittlerrolle zwischen Iran und Amerika würde die Türkei überfordern
Allerdings könnte gerade die Türkei unter ihrer derzeitigen Regierung gelegentlich überschätzen, was ihr guter Zugang zu den Staaten in der Region tatsächlich bedeutet – etwa wenn Ankara zwischen Iran und den USA vermitteln möchte. Der türkische Ministerpräsident findet zwar beim Revolutionsführer in Teheran Gehör. Iran ist aber eher daran interessiert, mit der Supermacht USA direkt ins Gespräch zu kommen. Vorarbeit kann die Türkei leisten, aber eine Vermittlungsrolle würde sie überfordern.
Für die USA und die Europäische Union kann es nur nützlich sein, dass regionale Akteure ein eigenes Interesse an Konfliktlösungen in ihrem Umfeld entwickeln. Ankara, Doha, Kairo oder Riad sollten ermutigt werden, diese Bemühungen aufrechtzuerhalten, auch wenn die USA selbst wieder eine aktivere Rolle spielen wollen. Es geht um wechselseitige Ergänzung – besonders beim Kontakt mit Parteien oder Gruppen, mit denen der Westen nicht oder noch nicht sprechen will, die in der Region aber als akzeptable Verhandlungspartner gelten. Europäische Staaten, die, wie Deutschland oder Frankreich, einen großen und fähigen diplomatischen Apparat haben oder, wie Schweden, Norwegen oder die Schweiz, besondere diplomatische Fähigkeiten im Bereich der Vermittlung ausgebildet haben, könnten interessierten Staaten anbieten, sie beim Aufbau ähnlicher Fähigkeiten zu unterstützen. Tatsächlich verfügen unter den regionalen Staaten nur Ägypten, Iran, Israel (das allerdings wegen der ungelösten Konflikte mit seinen Nachbarn vorerst nicht als Vermittler in anderen regionalen Disputen infrage kommen wird) und die Türkei über schlagkräftige und hochprofessionelle diplomatische Dienste. Katar bemüht sich, in seinem Außenministerium eine Einheit auf Vermittlung spezialisierter Diplomaten aufzubauen.
Mindestens an einer Stelle können Europäer und Amerikaner von den Staaten des Nahen und Mittleren Ostens lernen: Sie sollten darauf verzichten, die regionalen Akteure von außen in zwei konkurrierende Gruppen – jüngst hieß das immer: eine »radikale« und eine »moderate« Achse – einzuteilen. Mit solchen Kategorien erklärt man gern komplexe Sachverhalte. Der Konfliktbeilegung dienen sie nicht. Tatsächlich verhalten die regionalen Staaten sich unterschiedlichen Konfliktkonstellationen gegenüber mehr oder weniger hilfreich. Das hängt wesentlich davon ab, ob sie davon überzeugt sind, dass die Beilegung eines Konflikts auch ihren eigenen Interessen dient. Deshalb ist es richtig, wenn Syrien, das einen gewissen Einfluss auf Hamas hat, in die Bemühungen um eine palästinensische Einheitsregierung einbezogen wird oder dass Iran eine aktive Rolle bei allen regionalen Bemühungen um Wiederaufbau und Frieden im Irak oder um die Stabilisierung Afghanistans spielt. Für die Beilegung innerstaatlicher Konflikte – im Libanon etwa, in den palästinensischen Gebieten oder auch im Irak oder in Afghanistan – gilt zudem, dass die westlichen Staaten möglichst nicht versuchen sollten, »Gewinner auszuwählen«. Entscheidungen, die einer Konfliktpartei die politische Macht und damit, gerade unter nichtdemokratischen Verhältnissen, den Zugang zu Ressourcen verschaffen, bereiten oft nur die nächste Runde gewaltsamer Auseinandersetzungen vor. Da kann man von den Saudis lernen, die für ihre Vermittlungspolitik gern das Motto »Kein Sieger, kein Verlierer« benutzen.
- Datum 28.05.2009 - 18:31 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 28.05.2009 Nr. 23
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Vielen Dank für diese Analyse. Auf zwei Seiten das komplizierte Akteursgeflecht des Nahen- und Mittleren Ostens zu skizzieren, ohne sich wesentlichen Auslassungen schuldig zu machen, das ist schon eine Kunst. Ich hoffe auf weitere Beiträge!
Der Schuss Obamas und Clintons vor den Bug israelischer Siedlungspolitik und sein überdeutlicher Hinweis, dass die israelische Aneignung fremden Bodens nicht toleriert wird könnte erstmals die Basis schaffen für eine realistische Friedenslösung.
Nur wenn an die Politik aller Akteure der gleiche Masstab angelegt wird, kann ein Weg gefunden werden.
Vor allem sich selber. Denn im Nahen Osten gibt es nichts zu vermitteln.
So düster dies auch klingen mag: Die Geschichte wird beweisen, dass allein neue bewaffnete Auseinandersetzungen für die Schaffung von Realitäten gesorgt haben werden.
Auch wenn man es sich anders wünschte...
[...]
Nur der ach so zivilisierte "Westen" kann Vermittlungen führen, die zu dauerhaften Lösungen führen. Hallo?
Wenn alle vier Jahre, wenn nicht noch öfter, ein anderer Kurs vorgegeben wird. Meist sogar ein gegensätzlicher.
Wenn man bedenkt, das viele dieser Konflikte gar nicht erst entstanden wären, wenn der "Westen" seine Finger bei sich behalten hätte.
Und dann auch noch anprangern, das Libyen die sudanesischen Konfliktparteien instrumentiert hat. Das macht der ach so gute "Westen" doch ständig. Wer ist denn auf den ersten drei Plätzen der Waffenexporteure weltweit? Das sind nicht Saudi Arabien, Libyen oder die Türkei.
Bescheidenheit wäre mal eine Tugend, die "der Westen" noch lernen sollte.
[Gekürzt, bitte formulieren Sie Kritik sachlich. Danke. /Die Redaktion pt.]
...beschreibt, ist ein Prozess der Emanzipation der Völker des Nahen und Mittleren Ostens.
Emanzipation von der Bevormundung der USA und der ehemaligen Kolonialmacht Gross-Britannien vor allem.
Der zunehmende Reichtum der Ölstaaten, die ständig gestiegene Bildung grösserer Bevölkerungsschichten trug im Wesentlichen dazu bei, dass dieser Prozess inzwischen auch im Westen bemerkt wird.
Als Folge wird , am Rande bemerkt, auch Israel nicht umhin kommen, die Nachbarvölker als gleichwertig und gleichberechtigt zu sehen und zu behandeln.
Die sich in der Veränderung befindende Nahostpolitik der USA beginnt ganz offensichtlich, dem Rechnung zu tragen.
Der Artikel ist insoweit eine erstklassige, objektive Darstellung dessen, was in dieser Region an Veränderungen stattfindet.
Informationen vergleichbarer Qualität liefert übrigens Robert Fisk im Independent.
Israel in die USA zu verlegen würde tausende von Menschenleben bewaren bei Aufgabe der Idee, daß Israel in Palästina liegen muß. Für die Israelis wäre dies das Ende von Furcht und Bangen, sie bräuchten die Atombombe und die enormen Militärausgaben nicht mehr.
Aber natürlich ist diese simple Vorstellung allzu einfach, man liebt den Kampf, und
Opfer sind akzeptiert, meistens sind es ja nur Palästinenser. Ich hörte sogar von der Zuneigung zu Panzern als Garanten der Freiheit.
Also: warum beklagen sich die Israelis dann über Attentate/billige Raketen von der anderen Seite der Mauer?
...der Extremisten, die hier vom "Transfer" der Palästinenser in die arabischen Nachbarstaaten schwafeln. Und genau so weit von jedem Ansatz zum Frieden entfernt.
...der Extremisten, die hier vom "Transfer" der Palästinenser in die arabischen Nachbarstaaten schwafeln. Und genau so weit von jedem Ansatz zum Frieden entfernt.
...der Extremisten, die hier vom "Transfer" der Palästinenser in die arabischen Nachbarstaaten schwafeln. Und genau so weit von jedem Ansatz zum Frieden entfernt.
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