Die ZEIT: Sir Simon, im Hause Rattle steht die Tür für viele Komponisten offen. Aber der liebste Gast ist Ihnen Joseph Haydn, so haben Sie kürzlich gesagt. Stimmt das?

Simon Rattle: Ja, dem koche ich jeden Morgen Kaffee.

ZEIT: Es gibt wahrscheinlich nur wenige Dirigenten, die ausgerechnet Haydn für den größten Komponisten halten.

Rattle: Ich sage ja nicht, dass er der Größte ist. Aber er steht ganz oben. Haydn hat den klassischen Stil erschaffen. Was wäre die Symphonie ohne ihn? Was wäre das Streichquartett ohne ihn? Gäbe es ohne ihn die Sonate?

ZEIT: Jetzt machen Sie, was die meisten Musiker machen, wenn sie über Haydn sprechen – Sie würdigen seinen historischen Rang. Aber oft vermisst man in solchen Lobesworten die persönliche Begeisterung.

Rattle: Weil die meisten kaum etwas von Haydn kennen. Ich behaupte, es haben mehr Leute Finnegans Wake von James Joyce zu Ende gelesen, als sich Musiker in das Gesamtwerk von Haydn vertieft haben.

ZEIT: Und wie ist das bei Ihnen?

Rattle: Ich bin ein Haydn-Verrückter. Aber selbst das, was ich kenne, macht wahrscheinlich nicht einmal zwanzig Prozent dessen aus, was Haydn insgesamt komponiert hat.

ZEIT: Wann und wo hat Ihre Leidenschaft für Haydn begonnen?

Rattle: Als ich Student war, veröffentlichte Antal Dorati seine Gesamteinspielung aller Haydn-Symphonien. Von denen habe ich viele gehört und war hin und weg. Etwa zur gleichen Zeit lernte ich die Streichquartette kennen. Das Amadeus-Quartett führte sie bei den Sommerkursen im südenglischen Dartington auf. Ich hörte sie damals zum ersten Mal live. Es war Liebe auf den ersten Blick.

ZEIT: Und Haydn blieb eine feste Größe in Ihrem Repertoire bis heute?

Rattle: Ja, ich habe ihn überall dirigiert. Mit den Orchestern, bei denen ich Chef war, auf historischen Instrumenten, überall. Als Gast habe ich mich sogar mit den amerikanischen Orchestern durch die Symphonien gekämpft, mit den allergrößten Problemen. Ich wollte die Symphonien immer so aufführen wie das Amadeus-Quartett die Streichquartette – als Kammermusik, ganz frei, wie improvisiert.

Der Dirigent Sir Simon Rattle verehrt Haydn © John MacDougall/AFP/Getty Images

ZEIT: Auch als sie Chef der Berliner Philharmoniker wurden, haben sie sofort Haydn aufs Programm gesetzt.

Rattle: Ich habe ihn in Berlin schon bei meinen Gastauftritten während der Karajan-Zeit dirigiert. Das war nicht einfach. Es kam mir damals vor wie ein Ballett mit Elefanten.

ZEIT: Ein Ballett mit Elefanten?

Rattle: Ja, alles war zwar perfekt gespielt, die Sechzehntelmaschine ratterte, aber es klang schwer und fest und ohne Flexibilität. Da hat sich inzwischen sehr viel verändert.

ZEIT: Joseph Haydn arbeitete 28 Jahre lang im Dienste der Fürsten Esterházy in Eisenstadt am immergleichen Ort. Welche Folgen hatte das für sein Komponieren?

Rattle: Ich glaube, sein Schaffen war von großer Einsamkeit geprägt. Er war todunglücklich verheiratet. Seine Ehefrau wollte mit Musik nichts zu tun haben. Er hat es ja wie Mozart gemacht und die Schwester der Frau geheiratet, die er eigentlich haben wollte. Bei Mozart und Constanze ging das gut, bei Haydn ging es schief. Er muss auch über seine Ehe hinaus isoliert gewesen sein. Auf der einen Seite war es ihm nicht gestattet, sich unter die Aristokraten zu mischen, auf der anderen Seite konnte er sich nicht mit den ihm untergebenen Musiker gemeinmachen. Er stand einsam irgendwo dazwischen. Oder nehmen Sie den rätselhaften Umstand, dass dieser eigentlich vor Neugier brennende Komponist auf Schloss Esterházy saß und kaum Abstecher ins nahe Wien unternahm, wo überaus interessante musikalische Dinge passierten. Er durfte es nicht. Der Fürst bestand auf den musikalischen Verpflichtungen: »Entschuldigung, aber wir brauchen die neue Marionettenoper und das neue Baryton-Trio.« Sein Leben scheint jenseits der Musik vollkommen ereignislos verlaufen zu sein, weil er so unglaublich viel arbeiten musste. Es ist kaum zu ermessen, wie viel er zu tun hatte.

ZEIT: Es gibt ja dieses berühmte Zitat von Haydn über Schloss Esterházy als sein kompositorisches Labor: »Ich konnte als Chef eines Orchesters Versuche machen, beobachten, was den Eindruck hervorbringt und was ihn schwächt, also verbessern, zusetzen, wegschneiden, wagen; ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an mich selbst irre machen und quälen, und so musste ich original werden.«

Rattle: Ja, er musste original werden, er hatte keine andere Wahl. Wobei der Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Originalität weiß Gott nicht zwingend ist: Wie viele andere Künstler hingen an kleinen Orten fest und blieben das Gegenteil von originell. Haydn hat es mit seiner Originalität so weit getrieben, dass die Leute in Esterházy anfingen zu jammern, seine Sachen würden allmählich zu befremdlich. In seinen Symphonien hat er wirklich verrückte Sachen veranstaltet.