Wenn dieses Surren nicht wäre, könnte man denken, man sei in einem ganz normalen Naturschutzgebiet. Am Wegrand wächst gelb blühende Wolfsmilch, ein paar Schritte weiter stehen Ginsterbüsche, irgendwo singt ein Vogel. »Das ist der Baumpieper«, sagt Michael Schlote vom Forstamt Groß-Gerau. »Der ist selten.« Weil hier neben dem unauffälligen kleinen Vogel viele andere gefährdete Tier- und Pflanzenarten leben, ist die Heidelandschaft in Mörfelden bei Frankfurt in das Natura2000-Programm der EU aufgenommen worden, das schützenswerte Gebiete auszeichnet.

Eine richtige Idylle also, würde sich unter das Vogelgezwitscher nicht dieses elektrische Knistern mischen. »Korona-Entladungen«, sagt Dirk Uther mit einem Blick nach oben. Uther arbeitet für den Stromkonzern RWE. Einige Meter über seinem Kopf, mitten durch das Naturschutzgebiet, verläuft eine Hochspannungsleitung. Hinter Uther steht in einiger Entfernung ein graugrüner, schon leicht angerosteter Strommast. Was wirkt wie eine Gefahr für die Natur, ist das genaue Gegenteil: ihre Bestandsgarantie.

Denn in Mörfelden war zuerst die Hochspannungsleitung da, dann – und deshalb – kam das Naturschutzgebiet. Nur wegen der hässlichen Masten ist dieses Biotop überhaupt entstanden.

Das ist kein Einzelfall und klingt zunächst paradox. Freileitungen haben keinen guten Ruf. Sie sind industrielle Zweckkonstrukte und verschandeln die Landschaft. Vögel kollidieren mit den Leitungen oder verenden an Stromschlägen. Regelmäßig entbrennt Bürgerprotest gegen die von Stromtrassen ausgehende elektromagnetische Strahlung. Aktuell setzen sich in Thüringen die Grünen und zahlreiche Bürgerinitiativen gegen Vattenfall-Pläne für eine Trasse durch den Thüringer Wald ein. Im hessischen Mörfelden versuchten Anfang der achtziger Jahre gar Demonstranten die Strommasten umzusägen – die Trasse wurde zum Nebenschauplatz des Widerstands gegen die Frankfurter Startbahn West. Bis heute zeugen wuchtige Verstärkungen am Fuß der Masten von jener Zeit. Inzwischen ist es technisch machbar, Strom ohne allzu große Verluste über längere Strecken durch unterirdische Kabel zu leiten. Viele Trassengegner fordern genau das, in Thüringen zuletzt der ehemalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin.

An der Grenze zwischen zwei Lebensräumen wächst die Artenvielfalt

Womöglich könnte solche Ablehnung der Umwelt schaden. Denn die verhassten Überlandleitungen nutzen der Biodiversität. Das zeigen Biotope wie das Mörfeldener. Hier hat ausgerechnet die Hochspannungstrasse einen Rückzugsraum für seltene Arten geschaffen.

Um das zu verstehen, braucht es einige forstwirtschaftliche Grundbegriffe. »Edge-Effect« lautet der wichtigste, er bezeichnet das Phänomen, dass just an Grenzflächen zwischen zwei verschiedenen Lebensraumtypen die Artenvielfalt in die Höhe schießt. »Am besten untersucht ist dieser Effekt an Waldrändern«, sagt Renate Bürger-Arndt, die sich an der forstwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen mit Landespflege und Naturschutz beschäftigt. »Wenn der Übergangsstreifen zwischen Wald und offenem Land breit genug ist, siedeln sich dort lichtliebende Gehölze an, Sträucher wie Schlehdorn oder Liguster, für die es im Wald zu schattig ist.« Hecken und Gebüsche wiederum ziehen Vögel wie den Baumpieper an, die ihre Nester darin bauen. Im niedrigen Unterholz kann sich Wild verstecken, das auch hier in Mörfelden seine Spuren hinterlassen hat: Wildschweine haben den lockeren Boden gründlich umgegraben. Jetzt am Mittag ist von ihnen nichts mehr zu sehen, sie stecken irgendwo im Wald aus Hainbuchen und Eichen, der sich rechts und links der Trasse erhebt. »Wo in Deutschland landwirtschaftlich und forstwirtschaftlich genutzter Boden aneinandergrenzen, gibt es praktisch keine Übergangsstreifen zwischen Wald und Feldern mehr«, sagt Bürger-Arndt. »Jeder will seinen Bereich so weit nutzen wie irgend möglich, dabei geht der Waldrand zugrunde.«