Ökologie Eine Leitung für das LebenSeite 3/3

Verschwindet die Leitung im Boden, verlieren die Fischadler ihren Horst

Sechshundert Kilometer nordöstlich von Mörfelden, im seenreichen Brandenburg, haben die Stromleitungen ihren ökologischen Nutzen auch in der Vertikalen unter Beweis gestellt. In schwindelnder Höhe bauen Fischadler hier ihre Horste, bevorzugt an Stellen mit reichlich Überblick. Entweder in großen, freistehenden Bäumen oder eben in einer Reihe von Starkstrommasten. Durch Überjagung waren die Fischadler in diesem Gebiet schon fast ausgestorben. Inzwischen hat sich der Bestand in ganz Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern wieder erholt – nicht zuletzt dank der zahlreichen Nistplätze auf den Masten. Um zu verhindern, dass die Greifvögel ihre Nester zu nah an den Drähten bauen, schweißen Leitungsmonteure grobmaschige Körbe aus Stahl oder Eisen auf den Querträgern an, wo ein Adlerhorst unbedenklich ist. »Die Tiere nehmen die Nisthilfen gut an«, sagt Boris Preckwitz von der Heinz-Sielmann-Stiftung, die im märkischen Storkow einen Mast-Horst mit einer Webcam ausgestattet hat. »Von den dreihundert Paaren, die in Brandenburg leben, hat mindestens die Hälfte ihren Horst auf Masten gebaut.« An den Leitungen zu Tode gekommen ist nach Preckwitz’ Wissen noch kein einziger Fischadler. Brenzlig wird es eher für die Leitungsmonteure. Sie steigen auf die Masten, nachdem die Greifvögel geschlüpft sind, und beringen den Nachwuchs unter den misstrauischen Blicken der Adlereltern.

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Sollten die Stromleitungen tatsächlich einst unter die Erde verlegt werden, wie viele Freileitungsgegner es fordern, verlören die Fischadler einen wichtigen Teil ihres Lebensraums. Grundsätzlich ist keineswegs gesichert, dass eine Erdleitung den kleineren Eingriff in die Natur darstellt: Um ein Hochspannungskabel in mehreren Metern Tiefe zu versenken, muss der Boden mit schwerem Gerät aufgegraben und manchmal mit einem Fundament ausgegossen werden. Weil die Erdkabel große Hitze entwickeln, wird der Graben oft nicht mit Erde, sondern mit Wärme ableitendem Sand gefüllt. Damit die Monteure bei einem Störfall nicht erst Wurzeln entfernen müssen, um an die Leitung zu kommen, muss zudem der Bewuchs viel radikaler zurückgeschnitten werden. Es bleibt eine Trasse, leerer als unter einer Freileitung. Einen Vorteil bietet indes die unterirdische Variante: Anwohner und Spaziergänger fühlen sich nicht von graugrünen Masten, deutlich vernehmbarem Surren, gar von subjektiv erspürtem Elektrosmog gestört. Kurzum, an den Freileitungen stört sich vor allem der Mensch.

Für Max Krott, Professor für Forstpolitik in Göttingen, ist genau das der entscheidende Punkt: »Für die Artenvielfalt ergibt sich aus Hochspannungsleitungen in vielen Fällen sogar ein Mehrwert, vor allem, wenn die Trasse durch den Wald verläuft.« Zwischen diesem rein ökologischen Kriterium liege oft ein gewaltiger Unterschied zu menschlichen Vorstellungen. »Strommasten stören die Einsamkeitsromantik der Menschen«, sagt Krott. »Tiere kennen aber keine Romantik. Es gibt nirgendwo so schöne Biotope wie auf Truppenübungsplätzen, auf denen regelmäßig der Rohboden zum Vorschein gebracht wird.« Das Verlangen nach – scheinbar – unberührtem Wald gesteht der Forstpolitiker den Bürgern durchaus zu. Aber wer immer gegen Freileitungstrassen protestiere, wünscht sich Krott, solle dabei doch angemessen argumentieren: soziokulturell, nicht ökologisch.

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Leser-Kommentare
  1. 1. Merke:

    Nicht alles was dem holzschnittartigen Bild des Menschen von "intakter Natur" entspricht muss auch das Beste für die Ökologie sein.

    Ähnliche Biotopentwicklungen hat man auch an Orten beobachtet wo man es gar nicht vermutet, auf Militärübungsflächen, im ehemaligen Todesstreifen der innerdeutschen Grenze und selbst auf Brachen von ehemaligem Braunkohletagebau. Dort haben sich Biotope eine Nische gesucht die sonst keine Chance haben - die "Biodiversität" hat sich erhöht. Aber die "häßlichen" Abraumhalden die der Tagebau hinterlassen hat stören natürlich ebenso das genannte holzschnittartige Gemälde vom röhrenden Hirsch den wir von der "intakten" Natur haben. Also muss das wieder umgebaggert werden. Für viel Geld. Und zu Lasten dieser Biotope, damit der Biodiversität.
    Dass sich Leute am Anblick von diesen Masten am Horizont stören wenn sie dem röhrenden Hirsch nachjagen in unseren Kulturlandschaften kann ich verstehen. Schön find' ich die auch nicht, wer tut das schon. Aber dann soll man das so sagen und nicht das "Totschlagargument" des Umweltschutzes benutzen.

    • Hugo_P
    • 30.05.2009 um 21:45 Uhr

    Als eventuell Betroffener (Zusammenführung von Trassen, d.h. Autobahn und Hochspannungsleitung), auch wenn gemunkelt wird, das ebenjene ( Klick) doch durch den Wald geht, habe ich hier den leisen Verdacht, daß der Artikel gekauft wurde!
    Der Firma Vattenfall gehts nicht drum, Windstrom aus dem Norden mit der Trasse durch den Thüringer Wald gen Süden zu führen und/oder eine weitere Verbindungsstelle bezüglich eines gesamteuropäischen Verbundnetzes zu schaffen.
    Da gehts einfach mal um ne Lizenz zum Gelddrucken
    zu optimieren, weil ebenjenes Pumpspeicherwerk bis jetzt nicht so richtig dazu genutzt werden kann, im "Westen" zu Spitzenzeiten und -preisen, zu denen der Strom gebraucht würde, diesen hinzufördern.
    Die Koppelstellen zwischen dem ehemaligen RGW-Gebiet und Westeuropa auszubauen erfordert es auf keinen Fall, den Thüringer Wald zu queren!

    Und wenn ich solche Artikel lese, bekomme ich richtig schlechte Laune, das bißchen Surren (>60 dB) macht ja nix, wenn mensch 300 m weit wegwohnt.
    Falls die die sch...öne Leitung hier langpflastern, hm, da gibts Sägen...
    Ach und es werden Biotope angelegt? Ja, die Argumentationsführung ist natürlich frei aller Einflüsterungen von Leuten, welche ihr Geld mit dem Verkauf und Vertrieb an Strom verdienen und ich natürlich Jesus, welchem Bohnen aus den Ohren wachsen...

    Falls es ein paar Mitkommentatoren interessiert; dazu, d.h. also eher das "Dagegen" schreib ich gerne einen Artikel.

    Dummerweise wird mein Honorar genau dasjenige sein, welches Ehrenamtliche bekommen. An die wird ja immer appelliert, (wenn ich grade dabei bin), was wäre, wenn alle jene, welche nicht unbedingt einen geldwerten Vorteil aus ihrer freiwilligen Bereitschaft erwarten, von heut auf morgen ihre Aktivität einstellen???

    Vielleicht sollt ich mich Vattenfall andienen, ich kenn mich hier ein bißchen aus und würds auch hinkriegen, den Leuten Sch... als Bonbons zu verkaufen. Hauptsache, das Zeilenhonorar stimmt!

  2. Nachdem sich die Biodiversität erhöht, können die schon lange bekannten und nachgewiesenen Risiken ins Reich der "Einbildungen" von "übereifrigen Umweltschützern" verbannt werden. Das geht offensichtlich sprachlich ohne Mühe, wie uns der Artikel beweist. Ob die traurige Realität solche Schlenker im Repertoire hat, sollten wir besser nicht erwarten.

  3. Um Schneisen in den Wald zu schlagen, brauch es keine Hochspannungsmasten!
    ad absurdum

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