Der Fall Kurras Kurraskapaden

Nur Fakten verändern die Geschichte, nicht Fantasien

Studentenprotest 1964 an der Universität Berkeley: Mario Savio, Sprecher des Free Speech Movement, und mehrere hundert Kommilitonen besetzen das Verwaltungsgebäude Sproul Hall

Studentenprotest 1964 an der Universität Berkeley: Mario Savio, Sprecher des Free Speech Movement, und mehrere hundert Kommilitonen besetzen das Verwaltungsgebäude Sproul Hall

Die dümmste und zugleich faszinierendste Frage ist »Was wäre, wenn…«: Wenn wir schon am 2. Juni 1967 gewusst hätten, dass der »Fascho-Bulle« Kurras, der den Demonstranten Ohnesorg erschossen hatte, im Nebenberuf Stasiagent war? Diese Frage entzieht sich logischerweise jeglicher Beweisführung, aber seine Fantasie ausleben kann jeder, je nach Ideologie und Biografie.

Muss die Geschichte umgeschrieben werden? Das wird sie andauernd, aber nur, wenn wir Neues in ihr selber finden. Wenn wir zum Beispiel aus Akten und Berichten erführen, dass die Stasi West-Berlin und die Studenten- und Friedensbewegung fester im Griff hatten, als wir wähnen. Aber das hat mit Recherche, nicht mit Meinungen zu tun.

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Trotzdem soll hier eine Meinung gewagt werden, wiewohl eine, die im Strom der Geschichte, nicht der Spekulationen schwimmt. Diesen Strom hat der Tod des Studenten nur genährt, aber nicht geschaffen. Die Kulturrevolution im Westen wurde nicht am 2. Juni 1967 in Berlin, sondern am 1. Oktober 1964 in Berkeley, Kalifornien, geboren.

Hierzulande glaubt man gern, dass »68« eine ödipale Revolte der Nachgeborenen gegen ihre Nazieltern war. Das ist zu germanozentrisch. Der Aufruhr wanderte von der amerikanischen Westküste an die Ostküste (wo dieser Autor im Herbst 1964 nach einer Rathausbesetzung nicht sehr heldenmütig eine Nacht im Knast verbrachte), dann nach West- und Osteuropa (siehe Prager Frühling 1968) und rund um die Welt nach Japan.

Die Umstände variierten von Land zu Land (Bürgerrechte, Vietnam, Versteinerung, dazu Sex, Rock und Gras). Dem Tod Ohnesorgs entsprach im größeren Maßstab das »Kent-State-Massaker« von 1970, bei dem Nationalgardisten in den USA vier Studenten erschossen. Acht Millionen streikten darauf in Amerika, selbst Highschools wurden geschlossen. Doch waren diese Tragödien nur Brandbeschleuniger, nicht Brennholz. Wir werden auch nie wissen, ob die Revolte Ursache oder Wirkung war, die Studenten Träger oder Getragene waren. Marx wäre jedenfalls gegenüber dem Vaterschaftsanspruch der Jungen skeptisch gewesen. »Die Menschen machen ihre eigene Geschichte«, schreibt er in Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, der immer noch besten Revolutionsanalyse, »aber sie machen sie nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.«

Leser-Kommentare
    • lef
    • 31.05.2009 um 14:24 Uhr

    Die "Pille" als eigentlichen Auslöser für eine kulturelle weltweite Veränderung zu finden ist IMHO nicht weniger (pardon) dümmlich, als z. B. eine Stasivermengung im Fall Kurras.

    Richtig ist, dass der eigentliche Startpunkt der weltweiten Veränderung weit früher gesucht werden muss und die "68er Bewegung" in D. auch nur eine Folgeerscheinung genannt werden muss.
    Aber auch 1964 in Kalifornien ist es nicht und auch nicht die "Pille".

    Aber ebenso richtig ist (IMHO!), dass die gesamte Veränderung (weltweit) noch lange nicht erforscht ist - wohl u.A. deswegen, weil jede Generation in jedem Industriestaat (und nur DA geschahen diese Veränderungen!) narzisstisch die eigene Geschichte und deren Sprünge bzw. sprunghaften Veränderungen sieht, nicht jedoch die weltweiten Gemeinsamkeiten.

    Das von Ihnen zitierte Marxfragment deutet nur einen Teil der möglichen Veränderungsmechanismen an - diese These wird heute vorwiegend von Konstruktivisten (Luhmann ff) vertreten, und deren Erkenntnisse sind zwar nicht abgestritten, aber leider auch nur als eine von vielen möglichen Theorien anerkannt (und sind im Übrigen auch nur von Wenigen verstanden worden).

    Aber folgt man dieser Gedankenkette von Marx über Luhmann ff, dann liegt der wahre Ursprung der in den 60er bis 70er Jahren vollzogenen gewaltigen Veränderung weltweit in Industriestaaten darin, dass Industriestaaten (also allen Staaten, in denen kapitalistische Wirtschaft entstand)
    eine kulturelle Entgrenzung bedingt.
    (auch ein leider nur wenig erforscher Vorgang, vor Allem wird kulturelle Entgrenzung weltweit immer noch eher bedauert, als positiv gesehen)

    Diese hat zur Folge, dass die kulturell vorgegebene Rollenverteilung (Identität der Einzelnen) sich verliert (überflüssig und bremsend wird).
    Es entsteht dann (ganz natürlich) Individualität der Einzelnen, die wiederum Kommunikationsfähigkeit bedingt und ermöglicht - zunächst immer noch gesellschaftlich determinierte Kommunikation (sagt Luhmann), später aber auch völlig unabhängig oder gar natürlich angeborene (sagt z.B. A.Gruen).
    Am Ende steht dann die Emergente Ordnung (wiederum von Luhmann entdeckt) , die wir (und alle Industriestaaten weltweit) ja schon ansatzweise praktizieren.

    Eine weiterhin praktizierte Festlegung auf konkrete Daten oder konkrete Erfindungen ("Pille" ff) ist da wenig hilfreich und verwechselt Ursache und Wirkung. Auch das "Internet" ist ja nicht vom Himmel gefallen.

    Es ist sicher nicht Aufgabe von Journalisten, die Welt zu erklären - dafür gibt jeder Staat viel Geld aus, um auf Universitäten dieses Wissen erarbeiten zu lassen. Und auch diese gut bezahlten Wissenschaftler "stochern nur im Nebel herum".

    Aber zumindest könnten Journalisten die Klärung von offenen Fragen fordern, statt - wie Sie es leider auch tun - genau so (wiederum pardon!) dümmliche punktweise Möglichkeiten zu erraten.

    Die wahre Ursache liegt (IMHO!) bereits im Beginn des "Kapitalismus", das ahnte Marx (aber nur, weil er Hegel gelesen hatte, und Beide konnten die Entstehung von Individualität nur erahnen), HIER begann der Prozess und zwar folgerichtig bis heute.
    Luhmann (der ja Individualität bereits in allen Facetten sehen und erleben konnte) konstruierte die Theorie von der sprunghaften Entwicklung in Gesellschaften per Kommunikation und erahnte das (vorläufige!) Ergebnis - die Emergente Ordnung.

    Heute müssten wir (dank Internet) eigentlich schon etwas weiter sein.

  1. Die Tatsache dass Kurras fuer Stasi spionierte aendert nicht den Sachverhalt am 2. Juni 1967. Das sind 2 getrennte Vorgaenge, wie Oel und Wasser.

    Kurras hatte nicht auf Geheiss von Stasi oder wegen seiner Pro SED Ideologie Ohnesorg erschossen. Wenn er kein Spion waere, wuerde er den gleichen tun.

    Sein Tat ging auf seiner Besessenheit zum Waffen und auch Pflichtbewusste als Polizeibeamte zurueck, nicht politischen Grund.

    Anwaerter "Bundespreis fuer Online Literatur"
    Runzheim in Google

  2. Klatsch. kaltsch.klatsch....

    Zuuugabe, noch mal auf die Bühne.

    Blumen...

    ...

    Danke Herr Joffe, wieder einmal ein Beweis, warum die Zeit lesenswert ist und Qualität sich auch im Netz durchsetzen wird!

    Liebe Gruesse
    Sikasuu

  3. Den "Stasi-Schergen" finde ich ein bißchen manipulativ. Man bekommt den Eindruck der Artikel könnte geschrieben worden sein, um neue Vokabeln unters Volk zu bringen.
    Daß die Pille eine Rolle spielt ist schon ein mehrmals gesagt worden. In 'schland spielte es aber sicher eine beträchtliche Rolle daß viele junge Menschen gar keine Väter (mehr) hatten. Also kein Ödipus. Das waren junge Leute ohne die alten Komplexe die sich nicht mehr die alte Leier antuen lassen wollten. Die jungen Leute mit Vätern haben sich diesen Freien angeschlossen.
    Man könnte sich zudem fragen, welche Männer der Krieg verschluckt hat.
    Man konnte sich zB freiwillig zu nichtkämpfenden Truppenteilen melden und eine ruhige Kugel schieben, um im Nachkriegsdeutschland noch Kinder zu erziehen. Man hatte noch eine Wahl selbst wenn es keine mehr gab:
    http://www heise.de/tp/r4/artikel/26/26068/1.html.
    -> "Ik konn't nit"
    Andere haben sich freiwillig zu Kampftruppen gemeldet - Es fand vielleicht eine Selektion statt, die '68 erst ermöglicht hat. Wie die aussah kann aber dahingestellt bleiben. Da hat Joffe nämlich Recht: Fakten reichen aus und Spekulation ist überflüssig.

    • eras
    • 31.05.2009 um 20:35 Uhr

    Man bekommt den Eindruck, dass hier eine Verteidigungsrede gehalten wurde, obwohl noch gar keine Anklage vorliegt. Die Frage, ob die Stasi an den Ereignissen des 2. Juni beteiligt war, ist derzeit völlig offen. Die Akten geben keine Hinweise in diese Richtung, man kann aber auch davon ausgehen, dass die Stasi solch brisantes Material bei der großen Schredderaktion zuerst gelöscht hätte. Was unstreitig ist: Der Schuss auf Benno Ohnesorg (und die Schüsse auf Rudi Dutschke) löste eine Radikalisierung der Studentenschaft aus, die wenig später in den Gewaltalptraum der RAF führte. Unstreitig ist auch: Die 68er-Bewegung wurde nicht an diesem Tag geboren.

    Als "Nachgeborener" ohne ideologische Brille habe ich den ganzen Wirbel um die "68er" und ihre Gegner nie vollständig verstanden. Für mich hatte diese Periode ihre guten und ihre schlechten Seiten. Viel Verknöchertes wurde aufgebrochen, dafür verknöcherte man an anderer Stelle.

    Was einem immer auffällt ist die Vehemenz, mit der die Vertreter von 68 ihre eigenen Verdienste aufzählen und die gleichzeitige Unfähigkeit zur Selbstkritik, wenn es um die negativen Seiten der Bewegung (die naive Vergötterung des Diktators Mao, die verbale Unterstützung Pol Pots oder die teilweise grenzwertige "Diskussionskultur" - besonders gegenüber Andersdenkenden) geht.
    Auch an den Universitäten ist die Präsenz der Alt-68er-Professoren in vielen Fällen inzwischen mehr zur Bürde geworden, wie ich aus eigener, leidvoller Erfahrung berichten kann. Denn wenn es um die Aufarbeitung eines geschichtlichen Themas geht, dann sind Beteiligte selten bereit, an den lang gepflegten Mythen zu rütteln.

    Zum Glück gibt es auch Ausnahmen, wie das durchaus auch schmerzhaft selbstkritische Buch "Unser Kampf" von Götz Aly - dessen Untertitel "ein irritierter Blick zurück" ist Programm. Aly, der ja bekanntlich gerne mal aneckt, bringt darin so einige Details der 68er-Bewegung zum Vorschein, die sonst von den Beteiligten gern unter den Tisch gekehrt werden. Und wurde dafür, wie von ihm wohl auch erwartet, von ehemaligen Genossen gegrillt.

    Das entgültige Urteil über Verdienste und Schattenseiten der Studentenbewegung wird wohl erst von nachfolgenden Generationen gesprochen werden. Ob der "Fall Kurras" dabei eine hervorstechende Rolle spielen wird, darf bezweifelt werden. In diesem Punkt ist Herrn Joffe wohl zuzustimmen.

    • th
    • 31.05.2009 um 21:27 Uhr

    es ist doch lange bekannt, dass die europäische Studentenbewegung der amerikanischen nachfolgte - auch wenn das bei uns manche "68er"-Freunde und -Feinde nicht gerne hören. Soweit so gut. Es bleiben aber die folgenden spezifisch deutschen Aspekte:

    - das Verhalten sowohl der West-Berliner Staats- und Polizeiführung und Justiz war äußerst fragwürdig, ganz egal ob Kurras nun Stasi-Agent war oder nicht

    - die Hetz-Kampagne der Springer-Presse war eine Schweinerei (sorry Redaktion, dass ist ein Werturteil und eine erlaubte politische Schmähkritik, und muss so stehen bleiben) , und soweit mir bekannt, hat man sich für diese Hetzkampagne niemals entschuldigt, oder sie mindestens einen Fehler genannt.

    - bis weit in die 60er-Jahre hinein war der deutsche Staatsapparat, genau wie die Wirtschaft, mit ehemaligen Nazis durchsetzt. Dies war vielleicht nicht ganz zu vermeiden, wenn man einen friedlichen und geordneten Übergang in einen normalen demokratischen Staat wollte, wie Adenauer, der selbst keineswegs mit den Nazis sympathisiert hatte. Aber es prägte die bedrückende politische Atmosphäre in der Bundesrepublik, und trug zur Erbitterung der studentischen Opposition erheblich bei. Leider kam der "Machtwechsel" zur sozialliberalen Regierung Brandt-Schell zu spät, um diese Erbitterung noch aufzufangen, so dass sich die groteske Situation ergab, dass selbsterklärte "Antifaschisten" mit Gewalt gegen eine Demokratie kämpften, in deren Regierung soviele echte Antifaschisten saßen, wie niemals vorher oder nachher. (Heute kostet es ja nichts, den "Antifaschisten" darzustellen.)

    Immerhin wäre die Hetzkampagne der Springerpresse auf dem Bauch gelandet, wenn damals die Stasi-Mitgliedschaft des Kurras bekannt geworden wäre.

  4. Konrad Lorenz hat keine Bezüge auf Herrn Joffe und seinen Knastaufenthalt in Berkeley auf dem Pappschild gehabt. Da muss Herr Joffe ganz alleine mit fertig werden und seinem Pillentrauma.
    [...] Herr Kurras war genau das, was die 68er anprangerten: ein brutaler Killer, dem es relativ egal war, wer für seine Mordlust sponsorte. Ob die Nazis, wie bei den Eltern der 68ern, dem bruatlen Berliner Senat, dessen brutale Polizeihorden aus dem Bullenkloster in Spandau in Gorleben berüchtigt waren oder von den abgehalfterten Kommunisten in Ost-BErlin, die ihren Staat so hingerichtet haben, dass er sich 1989 aufgelöst haben. Ein billiger, mordlustiger, korrupter Handlanger verkommener Regime, die mit Berkeley nich das geringste zu tun hatten. Auch nicht, wenn Herr Joffe bedutungsschwanger und Weltgeschichte schreibend dort im Knast sass udn über die demografischen Folgen der Pille räsonierte, was ja üblich ist für kalifornische Gefängnisinsassen. [...]

    [Gekürzt, bitte formulieren Sie Kritik sachlich. Danke. /Die Redaktion pt.]

  5. Die Pille allein macht keine Revolution. Im heutigen Irland, Polen und - wenn ich mich nicht irre - in der heutigen Türkei ist sie zu haben, dennoch verfällt dort nicht die Kernfamilie, die drei Nationen erfreuen sich ihres Kinderreichtums und sind von Schrumpfung und Vergreisung beneidenswert weit entfernt.

    Rückgang der Geburtenraten war auch eine der Hauptursachen, warum das Römische Reich den kinderreichen Germanen unterlag und unterging - vergreisen kann eine Nation auch ohne Pille (ein Stichwort: Asketische Ideale der christlichen Mönche)

    Und schließlich: Auch Nationen wie die Schweiz, die kein 68 hatten, vergreisen. Josef Joffes Artikel reduziert die 68er Kulturrevolution auf Emanzipation, Verhütung und Abtreibung. Das hat sie nicht verdient.

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