Sicherheitsnetz Singapur liegt an der Mur

Harte Gesetze und kleinliche Verordnungen verwandeln Graz in eine Sicherheitszone. Dennoch geht die Angst um

Wie für ein Ansichtskartenfoto hat sich Graz zurechtgemacht. Die Fassaden der Herrengasse schimmern zartrosa und cremefarben, manche sind reich verziert. Straßenbahnen gleiten träge durch die Straßen, die Abendsonne bringt die Dächer der Altstadt zum Leuchten. Die Boutiquen hängen Sommerkleider aus, in den Cafés sitzen gut gekleidete Menschen und blicken gelangweilt über ihre Aperol-Spritz-Gläser hinweg. In der Grazer Innenstadt ist immer ein bisschen Sonntag.

Barbara G. wagt sich nicht mehr ins Zentrum. Das pastellfarbene Treiben ist der 70-Jährigen zu bunt. Die Rentnerin, strenge Miene, strenge Frisur, klagt über betrunkene Jugendliche, über Punks »mit riesengroßen Hunden«, vor allem aber über Bettler. »Kein schöner Anblick«, empört sie sich und umklammert fest ihre Handtasche. Den Grazer Hauptplatz mit dem Erzherzog-Johann-Brunnen hat sie schon seit Jahren nicht mehr betreten. Frau G. hat Angst.

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Die Politik nimmt die Sorgen von Frau G. sehr ernst. Seit zwei Jahren herrscht rund um die eiserne Erzherzogsstatue Alkoholverbot, ebenso im Studentenviertel. In den Straßenbahnen sind Essen und Trinken untersagt, seit einem Jahr auch Handygespräche. Ein angekündigtes Bettelverbot scheiterte vorerst am Veto des Verfassungsgerichtshofs, dafür streifen jetzt Ordnungswächter Tag und Nacht durch die Innenstadt und ahnden Verstöße: Tauben füttern, Biertrinken, Zigaretten wegschnipsen. Verboten. Da freut sich das Kleinbürgerherz: Singapur liegt an der Mur.

Keine andere Großstadt in Österreich hat in den vergangenen Jahren ein dichteres Sicherheitsnetz aus Verordnungen und Restriktionen gewoben wie Graz. Doch warum gehen ausgerechnet an der Mur die Zugbrücken hoch? Die Kriminalstatistik gibt darüber keine Auskunft. Graz ist mit seinen 250000 Einwohnern im europäischen Vergleich eine sichere Stadt. Bis April erfassten die Polizeistellen 7100 Anzeigen, im etwas kleineren Linz waren es 6900, im siebenmal so großen Wien stolze 79000. Auch bei Diebstählen und Vandalismus reiht sich Graz im Schnitt der österreichischen Landesmetropolen ein.

Dennoch hat sich die schmucke Stadt in den vergangenen Jahren eine strenge Law-and-Order-Politik verordnet. Im Brennpunkt: die Verteidigung des öffentlichen Raums gegen Bettler, Punks und Zigarettenstummel. Damit stehen die Grazer nicht allein – auch in Wien oder Salzburg reagierte man mit Restriktionen gegen Bettler –, doch in der Steiermark surfte man auf allen Verbotswellen ganz oben mit.

Er wäre gerne Pfarrer geworden, jetzt säubert er seine Stadt

Rentnerin Barbara G. will ihren vollen Namen nicht sagen, aber eines sagt sie schon: »Es kann ja nicht jeder einfach machen, was er will.« Das sehen auch viele Geschäftsleute in der Innenstadt so. Sie berichten trotz aller Verbote von verschmutzten Einkaufspassagen, überfüllten Bushäuschen und Saufgelagen an jeder Ecke. »Die versammeln sich am schönsten Platz, auf unserem Vorzeigeplatz«, sagt die Kellnerin im altmodischen Gasthaus Ratskeller und streift ihr grünes Gilet glatt. »Wenn da Fremde kommen: Was die sich dann denken!«

Die »Fremden« werden sich vor allem über die orangen Pickerln wundern. »Lautlos – für mehr Ruhe in Bim und Straßenbahn « steht da geschrieben, eine Aufforderung an die Fahrgäste, die Handys stumm zu stellen. Wer in der Straßenbahn zum Mobiltelefon greift, wird zwar nicht bestraft, Sanktionen gibt es dennoch. »Mit Rücksicht auf andere Fahrgäste besteht in den Fahrzeugen das Gebot, das Telefonieren zu unterlassen«, lautet die entsprechende Richtlinie in den Beförderungsbedingungen der Verkehrsbetriebe.

Der Streit um das Handyverbot spaltete die Stadt, der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl hat dennoch Grund zur Freude. »Immer wenn es eine solche Diskussion gibt, weiß ich, dass ich den Nerv der Zeit getroffen habe«, erklärt der ÖVP-Politiker. Seit anderthalb Jahren koaliert er mit den Grünen, gibt sich weltoffen und neugierig. Vor allem aber treibt den 46-Jährigen eine Frage an: »Wie kann man das Zusammenleben der Menschen verbessern?«

Begonnen hat er seine Mission vor fünf Jahren, als ein paar vergammelte Jugendliche den Erzherzog-Johann-Brunnen am Hauptplatz zu ihrem Basislager machten. Das Punkproblem – wie die regionalen Boulevardzeitungen titelten – rief prompt den Bürgermeister auf den Plan. Doch statt Konfliktlösung setzte er auf Buchsbäume, mit denen er den Brunnen umzäunen ließ.

René war damals dabei, heute kauert er mit bunten Zöpfen und Lederjacke im Kreis seiner Punkerfreunde im Stadtpark. Sie sitzen dort zusammen, mit Dosenbier und billigem Tafelwein und ein paar Hunden, dafür ohne Schuhe. Es sei dem Bürgermeister darum gegangen, »dass man uns Punks loswird. Weil: Wir schauen anders aus und haben hier nichts verloren«, glaubt René. Graz ist für den 23-jährigen Tagedieb in den vergangenen Jahren enger, eine richtige »Kontrollstadt« geworden.

Als liberal und weltoffen galt die Mur-Stadt ohnehin nie. Zu k.u.k Zeiten erwarb sich Graz den Ruf eines Refugiums für wohlhabende Pensionäre. Ausgediente Offiziere und Beamte des Wiener Hofstaats zogen hierher, um einen ruhigen Lebensabend zu verbringen. In der Nachkriegszeit dämmerte die Stadt abseits der großen Touristenströme vor sich hin und verwandelte mit ihrer pittoresken Betulichkeit sogar die Arbeiter aus den Puch-Werken in glückliche Kleinbürger. Doch immer wieder gerieten die Lebensentwürfe der Alteingesessenen mit jenen der Studierenden, die aus den Bundesländern zuzogen, in Konflikt, und das trotz des optischen Modernisierungsschubs, den die erfolgreiche Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2003 brachte. Rückwärtsgewandte Lieblichkeit gegen den Mut zu urbanen Brüchen lauten noch immer die verhärteten Positionen – eine Auseinandersetzung, die Bürgermeister Nagl zugunsten der Bewahrer entschied.

2005 beschloss die Landes-ÖVP mit den Stimmen von SPÖ und FPÖ das steirische Landessicherheitsgesetz. Seitdem steht dort unter anderem: »Den öffentlichen Anstand verletzt (…), wer öffentliche Einrichtungen wie insbesondere Denkmäler und Brunnen in anstößiger Weise nützt.« Nun ist auf den Parkbänken zwar Limonade gestattet, aber kein Bier, muss man aufrecht sitzen, anstatt sich der Länge nach hinzustrecken. »Manchmal hat ein Politiker auch gesellschaftspolitisch etwas aufzuzeigen«, erklärt Nagl, der als kleiner Junge einmal Pfarrer werden wollte, sein Credo.

Exekutiert wird das umstrittene Sicherheitsgesetz von Adi Roth, einem kleinen, dicklichen Mann mit kahl geschorenem Kopf und stumpfen Augen. Er schreitet als einer von 18 Ordnungswächtern durch die Stadt. Bevorzugt späht er über den Hauptplatz. »Ein Hotspot«, meint Roth. Doch an diesem Tag geht die einzige Gefahr von Straßenbahnen aus, die den Platz kreuzen. Abends peilt Roth mit einem Kollegen den Stadtpark an, wo die Jugend trinkend und rauchend die Parkbänke okkupiert hat. Roths Kollege leuchtet einem Mädchen zuerst ins Gesicht, dann in ihre Einkaufssackerl. »In Ordnung«, sagt er, »aber nachher den Mist wegräumen, gell.« Artig nickt die Nachtschwärmerin.

Hinter den Autos verstecken sie sich – die Handtaschendiebe

Wer den Stadtpark mit dem Fahrrad durchquert oder seinen Hund frei laufen lässt, wird von Roth zunächst verwarnt. Doch zeigt sich ein Parksünder renitent, bekommt er flugs ein Strafmandat verpasst. Widerspruch wird je nach Vergehen mit Geldbußen von 10 bis 35 Euro geahndet. Roth ist Magistratsbeamter, kein Polizist – Name und Adresse muss man ihm nicht verraten. »Die Ausweise kriegen wir aber eigentlich immer«, sagt Roth. Vor zwei Jahren noch bei der Müllabfuhr, betrachtet er sich heute als Erzieher.

Auf den Stadtpädagogen wartet bereits eine neue Aufgabe. Bürgermeister Nagl will bis zum Sommer öffentliche Ruhezonen einrichten. Auf manchen Wiesen des Stadtparks werden Mobiltelefonate und laute Gespräche unerwünscht sein. Am Schlossberg, oben beim berühmten Uhrturm, soll künftig ebenfalls ein gemessenerer Ton herrschen. »Dazu wollen wir mit Schildern auffordern, die wir auch besonders originell gestalten«, erläutert der Stadtpatron. Auf den geplanten Slogan »Wir suchen den Mr. und die Mrs. Pssst!« ist Nagl besonders stolz.

Kinderspielplatz, Hundezone, Ruhewiese. Für jedes Bedürfnis das richtige, geschützte Plätzchen. Es ist wohl die Sehnsucht nach Ordnung, die den Stadtchef bewegt. »Darf man dann auch nicht mehr laut lachen?«, fragt sich Andrea Bel Fahem, die im Stadtpark ein beliebtes Studentenlokal betreibt. Sie würde sich ein noch regeres Leben in der Grünanlage wünschen, ja sogar Grillabende im Park könne sie sich vorstellen. »Aber wahrscheinlich würde der Bürgermeister dann seine Angst vor dem Feuer entdecken.« Eine unberechtigte Sorge: Im Stadtpark herrscht längst Grillverbot.

Graz, saubere Stadt – selbst die Rathaus-Opposition scheint sich mittlerweile mit dem strengen, bei der Bevölkerung jedoch populären Maßnahmen des ÖVP-Bürgermeisters anzufreunden. So wurde die Einrichtung der Ordnungswache mit den Stimmen der SPÖ und der Kommunisten abgenickt. Aus dem Lager des Koalitionspartners regte sich noch ein wenig Widerstand. Die Grüne Christina Jahn glaubt, in den Sheriffs von der Mur eine »Geschmackspolizei« zu erkennen. Einzig der Juso Martin Strobl verweigert jede Zustimmung: »Nagl möchte eine Glaskuppel über diese Stadt stülpen.«

In einem Grazer Seniorenclub hat man für die Politik des Bürgermeisters deutlich mehr Verständnis. »Er ist halt einer, der alles ordnen und schlichten will«, sagt eine Pensionistin. Hier im Vereinslokal hängen Bilder mit Sandstränden, Berghütten und Weidegrün, dazwischen schwebt der Duft von koffeinfreiem Kaffee. Eine Erholung für die resolute Frau G., die heute auch wieder gekommen ist. »Als Ältere darf man ja heute nichts sagen«, tadelt sie die Jugend. »Sagt man denen in der Straßenbahn, sie sollen aufhören zu telefonieren, bekommt man eine freche Antwort.« Einmal ausgestiegen, geht sie bewusst in der Straßenmitte. Das verschafft ihr den nötigen Überblick, denn »hinter den Autos verstecken sie sich« – die Handtaschendiebe.

Hier im Seniorenclub jedenfalls, bei Aufstrichbroten mit Ei und Radieschen, findet sie Gleichgesinnte. Die Entrüstung ist breit gefächert. Der einen Dame sind die Bettler »ein Horror«, eine andere jammert: »Und überall spielt ein Straßenmusiker.« Frau G. stimmt in den Chor ein: Im Wohnbezirk die Ausländer, im Stadtzentrum die Punks, klagt sie. »Da sind schon auch Kriminelle dabei«. Mit der Polizei steht die Dame ohnehin in reger Korrespondenz: »Die kommt aber erst, wenn mir jemand auf den Kopf haut und ich halb tot bin.«

Bürgerlicher Bammel gehört in Graz ohnehin zum guten Ton. Eine Juwelierin in der Innenstadt erzählt: »Wenn mich einer anbettelt, weiß ich nicht, wie ich reagieren soll, weil ich Angst habe.« Selbst Ordnungswächter Adi Roth ist in den zwei Jahren, die er nun unterwegs ist und die Bürger belehrt, ängstlicher geworden. Während der ersten Monate konnte er nicht einschlafen, stundenlang habe er sich im Bett gewälzt. »Seit ich den Job mache«, sagt er, »schaue ich immer, wer hinter mir geht.«

 
Leser-Kommentare
  1. Ich lebe selbst seit vielen Jahren in Graz und mag diese Stadt. Es ist immer spannend, zu erfahren, was andere Menschen über "meine" Stadt denken und wie sie sie erfahren. Herr Kapeller hat sich jedoch offenbar keine große Mühe gegeben, das von ihm behandelte Thema ausgewogen darzustellen. Vielmehr ergeht er sich in allgemeinen Floskeln, deren Hauptbestandteil die Herabwürdigung und Verächtlichmachung gewisser Personengruppen ist (viel ätzender und verächtlicher hätte er über die von ihm als "Kleinbürger" bezeichneten Menschen nicht schreiben können). Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass er jemals in Singapur war, sonst hätte er wohl auch einen solchen Vergleich nicht angestellt, wobei sich auch hier die Frage stellt, ob er - wenn er Singapur wohl als so wenig erstrebenswert ansieht - sich schon einmal Gedanken darüber gemacht hat, unter welchen Umständen Menschen in anderen asiatischen Ländern leben müssen - da würden einige gerne ihre Heimat mit Singapur tauschen. Mit der Kriminalstatistik scheint Herr Kapeller auch auf "Kriegsfuß" zu stehen, vorausgesetzt, er hat sich mit dieser überhaupt auseinander gesetzt. Mag schon sein, dass Graz im Vergleich zu deutschen Städten sehr friedlich ist, aber das hilft nicht den Menschen, die sich hier angesichts der stark gestiegenen Anzahl an Wohnungseinbrüchen, Raubüberfällen und Delikten im Zuge der Drogenbeschaffung unsicher fühlen. Dass sich niemand an rauchenden Jugendlichen im Stadtpark stößt, sondern an dem dort rege stattfindenden Drogenhandel (von dem Herr Kapeller - so wie es aussieht - keinen blassen Schimmer hat), wäre einem ordentlich recherchierenden Journalisten wohl auch aufgefallen. Das Hauptanliegen von Herrn Kapeller scheint ohnehin gewesen zu sein, die Grazer - und mit ihnen gleich die Österreicher insgesamt - als Provinzler und Hinterwäldler darzustellen. Schade, dass in einer renommierten Zeitung ein derart dilettantisch verfasster Artikel mit solch groben Verallgemeinerungen Eingang findet. Die Zeit und Graz hätten sich etwas Besseres verdient. Nicht alles, was in Graz auf politischer Ebene geschieht, ist der Weisheit letzter Schluss, dennoch finde ich die herablassende Art wie darüber geschrieben wird, was die Stadtverwaltung an Lösungen anzubieten versucht, eines ernsthaften Journalisten nicht würdig. In der Schule hieße das Urteil wohl: Themenverfehlung, setzen, nicht genügend.

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  4. Was, bitte, ist so anrüchig daran, wenn eine Stadtverwaltung versucht eine Stadt "sauber" zu halten? Unter sauber möchte ich verstehen: frei von gröhlenden Horden, von agressiven streitsuchenden Profilierungsneurotikern etc. Ich selbst bin liberal eingestellt und wehre mich gegen "Reglementierungsübergriffe", aber das Zusammenleben von Menschen erfordert nunmal Verhaltensregeln. Wo die Freiheit des Anderen tangiert wird muß meine eigene enden.
    Kennt man die Zustände in gewissen Bezirken von Frankfurt oder Kreuzberg in Berlin, dann kann nur der Neid den gegenständlichen Artikel motiviert haben.
    Habe die Ehre.....

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