WeltgeschichteDie Welt neu beginnen

Mit »Common Sense« und »Die Rechte des Menschen« schrieb Thomas Paine Weltgeschichte – vor 200 Jahren starb der radikale Denker der Freiheit in New York von Ronald D. Gerste

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Diese Abbildung zeigt den Philosophen Thomas Paine um 1770. Der Denker starb 1809 im Alter von 62 Jahren  |  © Hulton Archive/Getty Images

Ihn hatte sich Barack Obama für den Schluss aufgehoben. Ganz am Ende seiner von historischen Anspielungen überreich durchwirkten Antrittsrede auf den Stufen des Kapitols in Washington zitierte der junge Präsident Thomas Paine. Es ist jener Appell aus Paines Schrift The American Crisis von 1776, die er schrieb, als im Kampf um Amerikas Unabhängigkeit alles verloren schien: jene Sätze vom erbarmungslosen Winter, in dem nichts mehr lebendig war »außer Hoffnung und Tugend«, dem tiefen Winter, in dem alle Amerikaner zusammen kamen, um sich der »gemeinsamen Bedrohung« zu stellen. Jedes amerikanische Schulkind kennt diese Worte, gern werden sie zitiert, wenn Amerika mal wieder am Ende, mal wieder ganz am Anfang ist – wie heute, nach den acht Jahren des Bush-Regimes, inmitten einer Weltwirtschaftskrise und drückender ökologischer Herausforderungen.

»Nichts außer Hoffnung und Tugend« – das ist die Sprache des Thomas Paine. Keinem der rhetorisch so versierten amerikanischen Gründerväter war diese Klarheit und Einfachheit gegeben. Paines Schriften befeuerten die Revolution, vor allem aber formulierten sie das Gesetz der Freiheit wie einen biblischen Text. Sein Common Sense ist zwar nicht die Unabhängigkeitserklärung der USA geworden, aber ohne Paine wäre sie nicht denkbar.

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Dabei war er, anders als die anderen großen Amerikaner der ersten Stunde, anders als Washington, Jefferson, Hamilton oder Franklin, gar nicht in der Neuen Welt geboren. Wie der Franzose La Fayette oder der Pole Kościuszko gehörte er zu jener Phalanx von Freiheitsmännern, die zu Helden zweier Welten wurden. Nur dass sein Schwert allein die Feder war.

Amerikas Sache ist die Sache der gesamten Menschheit

Thomas Paine ist Engländer. Geboren am 29. Januar 1737 als Sohn eines Quäkers in Thetford, einem kleinen Ort gut hundert Kilometer nordöstlich von London, entwickelt er schon früh ein bemerkenswertes Bewusstsein für Gerechtigkeit – beziehungsweise für deren Pervertierung im angeblich so liberalen und fortschrittlichen georgianischen England. In Sichtweite seiner Kinderstube liegt Thetfords Galgenberg, auf dem jedes Frühjahr, wenn das Gericht tagt, dem Gesetz der herrschenden Klassen Genüge getan wird. Für das Stehlen von ein paar Schilling lassen die Richter des Königs dort hängen, selbst Kinder baumeln an Thetfords Galgen. Es sind Bilder, die sich tief in Paines Seele einbrennen.

Er lernt ein Handwerk, wird Korsettmacher, versucht sich als Steuereinnehmer und als Lehrer. Die Ehe bringt ihm kein Glück: Seine große Liebe Mary verliert er kurz nach der Geburt des ersten Kindes, auch das Baby stirbt. Von seiner zweiten Frau Elizabeth entfremdet er sich rasch.

Paines Leidenschaft gehört früh schon der Politik. Bei feurigen Debattenabenden im Headstrong Club blüht er auf, in einer Runde politisch und literarisch interessierter Herren, die sich regelmäßig im White Hart Inn der Kleinstadt Lewes trifft und im Austausch von Argumenten ebenso viel Beglückung findet wie im Genuss von Ale und Cider und Gin. Mehrfach zeichnen ihn die anderen Gentlemen für seine Beiträge mit symbolischen Preisen aus – vor allem sein Blick für die Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft, für die Lasten und Leiden der Unterschicht, der Frauen, der religiösen Minderheiten imponiert.

Er spielt mit dem Gedanken, in Amerika sein Glück zu versuchen. Da macht er in London eine bemerkenswerte Bekanntschaft: Er lernt Benjamin Franklin kennen, der hier die Interessen der 13 nordamerikanischen Kolonien gegen König, Regierung und Parlament vertritt. Beide sind sich sogleich sympathisch. Mit einem Empfehlungsschreiben Franklins versehen, wagt er den neuen Anfang; am 30.November 1774 trifft Paine in Philadelphia ein, der heimlichen Hauptstadt des Landes.

Aber welchen Landes? Noch gibt es ein solches nicht. Nicht im Sinne einer Nation, eines Volkes mit gemeinsamen Wertvorstellungen. Thomas Paine wird das ändern: Mit einem einzigen kurzen Text wird er der Geschichte eine neue Richtung geben, wird er zu einem der wichtigsten Helfer bei der Geburt der amerikanischen Nation werden.

Paine zieht es in die Buchläden der Stadt, wo er in den ersten Januartagen 1775 mit dem Besitzer des Geschäftes auf der Front Street, Robert Aitken, ins Gespräch kommt. Aitken, beeindruckt von Paines autodidaktisch erworbenem Wissen und seiner Ausdruckskraft, bietet ihm die Position des leitenden Redakteurs einer neuen Zeitschrift an, dem Pennsylvania Magazine. Geschmeichelt greift Paine zu und schreibt in schneller Abfolge Beitrag um Beitrag, von wissenschaftlichen Essays bis hin zu Gedichten. Binnen weniger Monate ist das Pennsylvania Magazine mit einer Auflage von 1500 Exemplaren die meistverkaufte Zeitschrift in den englischen Kolonien.

Paine ist angekommen, in der Neuen Welt und in seinem Leben. Doch alle Begeisterung kann seinen kritischen Blick nicht trüben. Wie er einst als Kind vom Fenster seines Vaterhauses in England aus den Galgen sah, so muss er jetzt vom Fenster seiner kleinen Mietwohnung aus mit ansehen, wie mitten in Philadelphia Sklaven verkauft werden. Empört schreibt er dagegen an. Als sein Gönner Franklin, aus England zurückgekehrt, 1775 die erste amerikanische Anti-Sklaverei-Gesellschaft ins Leben ruft, wird Paine selbstverständlich Gründungsmitglied.

Zu dieser Zeit taumelt das Land in einen Strudel von Protest und Aufruhr. Der seit Jahren schwelende Streit über die Besteuerung der Kolonien durch das ferne Parlament und die Regierung in London eskaliert. Der Protest, zunächst noch burlesk – wie auf der Boston Tea Party –, gewinnt an Schärfe und Härte. Die Regierung Ihrer Majestät Georg III. verlegt immer mehr Militär in die Neue Welt. Es kommt, wie es kommen muss: Am 9. April 1775 schießen bei Lexington in Massachusetts englische Soldaten und die Miliz der Kolonisten aufeinander. In Philadelphia tagt der Kongress, eine noch recht lose Interessenvertretung der »Amerikaner«. Er beschließt die Aufstellung einer Armee und ernennt den virginischen Pflanzer George Washington zu deren Befehlshaber.

Leserkommentare
  1. Was für eine Geschiche ist das und was für ein Leben und Denken wird da geschildert! Es ist wirklich lohnend, hier die Zeit-Online-Texte zu lesen von namhaften Autoren. Es stimmt zuversichtlich, dass der überragend gebildete neue Präsident der Vereinigten Staaten, Barack Obama gerade das Gedenken auf den aus einer Quäkerfamilie stammenden Thomas Paine gelenkt hat.In der Tat hat uns, wie ich denke, dieser bewunderungswürdige Mann , Thomas Paine,auch heute noch viel zu sagen.

    • GBHPG
    • 09. Juni 2009 1:04 Uhr

    Ich weiß nicht wie man Obama mit diesem Freidenker in einem Artikel
    zusammen nennen kann. Dieser Mann (Thomas Paine) hatte Prinzipien
    und ein fundamentales Rechtsgefühl, für die er stand und für die er
    bereit war sie laut zu verkünden. Dieser Mann hatte Charakter
    (Character is: doing the right thing when nobody is watching).
    Um jetzt noch auf Obama zu kommen: Dieser Mann ist alles andere als
    aufrichtig.

    [Teil entfernt, bitte vermeiden Sie Verleumdungen und Aussagen, die als anti-muslimische Hetze verstanden werden können/ Redaktion; svb]

    Wenn Al Quaida, wie sie vorhaben, die USA zerstören wollen, müssen
    die sich aber beeilen, sonst kommt ihnen Obama zuvor. Hugo Chavez
    macht schon Witze, daß er und Fidel rechts von Obame sind

    Gerd, Chicago

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