Zu den hartnäckigsten Gerüchten über das Internet gehört die These, es unterhalte ein besonders inniges Verhältnis zur Demokratie. Seit Jahren kursiert sogar das Schlagwort von der E-Democracy, das nahelegt, im Netz sei ein komplettes demokratisches System enthalten – oder, noch kühner, das Netz werde zum Modell einer Demokratie der Zukunft.

Daran ist nur so viel wahr, dass es jedem Menschen, der über einen Netzzugang verfügt, möglich ist, dort seine Meinung zu verbreiten, Mehrheiten für diese Meinung zu organisieren und Gegenmeinungen zu bekämpfen. Dass er dies ungehindert tun kann, ist aber nicht allein von der Zauberkraft des Internets abhängig, sondern auch von dem Wohlwollen des Staates, in dem der Internetnutzer seine Heimat hat. Dass es mitunter gelingt, dem Zensurverlangen von Staaten wie China ein Schnippchen zu schlagen, hängt von technischen Eigentümlichkeiten des Netzes ab, von denen keineswegs sicher ist, dass sie bleiben. Die Bereitschaft kommerzieller Internetplattformen, der Zensur diktatorischer Staaten entgegenzukommen, zeigt jedenfalls, dass die Akteure, die im Netz wirtschaftliche Interessen verfolgen, dem demokratischen Potenzial weitgehend gleichgültig gegenüberstehen. Insofern profitiert die Freiheitlichkeit des Netzes nicht von seinen technischen Eigenschaften, sondern vom Zivilisationsstandard seiner sozialen Umgebung. Nicht das Internet bereitet die Demokratie der Zukunft vor, sondern die Demokratien der Gegenwart sichern dem Internet – hoffentlich! – seine Zukunft.

Vielleicht sollte man daran erinnern, dass die Demokratie, die uns etwa davor schützt, für Meinungsäußerungen ins Gefängnis zu kommen, zunächst eine Staatsform ist und kein Begriff für beliebige Versuche, Mehrheiten zusammenzubekommen (die vielleicht sogar dafür wären, uns ins Gefängnis zu stecken). Im Gegenteil hat der moderne demokratische Staat allerlei Bremsen eingebaut, um die Herrschaft der Mehrheit nicht allzu drückend für Andersdenkende werden zu lassen. Die antiken Demokratien genossen zu ihrer Zeit auch deshalb keinen guten Ruf, weil in ihnen der Schutz des Individuums unterentwickelt war. In Athen war es möglich, missliebige Bürger per Mehrheitsentscheidung in die Verbannung zu treiben. Dieser Ostrazismus, auch Scherbengericht genannt, erlaubte die anonyme Abstimmung von Bürgern über Bürger – ohne Frage ein demokratisches Verfahren, wenn Demokratie ausschließlich das Prinzip der Mehrheitsentscheidung meinen soll.

Aber genauso steht wohl außer Frage, dass wir in einer solchen Demokratie nur ungern leben würden. Die antike Debatte, ob der Demokratie wirklich der Vorzug vor Tyrannis oder Monarchie gebühre, ist heute nur verständlich, wenn wir uns eine Demokratie ohne rechtsstaatliche Bremsen zum Schutz des Individuums vorstellen.

Dies ist aber der Fall des Internets. Wer je nach Argumenten gegen die direkte Demokratie suchen wollte, im Netz würde er fündig. Den spontanen Aufwallungen des Volkszornes, der Bereitschaft zur Diffamierung und Verfolgung Andersdenkender steht keine zivilisierende Bremse entgegen. Natürlich gibt es moderierte Gesprächsforen, die nicht jeden beliebigen hetzerischen Beitrag dulden. Aber die Abneigung, die solchen Eingriffen entgegenschlägt (man muss nur einmal verfolgen, was im Netz los ist, wenn ein Beitrag entfernt wird), verrät doch, dass dies nicht dem primären Impuls vieler Nutzer entspricht.

Es wird im Netz nicht gern gesehen, wenn Äußerungen qualifiziert oder gar nach Würde und Sachhaltigkeit des Argumentes in eine Hierarchie gebracht werden. Das Unterfutter der Netz-Utopie bildet offenbar ein tief empfundener Egalitarismus, der nicht duldet, dass es etwas anderes als Meinungen, womöglich sogar gültige Urteile geben kann.

Dieses Ideal einer unendlichen und unendlich diffus bleibenden Diskussion wäre zwar noch immer kein demokratisches, aber doch harmloses, wenn sich nicht der Eindruck aufdrängte, am Ende werde die kommerzielle Währung des Internets, die Klickrate, auch für ein denkbares Abstimmungsverfahren in geistigen Auseinandersetzungen gehalten. In der Theoriebildung der Netzenthusiasten scheint sich das Ideal der Ladenkasse festgesetzt zu haben: Die Güte eines Produktes erkennt man nicht an seinen Eigenschaften, sondern an der Zahl der Käufer.