Im Keller der Charité in Berlin ist die Leiche einer Unbekannten gefunden worden, die vor etwa 90 Jahren gestorben ist. Man nimmt an, es könnte die Leiche der sozialistischen Revolutionärin Rosa Luxemburg sein.

DIE ZEIT: Herr Schütrumpf, was vermuten Sie als Luxemburg-Forscher: Ist sie es?

Jörn Schütrumpf: Es gibt eine große Plausibilität und Indiziendichte, dass es sich bei dieser Leiche um Rosa Luxemburg handelt. Die Körpergröße etwa, ein Hüftschaden, die Tatsache, dass die Beine unterschiedlich lang sind. Letzte Gewissheit kann nur eine DNA-Probe geben.

ZEIT: Warum ist es für Historiker sinnvoll, zu wissen, ob es sich um Luxemburg handelt? Was ändert das an ihrem Bild in der Geschichte?

Schütrumpf: Die Historiker sind nicht auf die Idee gekommen, dass man 1919 eine andere Person als die Ermordete beerdigt haben könnte. Auch ich nicht. Man hat gemeint, dass Rosa Luxemburgs Leiche zunächst am 13. Juni 1919 in einem Zinksarg bestattet wurde, man wusste, dass die Nazis das Grab 1935 geschändet haben, dass unter dem DDR-Präsidenten Pieck 1950 nach den Gebeinen der Toten vergeblich gesucht wurde und dass man dann jene Pilgerstätte eingerichtet hat, zu der in der DDR an jedem zweiten Sonntag im Januar viele – beileibe aber nicht alle – freiwillig gekommen sind.

ZEIT: Aber dass man 1919 eine falsche Leiche beerdigt haben könnte: Darauf ist bis vor ein paar Monaten keiner gekommen?

Schütrumpf: Die Historiker hatten in dieser Sache einfach das Denken und die Quellensuche eingestellt. Und wenn man nun, nach allem, was dieser Frau an Gewalt und Niedertracht angetan wurde, dazu beitragen könnte, dass sie endlich ihre letzte Ruhe findet, dann hielte ich das durchaus für eine sinnvolle Arbeit.

ZEIT: Warum aber hätte der Staat eine falsche Leiche beerdigen lassen sollen?

Schütrumpf: Die Frage ist völlig berechtigt. Als die Leiche im Leichenschauhaus der Charité eingeliefert wurde, ließ man sie sofort aus der Stadt bringen. Berlin glich einem Pulverfass: Im März waren erneut bewaffnete Kämpfe ausgebrochen, die Freikorps hatten entfesselt gewütet: In den Arbeitervierteln waren Arbeiter wahllos aus den Wohnungen geholt und in den Hinterhöfen ermordet worden. Gustav Noske, der Minister für Heer und Marine, befürchtete neuerliche Unruhen und hatte deshalb angeordnet, im Oberkommando des Heeres in Zossen die Identität der Leiche feststellen und sie dann verschwinden zu lassen. Zweierlei ging schief. Die Nachricht vom Leichenfund verbreitete sich in der Stadt wie ein Lauffeuer. Und: Es war die falsche Leiche. Die Situation wurde gefährlich, allen Beteiligten war klar, dass dies als eine weitere Perfidie der Regierung ausgelegt und die Situation abermals eskalieren würde. Deshalb trat man die Flucht nach vorn an, zeigte Mathilde Jacob Rosa Luxemburgs Medaillon und Handschuhe (die mit allen anderen Kleidungsstücken nach der Ermordung geplündert worden waren), aber nicht die Leiche. Eine Beerdigung war in dieser Situation weit ungefährlicher als ihre Verweigerung.

ZEIT: Es war kein Historiker, sondern der Rechtsmediziner Michael Tsokos, der mit seinem Fund das Fragen neu in Bewegung gebracht hat.

Schütrumpf: Es war seine professionelle Sorgfalt. Er hat, als er vor zweieinhalb Jahren die Leitung des Instituts für Rechtsmedizin übernahm, die dortigen Bestände präzise aufgenommen und hat sich über eine Unbekannte gewundert, die seit Jahrzehnten für jeden sichtbar in einem Durchgang in einer Glasvitrine lag, und sie – anfangs wohl vor allem aus Gründen der Pietät – in den Keller bringen lassen. Misstrauisch wurde er jedoch, als ihm das institutsinterne Gerücht zu Ohren kam, dass Rosa Luxemburgs Leichnam nie die Pathologie verlassen habe – eigentlich Dönkes, wie es sie in jeder solchen Einrichtung gibt. Schnell aber stellte er dann fest, dass die Obduktionsbefunde seiner berühmten Vorgänger Fritz Strassmann und Paul Fraenckel nicht zu Rosa Luxemburgs Körper passen, dass jedoch der Leichnam in seinem Keller große Übereinstimmungen mit ihrem Körper aufwies.

ZEIT: Welches waren die Unstimmigkeiten, die Tsokos auffielen?

Schütrumpf: Der Schädel des als Rosa Luxemburgs beerdigten Leichnams wies einen Bruch auf, der normalerweise nicht durch einen Gewehrkolben wie bei Rosa Luxemburg, sondern durch einen Sprung aus großer Höhe auf einen harten Gegenstand entstehen kann. Die Beine waren nicht unterschiedlich lang, die Hüfte wies keinen Schaden auf – alles anders als bei Rosa Luxemburg. Das war alles explizit im Obduktionsbericht festgehalten worden, der im Freiburger Militärarchiv liegt. Eigentlich werden doch nur Abweichungen berichtet, jedoch nie fehlende Abweichungen. Jeder seriöse Forscher wird da zumindest nachdenklich. Offensichtlich haben die beiden Koryphäen damals wider besseres Wissen und unter politischem Druck die Leiche als Rosa Luxemburg identifiziert. Jedenfalls wurde ihr Nachfolger Tsokos skeptisch. Schließlich haben der Spiegel- Redakteur Frank Thadeusz und Tsokos mich vor ein paar Wochen hinzugezogen, wir haben unsere Kenntnisse verglichen, und dann war die Vermutung in der Welt, für die es so viele Indizien gibt.

ZEIT: Und kein Historiker hätte bisher den Obduktionsbericht genauer gelesen?

Schütrumpf: Einer, dessen Namen ich hier nicht nennen werde, hat ihn gelesen – und ihm will nicht aufgefallen sein, dass die Gerichtsmediziner Spuren gelegt haben: kein verkürztes Bein, kein Hüftschaden, kein watschelnder Gang. Im Übrigen bedurfte es keines Blickes in diesen Bericht, um zu wissen, was wirklich gespielt wurde. Ich habe mich zuvor nie mit der Leiche im Landwehrkanal beschäftigt – mich hat immer nur interessiert, was diese Frau gedacht hat – gut, in der jüngsten Zeit auch, wen sie geliebt hat… Ein Blick auf das Foto des Frauenleichnams, der am 31. Mai 1919 aus dem Landwehrkanal gefischt wurde, macht jedem, der zuvor auch nur von ferne eine Aufnahme von Rosa Luxemburg gesehen hat, klar, dass sie auf keinen Fall die Leiche sein kann: Der aufgefundene Leichnam war flachbrüstig, was Rosa Luxemburg nun wirklich nicht war.

ZEIT: Haben Sie eine Vermutung, wie es dazu kam, dass die Leiche in der Charité verblieben ist? Wollte ein Mediziner sie für die Forschung zurückhalten? Oder was sonst?

Schütrumpf: Zwischen 1919 und 1922 sind aus Berliner Gewässern zehn unbekannte Frauenleichen gefischt worden. Bei neun wurde über Kriminalpolizei, Einwohnerämter et cetera – das übliche Prozedere halt – die Identität geklärt, und sie wurden zur Beerdigung freigegeben. Eine blieb übrig: die ein Meter und fünfzig große mit dem Hüftschaden und dem verkürzten Bein. Man schnitt ihr den Kopf ab und steckte ihn in ein Glas mit Formalin – eine Marotte, die Ethnologen, Anthropologen, Gerichtsmediziner und ähnliche Berufsgruppen seit Mitte des 19. Jahrhunderts besonders an bekannten Persönlichkeiten abarbeiteten. Dass Luxemburg zu diesen Prominenten gehörte, wird niemand bestreiten können. Strassmann und Fraenckel wussten, wer da vor ihnen lag, und sie konnten gar nicht anders, als die Leiche im eigenen Hause zu behalten. Jede Freigabe hätte unliebsame Fragen provoziert und ihren internationalen Ruf gefährdet.

ZEIT: Es bleiben Zweifel. Um nun Gewissheit über die Identität des Torsos zu bekommen: Wie ließen sich heute, 90 Jahre nach der Ermordung, noch DNA-Proben beschaffen?

Schütrumpf: Man muss sich auf die Suche begeben. Das ist nicht länger Sache von Journalisten, jetzt ist der Staat dran, der an Luxemburg ja etwas gutzumachen hat. Beteiligt waren immerhin ein Reichsminister, Gustav Noske, der beim Mord die Fäden zog, ein Hauptmann der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, Waldemar Pabst, der den Mord ausführen ließ, die beiden hochrangigsten Gerichtsmediziner des Reiches, Strassmann und Fraenckel, und der spätere höchste Staatsanwalt des Landes, Paul Jorns, der die Tat vertuschte – was übrigens Rosa Luxemburgs Anwalt Paul Levi 1929 in einem spektakulären Prozess beweisen konnte. Alle Beteiligten waren Staatsdiener und meinten, die Staatsräson zu retten. Aber auch abgesehen von ihrer Ermordung: Luxemburg war eine große historische Figur der Arbeiterbewegung, die Bundesrepublik hat Grund, diese Frau zu würdigen. Die Suche nach Spuren sollte also die Politik übernehmen. Nach Warschau, das ist bekannt, ist ein Herbarium gelangt, in dem Luxemburgs DNA an vielen Pflanzen nachweisbar sein müsste, die sie angefasst und geordnet hat. Sie war ja eine passionierte Botanikerin. Und im Nachlass von Paul Levi, der ja auch Luxemburgs Geliebter war, in den USA müsste sich eine Locke Rosa Luxemburgs finden, die sie ihm gegeben hat, die beiden waren 1914 mal ein halbes Jahr lang ein Paar.

ZEIT: Wer hat 1919 die Tote beerdigt?

Schütrumpf: Paul Levi hat damals den Sarg beerdigt und eine Grabrede gehalten. Sie liegt in Bonn in den Archiven der Ebert-Stiftung und ist bis heute nicht veröffentlicht. Es ist längst an der Zeit, sie zu drucken. Und es ist an der Zeit, Rosa Luxemburg endlich so zu bestatten, wie sie es sich gewünscht hat. In einem ihrer Briefe schreibt sie davon, was eines Tages auf ihrem Grabstein stehen solle: »›Zwi – zwi‹ … Das ist die erste leise Regung des kommenden Frühlings – trotz Schnee und Frost und Einsamkeit glauben wir – die Kohlmeisen und ich – an den kommenden Frühling! Und wenn ich den vor Ungeduld nicht erleben sollte, dann vergessen Sie nicht, dass auf meiner Grabestafel nichts stehen darf außer Zwi – zwi’…« Sollte sich die Vermutung über die Identität der Leiche in der Charité bestätigen, dann könnte man diesen letzten Wunsch von Rosa Luxemburg endlich erfüllen.

Die Fragen stellte Elisabeth von Thadden