Im Sommer 2002 erlitt die Schriftstellerin Kathrin Schmidt, die durch ihre sprachmächtigen, expressiv-barocken Romane und Gedichte Aufsehen erregt hatte, im Alter von 44 Jahren eine Gehirnblutung und verlor die Fähigkeit, sich zu bewegen und zu sprechen. Der Roman Du stirbst nicht setzt an diesem Punkt an. Doch er geht über die Aufarbeitung dieser Grenzerfahrung weit hinaus. Leben und Schreiben sind hier, wie in den großen Konfessionen der Literaturgeschichte, untrennbar miteinander verbunden. Dieses Schreiben hat die handelsüblichen Spielformen von Stoffwahl und Themenfindung längst hinter sich gelassen.

Die Figur, die auf den ersten Seiten nach zwei Wochen im Koma erwacht, heißt Helene Wesendahl: eine fremde Person, die sich mit fremden Augen schildert und zögernd erste Wahrnehmungen macht. Sie bemerkt, dass sie eine Glatze hat, sie bemerkt »kleine metallene Panzersperren« im Schädel, als sie versucht, mit dem Finger über die Kopfhaut zu streichen. Und sie stellt fest, dass sie gewickelt werden muss wie ein Kleinkind, dass unkontrollierbare Speichelfäden von den Mundwinkeln herabhängen. Einmal will sie das Wort »Kopfkissen« sagen, und es fällt ihr nicht ein.

Die Sprache, mit der der Verlust der Sprache geschildert wird, teilt sich in ihrer Präzision und Knappheit fast körperlich mit. Die Vorgänge werden wie aus dem Blickwinkel eines Kindes erlebt, neugierig und mitleidlos: in kurzen Kapiteln, Augenblicksbeobachtungen, die durch Sternchen voneinander getrennt sind und eine Entwicklung markieren, die nicht chronologisch geschieht.

Das erste Wort, das Helene denkt, ist »Matthes« – es ist der Name ihres Ehemanns. Der Prozess der Wortfindung und der Erinnerung verläuft jedoch anders, als es in diesem ersten Moment scheint. Helene hat mit Matthes zwar fünf Kinder, er ist die vertraute Umgebung, aber im Lauf der nächsten Tage stellen sich Irritationen ein, die in einer Art Echtzeit ein zunächst verschwommenes, dann immer deutlicher konturiertes Bild der Vergangenheit ergeben. Das Leben setzt sich, aus alten Bestandteilen, neu zusammen. Helene merkt, dass sie sich von Matthes trennen wollte und daran dachte, sich eine eigene Wohnung zu suchen. Die Hirnblutung, der Kurzschluss im Hirn, »das Platzen des Aneurysmas«, wie es in medizinischer Terminologie umschrieben wird – das fällt in eine große Lebenskrise. Der Zusammenhang wird nicht näher reflektiert oder hergeleitet, er stellt sich durch einzelne Augenblicke her, Erinnerungsfetzen, die eher zufällig ins Bewusstsein aufzusteigen scheinen.

In den ersten Tagen auf der Intensivstation kommen Helene unwillkürlich einige englische Satz- und Wortfetzen in den Sinn: Sie hat vor ihrem Hirnschlag in einem Kurs die indische Amtssprache Hindi gelernt, und es wurde dafür ein englisches Lehrbuch benutzt. Helene baut an einem »Wortkartenhaus«. Von Randzonen her, von atmosphärischen Details, die merkwürdigerweise am ehesten zu fassen sind, nähert sich das Buch allmählich den Brennpunkten ihres Lebens. Nach einiger Zeit häufen sich die Indizien.

Mit einem bestimmten Körpergefühl, einer Berührung, »als lehne sich jemand gegen ihren Rücken«, stellt sich der Name »Viola« ein. Um diesen Namen ist etwas Enigmatisches, ein merkwürdiges Flirren; es handelt sich zweifellos um etwas Erotisches, aber es ist nicht eindeutig. Und als Viola in ihrer Gestalt vor dem inneren Auge Helenes wieder erscheint, wird dieses Unbestimmte, Unkonkrete klarer: Viola changiert zwischen Mann und Frau, es ist ein Mann, der sich scheiden ließ und sich zu einer Geschlechtsumwandlung entschlossen hatte. Helene erkennt im Nachhinein das Männliche in den Körperbewegungen Violas wieder, in ihrer Erscheinung, in ihrer Kleidung, und sie wird sich ihrer Liebe zu Viola neu gewiss. Und dass ihr dabei der russisch codierte Kosename einfällt, verweist in die östlichen Sehnsuchtssphären, die bei Kathrin Schmidt schon immer eine große Rolle gespielt haben: »Maljutka Malysch«, kleines Mädchen oder kleiner Junge; das Spiel mit diesen russischen Implikationen erhöht den Reiz der Fremde und des Spiels mit den Körpergrenzen, das Fantastische und das Wirkliche sind nicht mehr auseinanderzuhalten.