In der Türkei, einem für Einheimische wie Korrespondenten gleichermaßen verwirrenden Land, tragen die meisten Frauen und Mädchen Kopftuch. Doch mit dem dürfen sie weder staatliche Schulen besuchen noch in Behörden arbeiten. Grotesk in einem muslimischen Land? Nicht für den laizistischen türkischen Staat. Wer allerdings über solche Widersprüche allzu laut nachdenkt, kann Ärger bekommen – so wie Nilüfer Göle.

Die türkische Soziologin, die ihre roten Locken gern offen trägt, erzürnte die Wächter der reinen säkularen Lehre in Ankara nicht durch Äußerlichkeiten, sondern durch klare Äußerungen. Wegen ihrer wissenschaftlichen Arbeiten über das Kopftuch und die Moderne ist sie schließlich ins Exil gegangen. So kommt es, dass der Istanbuler Korrespondent der ZEIT nach Paris fliegen muss, um die Frau zu treffen, die ihrer Heimat nach Streit den Rücken kehrte.

Vertauschte Orte, verpflanzte Menschen – Unterschiede durch Einwanderung gibt es viele. Besonders augenfällig werden sie bei muslimischen Frauen, die durch ihr Kopftuch weithin sichtbar sind. Viele Europäer tun sich, ähnlich wie türkische Laizisten, schwer mit diesem Anblick, empfinden ihn als fremdartig, außereuropäisch, vorübergehend. Dabei sind die eingewanderten Muslime gekommen, um zu bleiben. Das macht die Frage unausweichlich: Wie gehen Islam und Europa zusammen? Wie leben wir miteinander? Es ist eines der großen europäischen Themen dieses Jahrhunderts und Nilüfer Göles zentrale Frage.

Die Professorin an der Pariser EHESS, einer der weltweit angesehensten Hochschulen der Sozialwissenschaften, arbeitet im Herzen des Künstler- und Intellektuellenviertels St. Germain-des-Prés, unweit des legendären Hotels Lutetia. Aus ihrem Bürofenster blickt man über die Dächer, der Eiffelturm ist zu sehen, die Kuppel des Invalidendoms von Ludwig XIV. – aber keine einzige Moschee ist in Sicht. Die Moscheen wachsen an den Stadträndern, erklärt Nilüfer Göle, und ist damit mitten in ihrem Thema.

»Mich interessiert der tief greifende Wandel, der einsetzt, wenn zwei Menschen und zwei Kulturen sich näherkommen«, sagt die Soziologin. Anverwandlungen lautet der deutsche Titel ihres jüngsten Buches, das vom Islam in Europa handelt, von radikalen Islamisten, ganz normalen Muslimen und den europäischen Reaktionen auf sie. In nicht wenigen Schulklassen in Frankreich und in Deutschland sind bereits fünfzig Prozent aller Kinder Muslime. Die europäischen Gesellschaften werden heterogener, und Göle stellt die Frage, wie sich Europa selbst sieht: »Als Bollwerk oder als Ort der Verschmelzung?«

Nilüfer Göles Umzug nach Paris vor acht Jahren fiel in die Zeit des 11. September 2001 und markiert damit – privat wie weltpolitisch – einen Wendepunkt in ihrer Arbeit. Nach den Anschlägen in Amerika seien Gewalt und Konfrontation »in den Mittelpunkt der Begegnung des Islams mit dem Westen« gerückt, sagt sie rückblickend. Zuvor hatte die Soziologin in der Türkei und Frankreich, in den USA und am Wissenschaftskolleg in Berlin über Modernität und Sichtbarkeit des Islams in der Gesellschaft geforscht. Republik und Schleier hieß eines ihrer wichtigen Bücher auf Deutsch. In Paris stellte Göle nach 2001 fest, dass die Debatten um Kopftuch, Ehrenmorde und EU-Beitritt der Türkei heftiger wurden. Dann kamen die Aufstände in den Pariser banlieues, an denen viele muslimische Jugendliche beteiligt waren. Als Nächstes die in Dänemark entfachte Polemik um die Karikaturen des Propheten. »Mein Arbeitsfeld«, sagt sie, »wurde zum öffentlichen Thema Europas.«