Wo ist eigentlich der Vater von Emil Tischbein abgeblieben, dem Titelhelden in Erich Kästners Kinderbuchklassiker Emil und die Detektive? Seine Mutter, klar, die steht allen vor Augen, die das Buch mit acht oder zehn Jahren verschlungen haben. Sie wäscht und trocknet ihren Kunden die Haare, dreht den Damen die Locken und hält sie mit einem Plausch bei Laune. Sie tut das von früh bis spät, um das Geld für ihr einziges Kind und sich selbst zusammenzubekommen – und um manchmal sogar noch etwas abzuknapsen für Emils Oma im fernen Berlin.

Darum wird überhaupt erst ein solches Drama daraus, dass Emil im Zug in die Hauptstadt sitzt und ein Ganove namens Grundeis ihm das Kuvert mit 140 Mark aus der Anzugtasche stiehlt. Dass Mutter Tischbein alleinerziehend ist, führt also ins Herz des ersten deutschen Großstadtromans für Kinder – und zu einer aktuellen Frage: Warum kommen Väter in Deutschland so billig davon, wenn sie sich nicht um ihre Kinder kümmern?

Ja, Väter verschwinden, seit es Väter gibt. Aber gerade im zurückliegenden, kriegsversehrten Jahrhundert wurden Mütter, die sich und ihre Kinder alleine durchbringen mussten, zu Helden aus eigenem Recht erhöht – von Mutter Tischbein über Mutter Courage zu Erika Vosseler, der Mutter von Gerhard Schröder, die von ihrem Sohn »Löwe« genannt wird. Wir rühmen das Tun dieser Mütter. Wir verlieren aber als Gesellschaft selten ein Wort über die Unterlassungen der Väter.

Von Unterlassungen muss man inzwischen wohl wirklich sprechen. Während in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts oft Krieg und Tod den Kindern den Vater nahmen, sind es inzwischen nur noch in Ausnahmefällen die äußeren Schicksalsschläge. Bis heute aber überdeckt die Stärke der anwesenden Frauen fast en passant die Schwäche der abwesenden Männer.

Längst sind wir von der unfreiwillig vaterlosen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts in die geschäftsmäßige Vaterlosigkeit der Gegenwart gerutscht. Äußerlich kommt sie scheinbar ohne großes Drama daher: Paare kommen zusammen, Paare trennen sich, die Kinder bleiben, und zwar meist bei der Mutter.

Väter wie Heinrich Westerwelle sind bis heute die Ausnahme. Nach der Trennung von seiner Frau zog der Bonner Rechtsanwalt seine vier Söhne alleine auf. »Villa Kunterbunt« hieß das Haus im Jargon der Jungs, »nach der Schule machen sie sich meist eine Dose Ravioli auf und suchen unter dem Turm ungespülten Geschirrs einen halbwegs sauberen Teller«. So steht es in einer Biografie über den bekanntesten der vier Söhne, FDP-Chef Guido Westerwelle, der auf die Frage nach seinen Helden des Alltags antwortet: »Alleinerziehende Väter.«

Genauso gibt es Zehntausende getrennt lebender Väter, die sich vorbildlich um ihre Kinder kümmern. Doch wenn Eltern ihre Kinder vernachlässigen, materiell und emotional, dann handelt es sich fast immer um die Väter. In vielen Ländern ist das Phänomen der run-away dads bereits als gesellschaftliches Problem erkannt.