Warum machen Sie das? Wider das Vergessen

Daniel Hope bewahrt jüdische Musik vor dem Vergessen. Roger Willemsen erklärte er, warum

ZEITmagazin: Herr Hope, was muss eine Komposition Besonderes haben, damit Sie sie dem Publikum anbieten?

Daniel Hope: Ich muss einen starken Zugang haben zur Musik selbst und zu der Geschichte dahinter. Die Musik steht im Vordergrund, und nicht immer ist die Geschichte stark. Trotzdem gibt es diese Momente, in denen die Geschichte überwältigend ist. Deshalb mag ich Programme mit Thema, nicht etwas Zusammengeschmissenes.

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ZEITmagazin: Das kann "entartete Musik" sein?

Hope: "Entartete", verbotene, auch Musik ohne Heimat, in der Verquickung mit jener, die an ihrer Stelle Karriere machen konnte. Diese Formen des inneren Konflikts bringe ich gerne auf die Bühne.

ZEITmagazin: Wie finden Sie diese Stücke?

Hope: Ich verbringe viel Zeit in Bibliotheken und Archiven. Doch manchmal schreiben mir Leute auch: Meine Mutter war in Auschwitz oder Theresienstadt, sie hat diese Sonate geschrieben… Manche dieser Kompositionen sind aus den Lagern geschmuggelt worden, haben auf einem Dachboden in New York darauf gewartet, von den Enkeln gefunden zu werden, und dann spricht diese Musik, nach über 60 Jahren…

ZEITmagazin: Handelt es sich um Musik mit Geschichte oder auch mit Substanz?

Hope: Ohne Substanz könnte ich sie nicht spielen. Das ist mein Credo.

ZEITmagazin: Ist das Kriterium dessen, was man "Substanz" nennt, überhaupt benennbar?

Hope: Schwierig. All diese Stücke haben Stärke. Das ist keine melancholische, aufgegebene Musik, wie man bei Menschen in dieser Lage vermutet. Es ist da bei vielen eigentlich Ungläubigen im Lager diese jüdische Ader hervorgekommen. Sehr bewegend.

ZEITmagazin: Die Tochter von Fritz Kortner fragte ihren Vater mal: Was macht mich eigentlich zur Jüdin? Er erwiderte: Der Antisemitismus. Wir stellen uns alle Juden gleich orthodox vor.

Hope: Genau. Meine Urgroßeltern etwa waren stolze patriotische deutsche Staatsbürger, die für die Deutschen in den Krieg gingen, hoch dekoriert wurden.

ZEITmagazin: Und für Deutschland gestorben wären?

Hope: Mein Urgroßvater, ein renommierter Publizist, hat mit Hitler sympathisiert. Nach der Kristallnacht erkannte er sein Unrecht, konnte sich aber nicht vorstellen, Deutschland zu verlassen, und nahm sich das Leben.

ZEITmagazin: Glauben Sie, Ihr Großvater hätte die Musik, die Sie jetzt wieder auf die Welt bringen, als "entartet" bezeichnet?

Hope: Vielleicht hätte er sie in seiner staatstreuen Phase abgelehnt, aber als er sah, wie falsch er lag, hätte sie ihn wohl gerührt.

ZEITmagazin: Haben Sie auch Mitleid mit ihm?

Hope: Großes, trotz allem Erschrecken über seine Blindheit. Die Verurteilung allein ist zu einfach.

ZEITmagazin: Warum also bewahren Sie diese Musik vor dem Vergessen?

Hope: Es gibt ein Riesenloch in der Musikgeschichte um alle diese umgebrachten Musiker. Wenn wir die Historie begreifen wollen, müssen wir das Loch füllen.

ZEITmagazin: Ihre Begründungen für Ihr Tun kommen immer aus dem Innern der Musik, nicht aus der Beobachtung des Marktes. Darum geht es, um eine "Ethik der Musik"?

Hope: Musik ist so unabhängig von Sprache und Ideologie; wenn man seine Ohren nicht schließt, erreicht sie dich, immer. Deshalb ist sie in manchen Ländern verboten. Sie hat eben so etwas Sinnliches, das ethisch verbindet. Hassende können Frieden schließen für die vierzig Minuten einer Beethoven-Sinfonie. Danach mögen sie sich wieder hassen, nicht währenddessen. Dieser Reflex ist das Ethische.

ZEITmagazin: Dann haben wir also eine Verantwortung für das, was wir musikalisch in die Welt bringen?

Hope: Es geht nicht nur um das, was man hört, sondern darum, wie man hört.

ZEITmagazin: Wie höre ich die Neunte unter der Suppenwerbung?

Hope: Die Trivialisierung allein könnte ich akzeptieren, nicht aber, wenn die Leute nicht mehr bereit sind, das Wahre zu erkennen.

ZEITmagazin: Das heißt auch: Wie viel Dissonanz sind wir bereit, über die Ohren aufzunehmen.

Hope: Auch. Glenn Gould hat gesagt, wenn man ein Kind in den ersten Lebensjahren nur Schönberg, Berg, Stockhausen hören ließe, hätte es später eine andere Wahrnehmung. Bei Mozarts Dissonanzen-Quartett sind die Leute zu den ersten 40 Takten auch aus dem Saal gerannt.

ZEITmagazin: Die Leute sagen: Mein Leben ist schon anstrengend genug. Warum muten Sie mir das zu?

Hope: Sie sagen es, solange sie nicht im Konzert waren. Man muss mehr erfahren wollen. Ich bin ja selbst auf der Suche nach der Musik. Auf diese Suche nehme ich die Menschen mit.

Daniel Hope, 1974 in Australien geboren, ist einer der besten Geiger der Welt. In seinem Buch "Familienstücke" spürte er seinen deutsch-irisch-jüdischen Wurzeln nach.Roger Willemsen stellt jede Woche die Frage: "Warum machen Sie das?"

 
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