Warum machen Sie das? Wider das VergessenSeite 2/2
ZEITmagazin: Haben Sie auch Mitleid mit ihm?
Hope: Großes, trotz allem Erschrecken über seine Blindheit. Die Verurteilung allein ist zu einfach.
ZEITmagazin: Warum also bewahren Sie diese Musik vor dem Vergessen?
Hope: Es gibt ein Riesenloch in der Musikgeschichte um alle diese umgebrachten Musiker. Wenn wir die Historie begreifen wollen, müssen wir das Loch füllen.
ZEITmagazin: Ihre Begründungen für Ihr Tun kommen immer aus dem Innern der Musik, nicht aus der Beobachtung des Marktes. Darum geht es, um eine "Ethik der Musik"?
Hope: Musik ist so unabhängig von Sprache und Ideologie; wenn man seine Ohren nicht schließt, erreicht sie dich, immer. Deshalb ist sie in manchen Ländern verboten. Sie hat eben so etwas Sinnliches, das ethisch verbindet. Hassende können Frieden schließen für die vierzig Minuten einer Beethoven-Sinfonie. Danach mögen sie sich wieder hassen, nicht währenddessen. Dieser Reflex ist das Ethische.
ZEITmagazin: Dann haben wir also eine Verantwortung für das, was wir musikalisch in die Welt bringen?
Hope: Es geht nicht nur um das, was man hört, sondern darum, wie man hört.
ZEITmagazin: Wie höre ich die Neunte unter der Suppenwerbung?
Hope: Die Trivialisierung allein könnte ich akzeptieren, nicht aber, wenn die Leute nicht mehr bereit sind, das Wahre zu erkennen.
ZEITmagazin: Das heißt auch: Wie viel Dissonanz sind wir bereit, über die Ohren aufzunehmen.
Hope: Auch. Glenn Gould hat gesagt, wenn man ein Kind in den ersten Lebensjahren nur Schönberg, Berg, Stockhausen hören ließe, hätte es später eine andere Wahrnehmung. Bei Mozarts Dissonanzen-Quartett sind die Leute zu den ersten 40 Takten auch aus dem Saal gerannt.
ZEITmagazin: Die Leute sagen: Mein Leben ist schon anstrengend genug. Warum muten Sie mir das zu?
Hope: Sie sagen es, solange sie nicht im Konzert waren. Man muss mehr erfahren wollen. Ich bin ja selbst auf der Suche nach der Musik. Auf diese Suche nehme ich die Menschen mit.
Daniel Hope, 1974 in Australien geboren, ist einer der besten Geiger der Welt. In seinem Buch "Familienstücke" spürte er seinen deutsch-irisch-jüdischen Wurzeln nach.Roger Willemsen stellt jede Woche die Frage: "Warum machen Sie das?"
- Datum 06.06.2009 - 17:48 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.06.2009 Nr. 24
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