Fotografie
"Ich war sofort total verliebt"
Die Fotografen Nan Goldin und William Eggleston sind seit Jahren befreundet. Aus ihrem ersten gemeinsamen Interview wurde eine ziemlich private Angelegenheit
Wir wollten Nan Goldin und William Eggleston zum Interview treffen, die beiden bedeutendsten lebenden Fotografen Amerikas. Wir wollten mit ihnen über ihre Freundschaft reden. Über ihr Werk. Und über Paris. Nan Goldin hat dort seit einer Weile eine Wohnung, William Eggleston hat die Stadt gerade porträtiert; die Fondation Cartier zeigt die Bilder neben einigen Zeichnungen von Eggleston, der zur Ausstellungseröffnung angereist ist. Die beiden an einem Ort – diese Chance wollten wir nutzen. Aber erst einmal warteten wir. Vielleicht, hieß es, könne das Gespräch am Samstag stattfinden. Am Samstag jedoch passierte nichts. Sonntagfrüh ließ Nan Goldin ausrichten, sie sei unpässlich.
Goldin, heute 55, ist Ende der achtziger Jahre bekannt geworden. Sie lebte unter Transsexuellen und fotografierte sie. Ihr Werk, eng verbunden mit ihrem eigenen Intimleben, kann als Beitrag zur sexuellen Befreiung verstanden werden. William Eggleston, heute 69, schaffte es in den siebziger Jahren, die Farbfotografie, vormals als Werbefotografie belächelt, zur Kunstform zu erheben. Er fotografierte das hässliche Amerika: triste Vorstädte, Straßen, Kühlschränke. Seine Fotos leben weniger von dem, was sie zeigen. Sie sind Meisterwerke der Komposition.
Es war klar, dass es nicht einfach sein würde, die beiden zu einem gemeinsamen Gespräch zu motivieren. Führen sie doch ein eher unstetes Leben, und William Eggleston ist dafür bekannt, dass er lieber schweigt als spricht. Von ihm hatten wir nie eine feste Zusage für das Interview bekommen, nur von Nan Goldin. Als wir sie am Sonntagabend, dem zweiten Tag in Paris, ans Telefon bekamen, fragte sie, was wir denn bloß von ihr wollten. Sie erinnere sich an gar keine Verabredung.
Ein paar Stunden später gibt es dann doch – auf Vermittlung ihres ehemaligen Assistenten, des Fotografen Markus Jans – einen Termin, für den folgenden Tag: um 15 Uhr in einem Hotel am Place des Vosges, wo William Eggleston ein Zimmer hat. Der Termin wird nur noch mal um eine halbe Stunde verschoben, dann treffen wir Egglestons Sohn, der den Vater stets begleitet. Ein Herr im grauen Sommeranzug; er mahnt dezent, wir sollten doch bitte die richtigen Quellenangaben unter die Fotos schreiben.
Endlich führt er uns in das Zimmer seines Vaters im Erdgeschoss des Hotels. Es ist ein Raum in edlen Braun- und Orangetönen. Die Fensterflügel sind weit geöffnet, man blickt in einen begrünten Innenhof. Nan Goldin trägt eine schwarze Hose, hohe Schuhe und eine leicht transparente, dunkelblaue Rüschenbluse. Sie war an diesem Morgen noch beim Friseur. William Eggleston, die Haare streng gescheitelt und von Pomade gehalten, trägt eine schwarze Hose, weißes Hemd, einen grünen Binder und einen lilafarbenen Seidenschal. Die beiden sitzen auf dem großen Doppelbett. Sie werden dieses Bett in den nächsten zwei Stunden nicht verlassen.
Nan Goldin hat sich, als sie sich 1983 selbst porträtierte (Self-Portrait in My Room), auf ihrem Bett liegend gezeigt; sie hat sich mit ihrem Freund auf dem Bett fotografiert; sie hat blutverschmierte Schlafzimmer fotografiert und ein Bettfrühstück im Hotel Torre di Bellosguardo in Florenz. Und ein berühmtes Foto von William Eggleston aus den frühen Siebzigern zeigt einen Mann, der apathisch auf einem Hotelbett sitzt.
"Nehmen Sie doch bitte Platz auf einem Hocker", sagt Nan Goldin. In ihren Händen balancieren sie ihre Gläser, zwischen ihnen, auf der Tagesdecke, steht ein voller Aschenbecher, Eggleston raucht die schwarzen American Spirit, Nan Goldin nimmt sich ab und an eine Zigarette von ihm. Es sieht sehr vertraut aus.
Bevor das Interview beginnt, erhebt sich Nan Goldin, um William Eggleston einen neuen Brandy zu holen. "Möchten Sie auch etwas?", fragt sie und fügt hinzu, dass sie in New York schließlich lange Zeit als Barfrau gearbeitet habe. Sie stellt das volle Glas vor dem Bett auf den Teppich, und unversehens hat Eggleston es umgestoßen. Brandy sickert in den Teppich. Noch einmal wird das Glas gefüllt.
ZEITmagazin: Ist Herr Eggleston ein Freund oder ein Vorbild für Sie, Frau Goldin?
Goldin: Er ist mein Freund.
Eggleston: Wir sind uns beide Vorbild.
Goldin: Natürlich, ich liebe seine Arbeit. Er ist der Mann, der die Farbfotografie erfunden hat. Aber ich liebe auch ihn, den Gentleman in ihm.
ZEITmagazin: Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie sich das erste Mal getroffen haben?
Goldin: In Texas, auf einem Fotofestival.
Eggleston: Vor hundert Jahren.
Goldin: Nein, das war 1987, als ich die Ehre hatte, dich zu treffen. Ich war so froh, dass du da warst. Das war eine schlimme Zeit für mich. Sie hatten mich für meine Arbeit ausgebuht, ich ging auf mein Zimmer und habe es für den Rest des Festivals kaum noch verlassen. Auf irgendeinem Empfang haben wir uns dann kennengelernt. Seine einzigen an mich gerichteten Worte waren, glaube ich: Ich habe Hunger, ich möchte gerne einen Hamburger essen. Er ist eben einfach sehr mondän, er quatscht nicht so viel. Verliebt habe ich mich in ihn erst vor zehn Jahren, als ich ihn einmal fotografiert habe. Er kam gerade aus Japan.
Eggleston: Stimmt, Japan, ich erinnere mich. Da war doch die Geschichte mit diesem chinesischen Mädchen.
Goldin:(streicht ihm über die Wange) Ich bin eifersüchtig. Es gibt in deinem Leben zu viele Mädchen, französische, chinesische. Ich habe mich in dich verliebt, weil du Frauen wirklich gerne magst. Ich glaube, es gibt nicht viele Männer, die Frauen wirklich mögen.
Eggleston: Sie müssen genau zuhören, was sie sagt. Alles, was sie sagt, ist wichtig.
Goldin: Aber vieles ist geklaut, ich habe vielen Leuten zugehört im Laufe meines Lebens. Und von vielen habe ich ein paar Worte gestohlen.
Eggleston: Ich habe ein paar von Shakespeare gestohlen.
Goldin:(lacht) Du sprichst ein bisschen wie Shakespeare, du spielst ein bisschen Klavier wie Bach, und du malst ein bisschen wie Kandinsky. Das ist gut: sich nach dem Himmel strecken. Aber verliebt habe ich mich in dich, weil du Frauen magst. Mein Vater ist 95, und gestern sagte er mir am Telefon, er sei immer ein Frauenhasser gewesen. Jetzt endlich sei er darüber hinweg. Ich hatte eine harte Zeit mit Männern in den Achtzigern. Es gab so viele, die davon überzeugt waren, dass es keine guten weiblichen Künstler gibt. Wenn Männer meine Bilder anschauten, haben sie sich meistens verhalten wie Schuljungen. Sie haben gekichert und gesagt: Nein, das ist doch nicht etwa deine Hand an Brians Schwanz…
ZEITmagazin: Sie meinen Ihren damaligen Freund Brian, den Sie auch in Ihrem Werk "Nan and Brian in Bed" verewigt haben…
Goldin: …solche Kommentare haben mich sehr getroffen. Ich glaube, wenn ich noch einmal wiedergeboren werde, möchte ich als Mädchen mit extrem langen Beinen und extrem kleinem Gehirn auf die Welt kommen. Als Model eben. Als kleines Mädchen habe ich immer gehofft, ich könnte ein Pferd werden. Erst mit fünf Jahren habe ich kapiert, dass das nicht geht.
Wenn Nan Goldin William Eggleston attestiert, er liebe die Frauen wirklich, so ist das, aus ihrem Mund gesprochen, ein riesiges Kompliment. Nan Goldin hat als 14-Jährige erlebt, dass sich ihre Schwester umbrachte. Danach verließ sie das Elternhaus. Die Schuld am Selbstmord gibt sie dem Umstand, dass ihre Schwester von ihren Eltern nicht geliebt wurde, weil sie ein Mädchen war. Ihren Vater beschreibt sie als Unterdrücker. Nan Goldin hat sich in ihrem Leben oft zu Männern hingezogen gefühlt, die ähnlich herrschsüchtig waren wie ihr Vater. 1984 verprügelte ihr Freund sie so sehr, dass sie beinahe daran gestorben wäre. Sie hat sich danach selbst mit blutunterlaufenen Augen und Veilchen fotografiert. Dieses Foto wurde das zentrale Bild ihres wohl berühmtesten Werkes, "Die Ballade von der sexuellen Abhängigkeit".
ZEITmagazin: Frau Goldin, Herr Eggleston, wie oft sehen Sie beide sich?
Goldin: Er will mich immer anrufen, aber dann vergisst er meine Nummer.
Eggleston: Das ist wirklich seltsam, uns ist aufgefallen, dass wir uns fast nie sehen.
Goldin: Aber ich denke die ganze Zeit an dich. Ich würde dich gerne mal in Memphis besuchen.
Eggleston: Liebling, würdest du mir einen neuen Drink holen?
(Sie holt ihm einen neuen Brandy und begibt sich wieder aufs Bett.)
ZEITmagazin: Herr Eggleston, wie haben Sie gearbeitet, als Sie Paris fotografierten? Hatten Sie einen Fahrer, der Sie durch die Stadt fuhr?
Goldin: Nein, er hatte eine Fahrerin, ein hübsches Mädchen.
Eggleston: Was für ein Mädchen?
Goldin: Na, das Mädchen, das dich herumgefahren hat und dir Paris zeigte.
(Nan schmiegt sich an William. Er genießt das sichtlich, lächelt.)
ZEITmagazin: Herr Eggleston – wie muss man sich das vorstellen? Sie wurden herumgefahren, und dann sagten Sie: Stopp, hier will ich ein Bild machen?
Eggleston: Ja, genauso war das.
ZEITmagazin: Und nach welchen Kriterien haben Sie den Ort ausgesucht?
Eggleston: Das weiß ich nicht mehr, das weiß ich nie.
ZEITmagazin: Waren Sie manchmal überrascht von Paris?
Eggleston: Überrascht? Nein, überhaupt nicht.
Goldin: Das Pariser Licht ist ziemlich erstaunlich, die Art, wie sich das Licht verändert. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich es das erste Mal sah. Das war 1997 so um fünf Uhr morgens. Ich war sofort total verliebt.
Eggleston: Ja, schwer, es nicht zu lieben.
Goldin: Nur die Menschen hier sind manchmal schwierig. Die Franzosen bilden sich ja so wahnsinnig viel auf ihre Sprache ein. Die Franzosen mögen eigentlich nur Franzosen.
Eggleston: Ich hatte nie Probleme mit ihnen.
Goldin: Weil du so höflich bist. Du hast so eine gewisse Grazie. Was ich an Europa mag, ist diese Vielfalt. Man setzt sich in einen Zug, und in ein paar Stunden ist man zum Beispiel in Luxemburg. In Amerika ist nichts als Amerika. Ich habe auch mal in Berlin gelebt, in Kreuzberg, das war eine großartige Zeit. New York war der Ort für alle, die wegwollten aus Amerika, und Berlin war der Ort für alle, die wegwollten aus Deutschland. In Kreuzberg haben unter mir Türken gewohnt, die haben gesagt, ich würde ihr Leben zerstören, weil ich die ganze Nacht mit meinen High Heels auf den Dielen herumlief.
ZEITmagazin: Wenn Paris ein Mensch wäre, was hätte er für einen Charakter?
Eggleston: Darauf habe ich keine Antwort.
Goldin: Knochig, schneidig, snobistisch.
Eggleston: Stimmt, du hast recht.
ZEITmagazin: Mögen Sie Paris denn, Mr. Eggleston?
(Eggleston antwortet nicht.)
Goldin: Er ist hier, ich glaube also nicht, dass er es hasst.
ZEITmagazin: Frau Goldin, warum sind Sie denn nach Paris gezogen?
Eggleston: Darauf gibt es keine Antwort.
Goldin: Von mir auch nicht.
Eggleston: Ich würde sagen, kein Kommentar.
Goldin: Wir machen es, wie Warhol es in seinen Interviews gemacht hat. Er hat immer nur ja, nein, ja geantwortet. Nein, ich weiß nicht, warum ich es getan habe, aber damals, vor etwa acht Jahren, schien es mir richtig, nach Paris zu gehen.
Nan Goldin ist vielleicht auch deshalb auf Andy Warhol gekommen, weil sie und Eggleston ähnlich wie er in New York gelebt haben – in einer Art Factory, unter Künstlerkollegen, Models, Figuren der Boheme. Nan Goldin nahm eine Zeitlang harte Drogen, und sie hat später, in den neunziger Jahren, viele ihrer Freunde an Aids sterben sehen. Sie hat ihre Freunde beim Sterben fotografiert, so wie sie sie zuvor beim Sex fotografiert hatte. Eggleston hingegen lebte nur ein paar Jahre in New York unter Künstlern, dann zog es ihn wieder in seine Heimat Memphis, zu Frau und Kindern.
Oft haben Journalisten zwanzig Minuten Zeit oder auch mal eine Stunde für ein Interview, und beide Seiten geben sich ausgesprochen Mühe, höflich zu sein und charmant, sich gegenseitig lustig und unterhaltsam zu finden. Bei den sehr Berühmten wachen sehr häufig Pressesprecher darüber, was gesagt wird, so groß ist die Angst, ein unbedachtes Wort könne fallen. Man möchte Herr sein über das Bild, das in der Öffentlichkeit entsteht.
In diesem Fall nun haben wir das seltene Glück, zwei große Künstler nahezu privat zu erleben. Es sieht aus, als wollten sie miteinander flirten. Der Nachteil für uns: Sie scheinen uns kaum zu beachten. Innerhalb weniger Minuten haben sie ein Bündnis gegen uns geschmiedet. Wir fühlen uns wie Eindringlinge in ihrem privaten Refugium. Immer leiser wird ihr Gespräch, immer vertraulicher der Ton, bald ist leider nichts mehr zu verstehen. Sie schauen sich an, schauen gar nicht mehr zu uns herüber.
Nach einer Weile klopft es an der Tür, ein Bote reicht drei frisch gedruckte Bücher von Egglestons Paris-Arbeiten herein. Nan Goldin stürzt sich auf die Bücher, reißt die Folie von einem der Bände und beginnt ganz versunken, die Bilder zu betrachten. Sie blättert und streicht zärtlich mit der Hand über die Seiten, lobt den Verleger, der ein wahrer Künstler sei. Sicher zwanzigmal ruft sie "Wow!", zieht dabei den Vokal immer mehr in die Länge, als müsse sie jedes Wow durch das neue Wow noch übertreffen, um glaubhaft begeistert zu sein.
Goldin: Die Farben sind so intensiv, Du bist wirklich der Meister der Farbfotografie.
Eggleston: Ich nehme das nicht als Schmeichelei. Ich weiß, wenn du das sagst, meinst du es auch so.
Sie zeigt auf ein Foto, auf dem verschiedene Tüllstoffe zu sehen sind.
Goldin: Oh mein Gott, das ist so schön, das ist unglaublich.
Eggleston: Das ist speziell für dich.
Goldin: Das ist das femininste Bild, das je ein Mann gemacht hat. Im besten Sinne. Ich liebe die Art, wie du zwischen weichen und harten Aufnahmen wechselst. Ich habe wirklich das Gefühl, Paris zu sehen.
Eggleston: Hast du genug Licht? Setz dich doch ans Fenster, dann siehst du besser.
Goldin: Diese Fotos und Zeichnungen haben unglaubliche Beziehungen zueinander. Du siehst Dinge, die ich niemals gesehen hätte. Wow.
Es wirkt, als ruhe er mehr in sich als sie. Sie sind beide Überlebende des Rock ’n’ Roll – auf unterschiedliche Weise: Er hat noch immer seine Ehe in Memphis; sie lebt allein. Sie musste gerade ihre New Yorker Wohnung aufgeben, die zu teuer geworden ist. Er hat keine finanziellen Sorgen, es gibt ja immer noch das Erbe, er stammt aus einer Familie von Plantagenbesitzern.
ZEITmagazin: Sie haben gesagt, dass William Eggleston Dinge sieht, die Sie nicht sehen. Ist das das Wichtigste für einen guten Fotografen: Dinge zu sehen, die andere nicht wahrnehmen?
Goldin: Es ist keine Frage, dass William allen die Augen öffnet, allen Menschen, die aufmerksam genug sind, um zu schauen. Ich glaube, dass wirkliche Künstler der Welt etwas geben, ohne das sie sehr leer wäre. Echte Künstler müssen arbeiten, sie können gar nicht anders. Das ist der Unterschied zu vielen jungen Künstlern, die über alles einen Witz machen müssen, viele von ihnen sind so voller Zynismus. Als ich das erste Mal eine Ausstellung von jungen britischen Künstlern sah, dachte ich, das ist wie eine Gameshow oder wie Karneval. Sie nehmen nichts ernst, ich glaube, sie nehmen nicht einmal sich selbst ernst. Sie orientieren sich zu sehr am Markt. Andere dagegen können nicht überleben, wenn sie nicht arbeiten. Deswegen bin ich im Moment in einer Krise, weil ich nicht fotografiere.
ZEITmagazin: Wie ist es zu dieser Krise gekommen?
Goldin: Ich fotografiere nicht mehr viel, weil ich wenig sehe, was schön genug ist, um fotografiert zu werden.
Eggleston: Ich weiß, was du meinst.
Goldin: Du kennst das auch?
Eggleston: Ja.
Goldin: Ich bin vorgestern aus Moskau zurückgekommen. Dort habe ich seit Langem wieder einmal fotografiert, das hat mich sehr glücklich gemacht. Es hat geschneit zur magischen Stunde, der letzten Stunde vor der Dunkelheit, das war wunderbar.
ZEITmagazin: Frau Goldin, Sie haben immer wieder gesagt, es sei besonders wichtig für Ihre Arbeit, dass Sie Gefühle für die Personen empfinden, die Sie in Ihren Bildern darstellen.
Goldin: Ja, ich fotografiere fast immer Menschen, die mir nahestehen. Ich mache Bilder, um mich an mein Leben zu erinnern. Früher habe ich immer nur Momente fotografiert, in denen sich zwei Menschen verbinden. Jetzt habe ich begonnen, auch Konfliktsituationen zu fotografieren. Situationen, in denen man die Spannung zwischen zwei Personen sieht, wenn sie streiten oder sich prügeln.
Eggleston: Sie müssen wirklich auf jedes Wort hören, das sie sagt, alles bedeutet etwas.
ZEITmagazin: Frau Goldin, zuletzt haben Sie auch Menschen fotografiert, die nicht zu Ihrem Freundeskreis gehören. Wie ist es für Sie, jemanden zu fotografieren, den Sie zum ersten Mal treffen?
Goldin: Vor Kurzem habe ich ein Model fotografiert, das war blond, außen blond und innen blond. Die Location war eine alte Ballettschule. Dieses Model hatte noch nie von Ballett gehört – nicht nur, dass sie nie in einem war, sie hat auch nie davon gehört. Das ist doch völlig unmöglich.
(Sie blättert weiter in dem Buch von Eggleston.)
ZEITmagazin: Wie meinen Sie das, Frau Goldin, was Sie eben gesagt haben: Die jungen Künstler orientieren sich zu sehr am Markt?
Goldin: Ich selbst hatte vom Markt nichts gehört bis 1979. Ein Maler in einer Schwulenbar erzählte mir damals zum ersten Mal davon, von Mailand und Düsseldorf und all den anderen wichtigen Orten. Aber erst zehn Jahre später habe ich die Beziehung zwischen Kunst und Markt wirklich verstanden. Ich trat aus meiner Galerie in der 56. Straße in New York und sah, dass nebenan eine Gucci-Filiale aufgemacht hatte. Ich weiß noch genau, wo ich stand, als ich kapierte, es geht um Geld. Es war, als würde man zum ersten Mal Kaffee riechen. In der Kunsthochschule, wo ich studiert hatte, ging es nie um Geld. Meine Professoren haben mir vor allem beigebracht zu trinken, und dann saßen wir zusammen und sprachen über Kunst. Damals an der Kunsthochschule war ganz klar: Wenn du ein Künstler wirst, wirst du immer arm bleiben. Wir wussten nicht, dass es einen Markt gab, vielleicht gab es auch keinen in den Siebzigern.
ZEITmagazin: Frau Goldin, haben Sie einen Rat an junge Künstler, eine Botschaft?
Goldin: Ich unterrichte manchmal, und in meiner ersten Lehrveranstaltung spreche ich immer über Safe Sex. Was ich wirklich hasse: Sie bringen den Studenten bei, dass es keinen Unterschied gebe zwischen Fakten und Fiktion. Ich habe einmal 150 Studenten gefragt, ob sie glaubten, dass Fotografie wahr sei, nur vier haben ja gesagt. Es ist schrecklich, wie durch das Programm Photoshop alles zerstört wird. Manchmal fotografiere ich für Magazine, und sie verstehen einfach nicht, dass sie meine Bilder nicht bearbeiten dürfen. Sie verstehen nicht, dass sie etwas, was ihnen nicht passt, nicht einfach retuschieren dürfen. Heute macht jeder Vollidiot digitale Fotos. Du benutzt doch keine Digitalkamera, William?
Eggleston: Nein.
Goldin: Ich auch nicht. Es ist schrecklich. Es trägt dazu bei, die Welt zu zerstören. Ich sage meinen Studenten, wenn sie das wirkliche Leben fotografieren wollen, dann müssen sie nach Perlen suchen. Da war zum Beispiel dieses eine Mädchen, das Crack-Prostituierte fotografieren wollte, am Times Square. Ich habe sie gefragt, ob sie je Crack genommen habe, ob sie je auf einem Trip gewesen sei. Sie sagte Nein. Ich sagte, okay, dann geh in ein Hotel am Times Square, wo die Leute Crack rauchen, und leb mit ihnen. Finde heraus, worum es wirklich geht, bevor du es wagst, sie zu fotografieren. Das Mädchen ging zu dem Direktor und erzählte ihm, ich hätte ihr empfohlen, Crack zu rauchen und eine Prostituierte zu werden. (lacht) Was soll man dazu noch sagen? Wie soll man Armut fotografieren, wenn man nicht weiß, was das ist? Bei den jungen Filmemachern ist das genauso. Meist geht es in ihrem ersten Film um einen Mord, aber keiner von ihnen hat je einen Toten gesehen. Warte, bis du einen toten Körper gesehen hast, und dann mach einen Film über Mord. Ich glaube, man kann nichts fotografieren, was man nicht erlebt hat; wozu man keine Verbindung hat.
Eggleston: Für mich ist es das erste Gebot der Fotografie.
Goldin: Ich sage den Studenten: Wenn ihr keine Bilder machen müsst, dann macht keine. Echte Künstler leiden, wenn sie nicht arbeiten können.
ZEITmagazin: Leiden Sie dann auch, Herr Eggleston?
Eggleston: Ich weiß nicht, vielleicht leiden wir alle immer.
Goldin: Ich brauche viel Zustimmung. Es kommt allerdings darauf an, wer meine Kunst anschaut. Es gibt keine wirklichen Maßstäbe. Man kann ein guter oder schlechter Ingenieur sein. Du machst deine Arbeit, und es ist klar, ob du sie gut oder schlecht machst. Wie diese ganzen Finanzheinis jetzt, die Spiele gespielt haben, die haben ihre Arbeit schlecht gemacht. Du bist entweder ein guter Jäger oder ein schlechter. Aber wer entscheidet, ob du ein guter oder schlechter Künstler bist? Nur du selbst kannst das entscheiden, mithilfe der Menschen, denen du vertraust. Deswegen sage ich, ich leide manchmal. Es gibt nur sehr wenige Menschen, denen man in seinem Leben trauen kann. Mir können ein paar Tausend Leute bei einer Ausstellungseröffnung sagen: Ihre Arbeit ist großartig. Ich sage: Danke, das ist nett von Ihnen, aber es bedeutet nichts.
Eggleston: Das ist so wahr.
Goldin: Aber wenn ein Mensch, den ich wirklich respektiere, meine Arbeit schätzt, dann bedeutet das viel für mich.
Sie schaut Eggleston an. Sie schweigen eine ganze Weile.
ZEITmagazin: Denken Sie, wenn Sie fotografieren?
Goldin: Ich denke nie, wenn ich ein Bild mache. Ich glaube, viele junge Menschen denken, wenn sie Kunst machen.
Eggleston: Ich denke auch nicht viel, wenn ich Kunst mache. Da ist nichts, was man planen kann. Ich glaube… wir trinken und fühlen.
Goldin: Ich glaube, wir würden jetzt gerne noch etwas unter uns sein.
Nan Goldin wurde 1953 in Washington, D.C., geboren. Nach dem Selbstmord ihrer Schwester zieht sie von zu Hause aus, lebt seit den späten siebziger Jahren unter Künstlerkollegen in New York. Ihr Privatleben in der Boheme macht sie zum Thema ihrer Arbeit. Ihr wichtigstes Werk ist die "Ballade von der sexuellen Abhängigkeit" (1986). Ihre Fotografien wurden vielfach ausgezeichnet. Sie lebt heute in New York und vor allem in Paris.
William Eggleston wurde 1939 in Memphis, Tennessee, geboren. Er wuchs auf der Baumwollplantage seiner Familie auf. Schon im Alter von zehn Jahren beginnt Eggleston zu fotografieren. Spätestens seit seiner – von der Kritik gehassten – Einzelausstellung 1976 im New Yorker MoMA gilt er als Erfinder der Farbfotografie. Als künstlerische Form ist sie inzwischen längst etabliert. Heute besitzen viele internationale Museen und Sammlungen Bilder von Eggleston. Er lebt mit seiner Frau in Memphis.
- Datum 3.6.2009 - 14:51 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 04.06.2009 Nr. 24
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