Wir wollten Nan Goldin und William Eggleston zum Interview treffen, die beiden bedeutendsten lebenden Fotografen Amerikas. Wir wollten mit ihnen über ihre Freundschaft reden. Über ihr Werk. Und über Paris. Nan Goldin hat dort seit einer Weile eine Wohnung, William Eggleston hat die Stadt gerade porträtiert; die Fondation Cartier zeigt die Bilder neben einigen Zeichnungen von Eggleston, der zur Ausstellungseröffnung angereist ist. Die beiden an einem Ort – diese Chance wollten wir nutzen. Aber erst einmal warteten wir. Vielleicht, hieß es, könne das Gespräch am Samstag stattfinden. Am Samstag jedoch passierte nichts. Sonntagfrüh ließ Nan Goldin ausrichten, sie sei unpässlich.

Goldin, heute 55, ist Ende der achtziger Jahre bekannt geworden. Sie lebte unter Transsexuellen und fotografierte sie. Ihr Werk, eng verbunden mit ihrem eigenen Intimleben, kann als Beitrag zur sexuellen Befreiung verstanden werden. William Eggleston, heute 69, schaffte es in den siebziger Jahren, die Farbfotografie, vormals als Werbefotografie belächelt, zur Kunstform zu erheben. Er fotografierte das hässliche Amerika: triste Vorstädte, Straßen, Kühlschränke. Seine Fotos leben weniger von dem, was sie zeigen. Sie sind Meisterwerke der Komposition.

Es war klar, dass es nicht einfach sein würde, die beiden zu einem gemeinsamen Gespräch zu motivieren. Führen sie doch ein eher unstetes Leben, und William Eggleston ist dafür bekannt, dass er lieber schweigt als spricht. Von ihm hatten wir nie eine feste Zusage für das Interview bekommen, nur von Nan Goldin. Als wir sie am Sonntagabend, dem zweiten Tag in Paris, ans Telefon bekamen, fragte sie, was wir denn bloß von ihr wollten. Sie erinnere sich an gar keine Verabredung.

Ein paar Stunden später gibt es dann doch – auf Vermittlung ihres ehemaligen Assistenten, des Fotografen Markus Jans – einen Termin, für den folgenden Tag: um 15 Uhr in einem Hotel am Place des Vosges, wo William Eggleston ein Zimmer hat. Der Termin wird nur noch mal um eine halbe Stunde verschoben, dann treffen wir Egglestons Sohn, der den Vater stets begleitet. Ein Herr im grauen Sommeranzug; er mahnt dezent, wir sollten doch bitte die richtigen Quellenangaben unter die Fotos schreiben.

Endlich führt er uns in das Zimmer seines Vaters im Erdgeschoss des Hotels. Es ist ein Raum in edlen Braun- und Orangetönen. Die Fensterflügel sind weit geöffnet, man blickt in einen begrünten Innenhof. Nan Goldin trägt eine schwarze Hose, hohe Schuhe und eine leicht transparente, dunkelblaue Rüschenbluse. Sie war an diesem Morgen noch beim Friseur. William Eggleston, die Haare streng gescheitelt und von Pomade gehalten, trägt eine schwarze Hose, weißes Hemd, einen grünen Binder und einen lilafarbenen Seidenschal. Die beiden sitzen auf dem großen Doppelbett. Sie werden dieses Bett in den nächsten zwei Stunden nicht verlassen.

Nan Goldin hat sich, als sie sich 1983 selbst porträtierte (Self-Portrait in My Room), auf ihrem Bett liegend gezeigt; sie hat sich mit ihrem Freund auf dem Bett fotografiert; sie hat blutverschmierte Schlafzimmer fotografiert und ein Bettfrühstück im Hotel Torre di Bellosguardo in Florenz. Und ein berühmtes Foto von William Eggleston aus den frühen Siebzigern zeigt einen Mann, der apathisch auf einem Hotelbett sitzt.

"Nehmen Sie doch bitte Platz auf einem Hocker", sagt Nan Goldin. In ihren Händen balancieren sie ihre Gläser, zwischen ihnen, auf der Tagesdecke, steht ein voller Aschenbecher, Eggleston raucht die schwarzen American Spirit, Nan Goldin nimmt sich ab und an eine Zigarette von ihm. Es sieht sehr vertraut aus.

Bevor das Interview beginnt, erhebt sich Nan Goldin, um William Eggleston einen neuen Brandy zu holen. "Möchten Sie auch etwas?", fragt sie und fügt hinzu, dass sie in New York schließlich lange Zeit als Barfrau gearbeitet habe. Sie stellt das volle Glas vor dem Bett auf den Teppich, und unversehens hat Eggleston es umgestoßen. Brandy sickert in den Teppich. Noch einmal wird das Glas gefüllt.

ZEITmagazin: Ist Herr Eggleston ein Freund oder ein Vorbild für Sie, Frau Goldin?

Goldin: Er ist mein Freund.

Eggleston: Wir sind uns beide Vorbild.

Goldin: Natürlich, ich liebe seine Arbeit. Er ist der Mann, der die Farbfotografie erfunden hat. Aber ich liebe auch ihn, den Gentleman in ihm.

ZEITmagazin: Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie sich das erste Mal getroffen haben?

Goldin: In Texas, auf einem Fotofestival.