Die Frage, ob der Schwanz mit dem Hund wedeln kann, beschäftigt deutsche und amerikanische Historiker seit Langem. Konkret: Bisher war nicht klar, ob der Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 von der sowjetischen Führung angeordnet worden war oder ob die SED-Führung die Abriegelung West-Berlins dem großen Bruder abgetrotzt und damit die Eskalation der Berlin-Krise vorangetrieben hatte. Jetzt steht fest: Der endgültige Beschluss zum Bau der Berliner Mauer fiel am 1. August 1961 bei einem Gespräch von Walter Ulbricht (SED) mit Nikita Chruschtschow (KPdSU) kurz vor der gemeinsamen Tagung des Warschauer Paktes. Die beiden Generalsekretäre vereinbarten in Moskau, wie es in einem gerade entdeckten Protokoll des Gesprächs heißt, die Zugänge nach West-Berlin zu »vermauern«.

Die eigentliche Sensation besteht darin, dass dieses Dokument nach mehr als 48 Jahren endlich freigegeben wurde. Seit vielen Jahren bemüht sich die deutsch-russische Historikerkommission darum, sowjetische Akten zugänglich zu machen, die über Deutschland angefertigt wurden. Ein erster Erfolg der Verhandlungen war der weitgehend ungehinderte Zugang zu bestimmten Aktenbeständen im Russischen Staatsarchiv für Zeitgeschichte. Das erwähnte Gesprächsprotokoll lag bis zu diesem Zeitpunkt im Präsidentenarchiv der Russischen Föderation und blieb damit für die Forschung unzugänglich.

Die 19 Seiten des Protokolls erstaunen wegen ihres lockeren Tonfalls. Angesichts der Berlin-Krise und der massiven politischen wie wirtschaftlichen Schwierigkeiten in der DDR sprechen die beiden Staatschefs Klartext. Bereits zu Anfang des Gesprächs legt Chruschtschow seinem Gegenüber dar, dass es zur Sperrung der Grenze keine Zeit und Alternative mehr gebe: »Ich habe unseren Botschafter gebeten, Ihnen meinen Gedanken darzulegen, dass man die derzeitigen Spannungen mit dem Westen nutzen und einen eisernen Ring um Berlin legen sollte. Das ist leicht zu erklären: Man droht uns mit Krieg, und wir wollen nicht, dass man uns Spione schickt. Diese Begründung werden die Deutschen verstehen.«

Für die DDR sah Chruschtschow vor allem eine Polizeifunktion vor: »Ich bin der Meinung, den Ring sollten unsere Truppen legen, aber kontrollieren sollten Ihre Truppen.« Gleichzeitig machte der sowjetische Partei- und Staatschef klar, dass er bereit war, ein hohes Risiko einzugehen: »Wenn man uns Krieg aufzwingt, dann wird es Krieg geben.« Außerdem, so Chruschtschow zu Ulbricht, »hilft das Ihnen, denn es reduziert die Fluchtbewegung«.

Militärisch sei von der Sowjetunion bereits alles vorbereitet, führte der KPdSU-Chef weiter aus, sein Generalstab habe bereits alle entsprechenden Pläne ausgearbeitet: »An der Grenze zur BRD werden sich unsere Panzer hinter den Stellungen eurer Soldaten eingraben. Das tun wir so geheim, dass es der Westen mitbekommt.« Zugleich stellte er die Verlegung weiterer sowjetischer Truppen in die DDR in Aussicht.

Tatsächlich verstärkte die Sowjetunion bis August 1961 ihre Truppen in der DDR um gut 37500 Mann sowie um mehr als 700 Panzer. Diese Zuführungen entsprachen in etwa zwei bis drei Panzerdivisionen. Zugleich wurden an der polnischen Westgrenze weitere 70.000 Soldaten stationiert. Die Südgruppe der Roten Armee in Ungarn erhielt ebenfalls 10.000 Mann zusätzlich. Damit war die Mannschaftsstärke der sowjetischen Truppen in Mitteleuropa im Vorfeld des Mauerbaus um etwa 25 Prozent erhöht worden – auf mehr als 545.000 Mann. Die Sowjetarmee hatte damit fast ein Drittel ihrer Landstreitkräfte für die militärische Absicherung der Grenzschließung in Berlin in der DDR, Polen und Ungarn konzentriert.