Mauerbau "Ein eiserner Ring um Berlin"Seite 2/2

Während Chruschtschow ganz klar die politische und militärstrategische Dimension der Grenzschließung sah, standen für SED-Chef Ulbricht vor allem Wirtschaftsfragen im Vordergrund. Über die ökonomischen Probleme will der sowjetische Parteiführer allerdings Genaueres wissen. Vor ein, zwei Jahren sei die DDR doch dabei gewesen, die BRD wirtschaftlich zu überholen, was da passiert sei, hakt der sowjetische Führer nach. Ulbricht erklärt ohne Umschweife: »Die Bevölkerung stellt Forderungen, die nicht befriedigt werden können. Das Problem des Kaufkraftüberhangs gegenüber dem Angebot können wir bei offener Grenze nicht lösen.« Dann schiebt er einen weiteren Teil der Verantwortung auf die Tschechen und Polen, die zu wenig Kohle und Stahl lieferten. Sein Gegenüber verschont er ebenfalls nicht. Die DDR müsse der Sowjetunion Schiffe liefern, für die ausdrücklich Motoren aus Westdeutschland bestellt worden seien. Die müsse man nun für teure Devisen zukaufen, weshalb sich das ganze Geschäft nicht rechne. Chruschtschow erwidert gereizt, dass die DDR bessere Verträge abschließen solle, und geht dann zu seinem Steckenpferd – der Landwirtschaft – über.

Hier muss Ulbricht eine weitere Niederlage eingestehen und zugeben, dass weder Sauerkraut, saure Gurken noch Kartoffeln in ausreichendem Maße vorhanden seien, von anderem Gemüse gar nicht zu sprechen. Auch die Milch sei knapp, Butter müsse bereits rationiert werden. Diese Aussagen stoßen beim sowjetischen Partei- und Staatschef auf Unverständnis. Die Betriebe, die er gesehen habe, müssten die DDR doch ernähren können.

Ulbricht kommt noch einmal auf den politischen Feind zu sprechen. Natürlich gebe es Saboteure, der Westen plane sogar einen Aufstand in der DDR. Bedauernd sagt er dann: »Allerdings haben wir kein Sibirien.« Im nächsten Satz verspricht er aber: »Da müssen solche Leute eben ins Arbeitslager geschickt werden.«

Im Hinblick auf den vom SED-Chef gewünschten separaten Friedensvertrag zwischen der Sowjetunion und der DDR hält sich Chruschtschow allerdings alle Optionen offen. In dem Gespräch vom 1. August 1961 laviert er in dieser für Ulbricht zentralen Frage und lässt sich zu keinerlei Zusagen drängen. Immerhin hätte ein solcher Vertrag der DDR die volle Souveränität garantiert, also auch mehr Mitspracherechte im Warschauer Pakt. Außerdem hätte dieser Schritt die Westmächte noch einmal provoziert, den Vier-Mächte-Status für Berlin abgeschafft und damit das sowjetische Verhältnis zu den USA dauerhaft belastet. Die komplizierten Verhandlungen hätten aber auch eine Aufwertung Ulbrichts bedeutet. Für Chruschtschow waren mit dem Bau der Mauer jedoch die eigenen Minimalziele erreicht: die Stabilisierung der DDR und die Zementierung des Status quo in Europa.

Das Protokoll des Gesprächs vom 1. August 1961 verrät indirekt schon die Gründe für den späteren Sturz des KPdSU-Generalsekretärs. Geradezu lässig (»wir geben euch ein, zwei Wochen«) legte Chruschtschow den Termin für den Mauerbau und die Vorgehensweise fest. Ohne sich um Bedenken seines Außenministeriums, oder gar den Protest von Völkerrechtlern, zu kümmern, gab er die Anweisung, die Mauer quer durch die Stadt entlang der Sektorengrenze zu bauen. Diese Art, wie Chruschtschow den Bau der Mauer genehmigte, zeigt einen Vabanquespieler, der mit hohen Einsätzen höchstes Risiko eingeht. Sogar den Ausbruch eines Krieges hätte er für die Durchsetzung seiner Ziele in Kauf genommen. Es erstaunt nicht, dass die Mitglieder des sowjetischen Politbüros später diesen Mann entmachteten.

Es ist reiner Zufall, dass das Dokument im Jubiläumsjahr des Mauerfalls gefunden werden konnte. Die Freigabe solcher bisher streng geheimen Akten des Präsidentenarchivs belegt aber, dass sich Russland allmählich von seiner kommunistischen Vergangenheit löst und mit den westeuropäischen Historikern um eine gemeinsame Sicht ringt. Moskau sträubt sich nicht immer gegen die Aufarbeitung von Geschichte: Man muss sie nur wollen.

Matthias Uhl arbeitet am Deutschen Historischen Institut Moskau. Soeben erschien sein Buch »Die Teilung Deutschlands«

 
Leser-Kommentare
  1. Wer einen "eisernen Ring um Berlin" schmieden muss beziehungsweise wer eine Mauer durch Deutschland beziehungsweise durch Europa beziehungsweise durch die Welt bauen muss, um den Niedergang des eigenen Systems aufzuhalten, obwohl man es damit eigentlich bloß verzögern konnte, wenn man es nicht sogar beschleunigte, der verdient es nicht aufgrund der Anwendung von Gewalt an Menschen als legitim-rechtmäßige Ordnung angesehen zu werden, weswegen man angemessene Maßnahmen zu dessen Zusammenbruch gebotenermaßen unterstützen musste.
    Möglicherweise hätte die Möglichkeit bestanden die "Deutsche Demokratische Republik" zumindest bis in das 21. Jahrhundert hinein aufrechtzuerhalten, wenn man den Mauerbau nicht angeordnet hätte, denn wer konnte schon zuverlässig voraussagen wie sich das Migrationsproblem des Unrechtsregimes und die damit verbundenen Folgen für das Kommandowirtschaftssystem ähnlich der nationalsozialistischen Wirtschaftshierarchie (mit dem Fokus auf die Militarisierung) entwickeln würde, welches sicherlich als eines der zentralen Beweggründe im vorhinein dieser unfassbaren Entscheidung betrachtet werden kann.
    Doch gemäß dieser unglaublichen Aktion konzentriert man die Kräfte des Widerstands, provozierte damit eine gebündeltere Zusammenwirkung als wenn mancher Teil dieser Widerstandskräfte nach außen entwichen wäre, welche dann vielleicht von außen Druck ausgeübt hätten, was jedoch nicht zu vergleichen ist, mit der drohenden Implosion der kommunistischen Diktatur.

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