Historischer ÜberwachungstaatMetternichs IM

Wie Österreichs Staatskanzler Anfang des 19.Jahrhunderts den ersten modernen Überwachungsstaat in Deutschland schuf. Eine Würdigung zum 150. Todestag des Fürsten von Ralf Zerback

Die Geschichte des deutschen Überwachungsstaates im zwanzigsten Jahrhundert – vom Büttelreich der Hohenzollern bis zum Stasiparadies der DDR – führt weit zurück ins frühe neunzehnte. Sie ist vor allem mit einem Namen verbunden: Klemens Fürst Metternich. Vom Wiener Kongress 1815 bis zur Revolution 1848 war er als österreichischer Außenminister und Staatskanzler der eigentliche Herr in Mitteleuropa. Und wohl selten nur in der Geschichte hat es einen mächtigen Politiker gegeben wie ihn: so virtuos und so unfähig zugleich.

Virtuos war Metternich in seinem diplomatischen Spiel nach Napoleons Untergang, da es ihm gelang, nicht nur Österreichs starke Stellung in Deutschland und Europa zu restaurieren, sondern auch das gesamte Alte Regime der Fürstenstaaten in Europa wiederherzustellen, das die französischen Revolutionäre so gründlich erschüttert hatten. Unfähig war Metternich, weil er nicht begriff, dass genau diese Politik keine Zukunft mehr hatte, dass die politische, kulturelle und wirtschaftliche Realität just in einem rasenden Wandel begriffen war und keine Macht der Welt die Zeit anhalten konnte. Denn nichts anderes versuchte Metternich in den langen Jahren seiner Regentschaft: die Zeit anzuhalten.

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Dazu entwickelte der gern heiter und charmant, im Geist des Rokoko auftretende Aristokrat ein stählernes System der Überwachung und Entmündigung, ein bizarres Spitzelsystem, das zur Attacke auf die Würde eines ganzen Volkes wurde. Doch, und das ist die tröstliche Lehre aus jenen Jahren: Je perfekter die Unterdrückung, desto stärker die Opposition dagegen. Das verbotene Schwarz-Rot-Gold wird zur Trikolore und »Freiheit« zum Lieblingswort der Deutschen – nicht nur der wilden Studenten und armen Gesellen, auch der situierten Bürger. 1848 zerfällt Metternichs Herrschaft denn auch im Nu.

Serie: ZEITläufte
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Geboren wurde der seltsame Mann, der Deutschlands Schicksal so maßgeblich beeinflusst hat, am 15.Mai 1773 in Koblenz. Die Familie ist von reichsgräflichem Stand; die Mutter vergöttert den Knaben. Der Vater ist als Diplomat zunächst für den Trierer Kurfürsten tätig und tritt 1791 in österreichische Dienste. Sohn Klemens studiert in Straßburg und Mainz; 1794 reist der angehende Diplomat nach London und lernt dort Edmund Burke kennen, den großen Theoretiker des Konservatismus und erbitterten Gegner der Französischen Revolution. Noch im selben Jahr muss die Familie nach Wien ziehen, die Franzosen haben das Rheinland erobert. Über seine Frau, eine Gräfin Kaunitz, gelangt Metternich in den österreichischen Staatsdienst. 1801 wird er Gesandter in Dresden, später in Berlin und Paris.

1809 dann der Karrieresprung: Kaiser Franz I. betraut den 36-Jährigen mit dem Außenministerium und macht ihn zum Leiter der Staatskanzlei. Kurz darauf gelingt dem jungen Minister sein diplomatisches Meisterstück: Er vermittelt die Ehe zwischen Napoleon und der Tochter des österreichischen Kaisers, Marie-Louise. Napoleon ist 41 Jahre alt, das Habsburgerkind 18. Mit diesem Frauenhandel erkauft sich Metternich das Wohlwollen des Korsen, und die Donaumonarchie kommt bei Napoleons Neuordnung Europas halbwegs ungeschoren davon. Doch Metternich hält auch Verbindung zu Frankreichs Gegnern in London und Sankt Petersburg. Und als die Grande Armée 1812 in Russland untergeht, blickt alle Welt auf Österreichs Minister als den Mann der Zukunft. Während des Wiener Kongresses darf er den eigentlichen Gastgeber und Schiedsrichter spielen, darf er die reaktionäre Allianz vollenden helfen zwischen Österreich, Preußen und Russland, das Zar Nikolaus I. nach dem Dekabristenaufstand 1825 in einen besonders brutalen Polizeistaat verwandeln wird.

Dennoch erwägt Metternich im Rausch der Kongresserfolge ein paar Reformen, er denkt sogar an eine Art österreichisches Parlament. Aber dann überwiegt die Furcht, die Ideen von Freiheit und Volkssouveränität, von Nation und Verfassung könnten die Habsburgermonarchie in den Grundfesten erschüttern. Also verbieten! Also verfolgen! Überwachen, bespitzeln, zensieren. Und das möglichst im gesamten Deutschen Bund, nicht nur in Österreich.

Als im März 1819 ein Student in Mannheim August von Kotzebue ersticht, da er den Erfolgsdramatiker verdächtigt, ein Agent des Zaren zu sein, nimmt Metternich das Attentat zum Vorwand für einen Schwenk, den er längst geplant hat. Im böhmischen Karlsbad schwört er Deutschlands Staaten auf unerbittliche Härte ein.

Leserkommentare
  1. ...Revolution und Restauration ist deshalb so interessant, weil in ihr die ideologischen, technologischen, gesellschaftlichen und ethischen Gegebenheiten geschaffen wurden, die bis heute das westliche Modell der Modernisierung ausmachen. Deshalb bitte mehr davon...

    Und zu der Überwachung: So sehr mich die Fortschrittlichkeit der damaligen Bespitzelungsmethodik überrascht hat, so sehr erschreckt mich die Rückständigkeit unseres Zeitgeistes, zur Aufrechterhaltung der Ordnung, diese Art des Herrschens ernsthaft in Erwägung zu ziehen.

    • kkr
    • 15. Juni 2009 8:37 Uhr

    die nicht einsehen wollen oder können, das auch eine neue Epoche angebrochen ist, in der das Volk im Internet sich frei informieren möchte, und nicht mit Stop-Schildern, Online-Durchsuchung und Zensur bevromundet werden will.

    • WIHE
    • 15. Juni 2009 11:23 Uhr

    "Österreichs Stellung in Deutschland".

    Interessante Formulierung.

    Liegt Österreich heute auch noch in Deutschland oder hat vielleicht Plattentektonik dazu geführt, dass Österreich heute nicht in Deutschland liegt?
    Wurde das Volk in Österreich ausgetauscht wie in den deutschen Ostgebieten?

    Wenn man solche Formulierungen wie "Österreichs Stellung in Deutschland" liest, , dann begreift man, warum die Österreicher das Anschlussverbot vielleicht doch noch benötigen.

    Übrigens, mit seinem Anschlussverbot ist der österreichische Staat etwas ganz Besonderes auf der Welt, ich möchte behaupten, er ist damit einzigartig. Im Grunde wirkt er damit wie die Karrikatur eines souveränen Staates.

  2. Ein wirklich gelungener, informativer und sachlicher Artikel, der die Entwicklung die zur 1848 er Revolution in Europa führte, beschreibt.
    Was mich aber viel mehr faszinierte, war die Duplizität im Bezug auf die momentane Situation in Deutschland. Das gleiche System der Bespitzelung, der Zensur unliebsamer Schriften, die gleichen Begriffe für die Bespitzelungszentralen, da ist von V-Männern die Rede und, und, und!
    Ich glaube unser werter Herr Schäuble hat diesen Herrn Metternich und seine Methoden genau studiert, sonst wären wir heute nicht da, wo wir sind, nämlich in einem anderen Überwachungsstaat a la Metternich, nur eben von Schäubles Gnaden. Ich hoffe nur, und bin sicher nicht allein, daß dieser Überwachungsstaat vergeht wie der Seinerzeitige.

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