Historischer Überwachungstaat Metternichs IMSeite 4/4

Schon im 19. Jahrhundert hat ihn die Geschichtsschreibung kritisch gesehen. Die preußisch-kleindeutsche Historie warf ihm mangelnden Nationalgeist vor, die liberale seinen Überwachungsfuror. Mancher indes hat ihn später, nach all den Kriegen und nationalistischen Exzessen des 20. Jahrhunderts, verteidigen wollen, als einen Europäer, als Friedensstifter und -bewahrer – erinnert sei nur an die Interpretation des amerikanischen Historikers und Außenministers Henry Kissinger.

Doch so erfolgreich Metternichs Politik kurzfristig war – á la longue blieb sie fatal und bereitete just jenen Gewaltausbruch mit vor, den das 20. Jahrhundert erleben musste. Denn sie bot Deutschland und Europa keinerlei Perspektive und knebelte eine ganze Kultur. Der Fürst sah in Europa keine Vaterländer und Bürger, sondern nur Landesväter und Dynasten. Und er begriff nicht, dass seine Epoche, mit Hölderlin zu sprechen, die Zeit der Könige nicht mehr war.

Modern erwies er sich allein in seinen Techniken der Überwachung, in seinem Versuch, einen omnipräsenten, allwissenden Staat aufzubauen. Liest man die Berichte seiner Spitzel, dann fühlt man sich gleich an die Akten der politischen Polizei aus späteren Epochen erinnert, an die Geheimberichte der Kaiserzeit, des »Dritten Reichs«, der Stasi. Es ist derselbe Mischmasch aus eigenen Beobachtungen und zugetragenen Denunziationen, aus verdächtigen Bemerkungen und Bewegungen und dem banalsten Alltagskram. So lächerlich dergleichen heute wirkt – wie vielen wurde es zum Verhängnis! Wie viele Existenzen hat es vernichtet, wie viele Bürger aus dem Land getrieben, und, nicht zuletzt, wie viele unserer großen Autoren jener Zeit lebten und starben im Exil – von Heinrich Heine und Ludwig Börne bis Georg Herwegh und Georg Büchner!

Gewiss war Metternich kein Diktator im modernen Sinne des Wortes. Er blieb Diener seines Herrn, des Kaisers, Aristokrat im Politischen wie im Privaten. Seine Amouren sind legendär, seine Liebe zur Kunst, zur Musik Rossinis ist oft beschrieben worden. Und sein geliebtes Refugium Schloss Johannisberg im Rheingau, das ihm 1816 von seinem Kaiser geschenkt wurde, ist bis heute ein blühender Winkel geblieben, wo Wein und Feigen wachsen.

Schon 1851, die Reaktion hat triumphiert, kehrt Metternich nach Wien zurück. Er darf sogar ein bisschen die Regierung beraten. Acht Jahre sind ihm noch vergönnt. Seine dritte Ehefrau stirbt 1854, auch die meisten Geliebten und Gefährten und sechs seiner zwölf ehelichen Kinder sind nicht mehr. Er erlebt noch die ersten Niederlagen Österreichs im italienischen Einigungskrieg, nachdem er zuvor den jungen Kaiser Franz Joseph gewarnt hat, mit einem Ultimatum zu drohen. Vergeblich. Ein Fels der Ordnung sei er gewesen, sagt er mit leiser Stimme ein paar Wochen vor seinem Ende. Am 11. Juni 1859 stirbt er in Wien. Ein letztes Wort, ein politisches Vermächtnis gar, ist nicht überliefert.

Der Autor ist Historiker und Journalist, er lebt in Frankfurt a. M.; 2007 erschien seine Biografie Robert Blums im Lehmstedt Verlag, Leipzig

 
Leser-Kommentare
  1. ...Revolution und Restauration ist deshalb so interessant, weil in ihr die ideologischen, technologischen, gesellschaftlichen und ethischen Gegebenheiten geschaffen wurden, die bis heute das westliche Modell der Modernisierung ausmachen. Deshalb bitte mehr davon...

    Und zu der Überwachung: So sehr mich die Fortschrittlichkeit der damaligen Bespitzelungsmethodik überrascht hat, so sehr erschreckt mich die Rückständigkeit unseres Zeitgeistes, zur Aufrechterhaltung der Ordnung, diese Art des Herrschens ernsthaft in Erwägung zu ziehen.

    • kkr
    • 15.06.2009 um 8:37 Uhr

    die nicht einsehen wollen oder können, das auch eine neue Epoche angebrochen ist, in der das Volk im Internet sich frei informieren möchte, und nicht mit Stop-Schildern, Online-Durchsuchung und Zensur bevromundet werden will.

    • WIHE
    • 15.06.2009 um 11:23 Uhr

    "Österreichs Stellung in Deutschland".

    Interessante Formulierung.

    Liegt Österreich heute auch noch in Deutschland oder hat vielleicht Plattentektonik dazu geführt, dass Österreich heute nicht in Deutschland liegt?
    Wurde das Volk in Österreich ausgetauscht wie in den deutschen Ostgebieten?

    Wenn man solche Formulierungen wie "Österreichs Stellung in Deutschland" liest, , dann begreift man, warum die Österreicher das Anschlussverbot vielleicht doch noch benötigen.

    Übrigens, mit seinem Anschlussverbot ist der österreichische Staat etwas ganz Besonderes auf der Welt, ich möchte behaupten, er ist damit einzigartig. Im Grunde wirkt er damit wie die Karrikatur eines souveränen Staates.

  2. Ein wirklich gelungener, informativer und sachlicher Artikel, der die Entwicklung die zur 1848 er Revolution in Europa führte, beschreibt.
    Was mich aber viel mehr faszinierte, war die Duplizität im Bezug auf die momentane Situation in Deutschland. Das gleiche System der Bespitzelung, der Zensur unliebsamer Schriften, die gleichen Begriffe für die Bespitzelungszentralen, da ist von V-Männern die Rede und, und, und!
    Ich glaube unser werter Herr Schäuble hat diesen Herrn Metternich und seine Methoden genau studiert, sonst wären wir heute nicht da, wo wir sind, nämlich in einem anderen Überwachungsstaat a la Metternich, nur eben von Schäubles Gnaden. Ich hoffe nur, und bin sicher nicht allein, daß dieser Überwachungsstaat vergeht wie der Seinerzeitige.

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