Moderne Kunst Und wir staunen heiter
Ein Glücksfall: Die Biennale in Venedig verhilft der Kunst zu einer mitreißenden Inszenierung
Und die Welt muss draußen bleiben. Die Welt mit ihrer Hitze, dem Staub, dem Gebrabbel der Premierengäste, dem Biennale-Rummel. Nur Dunkelheit darf sein und Stille. Ein hoher Raum, vier uralte Backsteinsäulen und dazwischen ein feines Gespinst aus Goldfäden und Licht. Ein seltsam beglückender Augenblick.
Wie Sonnenstrahlen, die in einen diesigen Wald hineinleuchten, zum Greifen nahe, so ist diese Inszenierung der Brasilianerin Lygia Pape. Ihre Kunst schimmert verführerisch und ist doch nicht zu fassen. Immer neue Goldsträhnen tauchen aus der Dunkelheit auf und verschwinden wieder darin, je nachdem, aus welchem Winkel wir schauen. Und es ist, als sähen wir der Kunst dabei zu, wie sie erscheint, wie sie in unseren Augen entsteht.
Darum geht es auf dieser Biennale: um Entstehung, ums Weltenmachen, wie der Titel sagt. Das klingt banal, als wäre die Ausstellung unter die Tchibo-Vermarkter gefallen, die »Jede Woche eine neue Welt« versprechen. Doch glücklich entkommen die Kuratoren Daniel Birnbaum und Jochen Volz der Plattitüde. Ihre Biennale lebt von der Verwunderung, von der staunenden Frage: Wie kommen wir zur Welt? Wie formt sich unser Weltbild? Und umgekehrt: Wie wird die Welt durch dieses Bild bestimmt?
Die Goldfäden der neokonkretistischen Lygia Pape antworten darauf mit einem Paradox: Ihre Strahlen schimmern nicht einfach nur so vor sich hin, sie verdichten sich und bilden auf dem Fußboden lauter Quadrate. Bei ihr erscheint die lichte Zartheit wie eine natürliche Verbündete der geometrischen Strenge. Als wollte uns die Künstlerin etwas vom Zauberhaften der Ratio erzählen, von den rätselhaften Wegen, die uns zu den Ordnungsmustern unserer Welt führen.
Immer wieder zeigt diese Biennale solche Kunstwerke, die vor den drei großen R nicht zurückschrecken: nicht vor Reiz und Rührung, nicht vor der Reflexion. Gleich im zweiten Saal folgt auf die Genesis-Szene der Lygia Pape eine Art Vertreibung. Ein Dutzend Spiegel hat Altmeister Michelangelo Pistoletto dort aufgehängt, Spiegel mit Goldrahmen, Gemälde sozusagen, in denen wir uns unserer selbst bewusst werden, wie einst im Garten Eden. Doch war das schon damals der Anfang vom Ende: Mit der Reflexion, mit der Fähigkeit, uns selber zuzusehen, zerbricht auch etwas. Wir können nicht länger selbstvergessen sein, nun spüren wir unsere Nacktheit. Und wohl auch deshalb hat Pistoletto mit dem Hammer auf etliche der Spiegel eingeschlagen. Ein scheppernder Akt der Tröstung, denn nun zeigt der ewig perfekte Spiegel auch einmal Risse. Und wir entdecken, wie ungemein interessant es ist, sich in den Splitterresten zu betrachten – als geborstenes Selbst.
Manchen mag das zu lyrisch sein, zu unbestimmt. Manche hätten sich eine Biennale der lauten Klage gewünscht, eine Protest-Biennale, in der die Krise eine künstlerische Form findet. Doch nichts davon lösen die Kuratoren ein. Ihre Biennale ist nicht stürmisch, nicht blutig, sie will auch nicht so tun, als hätten die Künstler es immer schon besser gewusst. Lieber üben sich Birnbaum, Volz und ihr Team in heiterer Gelassenheit. Sie wagen ein Innehalten. Man könnte auch sagen: Sie vertrauen den Kräften der Kunst.
Diese Kräfte zeigen sich in Räumen wie dem des jungen Chinesen Chu Yun. Wieder ein Schattenraum, wieder nur spärlich beleuchtet. Diesmal sind es grüne, rote, gelbe Pünktchen und Ziffern, die im Dunklen glühen, lauter Radios, Kühlschränke, Computer, die im Stand-by-Modus vor sich hin schlummern. Sie ruhen, und weil sie ruhen, wecken sie unsere Lust an der Imagination, am Was-wäre-wenn. Wie sähe der Raum aus, sprängen die Geräte an? Und was wäre, wenn wir ihnen für immer die Kabel abschnitten?
- Datum 02.09.2009 - 18:45 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10.06.2009 Nr. 25
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