Kinderbuch "Struwwelpeter"
Heinrich Hoffmanns Kinderbuch ist berühmt und umstritten. Wie wird sein "Struwwelpeter" heute gelesen? An was erinnert man sich? Eine Umfrage unter ZEIT-Autoren
Vor 200 Jahren, am 13. Juni 1809, wurde Heinrich Hoffmann geboren, der uns den »Struwwelpeter« beschert hat, das vielleicht berühmteste, umstrittenste, meist verhöhnte, immer gefürchtete Kinderbuch der Welt. Gemalt 1844 als Weihnachtsgeschenk für Carl, den dreijährigen Sohn, hat Hoffmann 1845 auf Drängen von Freunden die neun selbst gebundenen Geschichten veröffentlicht, in einer Woche wurden 1500 Stück verkauft, in 36 Jahren 100 Auflagen gedruckt. Hoffmann, der Arzt war, schrieb unter dem Pseudonym Reimerich Kinderlieb. Wie wird sein »Struwwelpeter« heute gelesen? Welche Schrecken, Freuden hat er in der Erinnerung hinterlassen? An welche Figuren erinnert man sich? Eine Umfrage unter ZEIT-Autoren
Was für ein Glück
Von Jens Jessen
Dem Hund geht es am besten

Neben all den Schreckensszenen, die mich als Kind entsetzten (an einige mochte ich nicht einmal denken), enthielt der Struwwelpeter auch ein Sehnsuchtsbild. Es ist das Sehnsuchtsbild der revolutionären Gerechtigkeit. Der Hund, noch eben vom bösen Friederich geprügelt, sitzt an dessen Tisch und tafelt. »Aß auch die gute Leberwurst / Und trank den Wein für seinen Durst.« Der Struwwelpeter , so sehr er sich in schadenfroher Pädagogik gefällt, hat ein Herz für diskriminierte Minderheiten. Es gibt die Geschichte vom großen Nikolaus, der die Buben dafür straft, den Mohr ausgelacht zu haben; es gibt das Häschen, das dem Jäger die Flinte entwendet und der Jägersfrau die Tasse zerschießt. Aber während die Revolte des Hasen scheitert, insofern, als seine Nachkommen die Folgen der Tat ausbaden müssen (dem Hasenkind spritzt der heiße Kaffee auf die Nase), hat der Hund für einen kostbaren historischen Moment tatsächlich den Platz der Herrschenden eingenommen. Auch wenn er mit unübersehbarer proletarischer Direktheit vom Teller frisst, hat er doch zum Symbol seines Sieges die Serviette der Mächtigen umgebunden. Auch die Zuchtrute der Unterdrücker ist in seinem Besitz. »Die Peitsche hat er mitgebracht / Und nimmt sie sorglich sehr in acht.« Nie wieder soll sie zum Einsatz kommen. Der Hund tafelt nicht nur zum Ausgleich des erlittenen Schmerzes, sondern auch zur Belohnung seiner tapferen Notwehr. Er hat sich nicht hündisch ergeben prügeln lassen, sondern den bösen Friederich mannhaft ins Bein gebissen. Das ist heutzutage, wo ein Hund immer Unrecht hat, auch wenn er provoziert wurde, erst recht aktuell. Die Verfolgung und Diskriminierung von Hunden ist ja der einzig verbliebene Rassismus, den sich Deutschland noch gönnt. Darum: Hunde aller Länder, vereinigt euch! Nach der Wurst und dem Wein winkt euch, wie das Bild deutlich zeigt, auch noch der Napfkuchen.
Lachende Fische
Von Ulrich Greiner
Hanns Guck-in-die-Luft hat Humor
- Datum 12.06.2009 - 15:40 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 10.06.2009 Nr. 25
- Kommentare 7
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Ahhhh, der Struwwelpeter....ein tolles Buch. Habe das verständnisvolle Gejammer über diese, konservativ betrachtet, pädagogische Lektüre bis heute nicht verstanden (und damals als Kind erst recht nicht). Der namensgebende Struwwelpeter ist leider die schwächste Geschichte von allen; mein Liebling war immer der Daumenlutscherkonrad.
Ich gebe zu, die Verse von Paulinchen, sind mir heute noch in Erinnerung, weil die Reime so eingängig sind ("Und Minz und Maunz, die Kleinen, die sitzen da und weinen ..."). Mit Schrecken denke ich allerdings noch an das Fingerabschneiden beim Daumenlutscher. Da wird Gewalt gegen Kinder pädagogisch gerechtfertigt. Ich denke also nicht, dass der Struwelpeter pädagogisch wertvoll ist. Hätte ich Kinder, von mir bekämen sie ihn nicht. Umso erstaunlicher, dass der Verfasser offenbar ein Liberaler und Fortschrittlicher war.
Beim nächsten Frankfurtaufenthalt gehts deswegen ins Struwelpetermuseum, das interssiert mich.
das Statement von Iris Radisch gefällt mir am besten. Natürlich gibt es genauso schlimmes oder noch schlimmeres auch in anderen Büchern oder Filmen. Es ist aber ein Unterschied, ob Kindern vermittelt wird, dass es Gewalt gibt und man sich damit auseinandersetzen muss, oder ob sie als pädagogisches Mittel angewendet wird.
Ganz schauerlich finde ich den Beitrag von Herrn Mangold: Grusel als identitätsstiftendes Moment? Also darauf verzichte ich gerne. Ich gründe meine Identitätsstiftung lieber auf positive Erlebnisse. Ich denke auch, damit kommt man im Leben weiter (Schwierigkeiten kommen von alleine, dafür braucht man keinen Struwelpeter).
Und jetzt noch zur fehlenden Puppe. Vielleicht fällt es Jungs ja nicht auf, aber ich habe sie nie vermisst. Wenn man sich die Bilder noch einmal anschaut, sieht man: Das dritte Bild ändert ein wenig die Perspektive, außerdem "zoomt" es auf Paulinchen. Ich denke halt, die Puppe ist schon noch da, bloss nicht mehr im Bild.
Drei bekannte Kinderbücher haben meine beiden Kinder bekommen:
1. die Hasenschule
2. den Struwelpeter
3. Max und Moritz
und viele andere Bücher, an die ich mich aber nicht mehr so richtig erinnern kann. Diese drei Bücher kannte ich aus meiner Kinderzeit und sie haben mich als Erwachsenen von neuem begeistert.
Neumodische, langweilige Pädagogik und ihre Bücher interessieren mich nicht die Bohne. Meine Jüngste macht gerade Abitur. Ich nehme an, die Bücher haben ihr Spaß gemacht und ihr nicht geschadet , ebenso wenig wie ihrem Bruder, der seit zwei Jahren im Studium ist.
"Man reicht dem Suppenverächter nicht ein schönes Butterbrot." (Radisch)
Vielleicht hatte die Familie kein Butterbrot und war froh, dass überhaupt Nahrung auf dem Tisch stand. Das soll ja damals schon mal vorgekommen sein. In dem Fall hätte man natürlich auch versuchen können, dem kleinen Kind die soziale und finanzielle Situation zu schildern und auf Verständnis und umsichtiges Handeln hoffen können. Aber nein, man lässt das Kind verhungern, wie empörend. Frau Radisch unterstellt sogar Mord und ignoriert dabei das besorgte: "oh weh und ach!"
Na wie schön, dass es nur eine fiktive Geschichte in einem Buch ist, das man wieder zuklappen kann. Vielleicht ist es ja das, was Kinder aus dem Buch lernen können, das die Geschichten schon etwas mit ihnen zu tun haben können, mögliche Folgen ihres Handelns darstellen können, ohne dass sie selbst diese Erfahrung machen müssen und es zum Glück eine große Distanz zwischen der Welt in dem Buch und ihrer eigenen gibt.
Dieser Arme "kleine Dicke" den Iris Radisch bemuttert: Ihn gibt es jetzt als vielfach geklont als dickes, teilweise bereits zuckerkrankes Kind, das verhätschelt Schokoriegel statt "schrecklichem Gemüse" essen darf.
Ich bin froh, dass ich noch erzogen wurde alles zu essen - und ...heute schmeckt mir sogar alles – auch Spinat, weswegen ich auch lange zu sitzen hatte. Zuviel Einfühlung, Frau Radisch?
Andererseits wird scheinbar vergessen, dass diese Geschichten auch die Phantasie anregen:
Robert habe ich regelrecht beneidet, und habe mich gefragt, wohin er wohl getrieben worden ist, und was er alles gesehen hat. Fliegen wurde für mich ein Traum – nur wegen Struwwelpeter könnte ich nicht behaupten – aber trotz! Heute mit 65 bin ich immer noch begeisterter Segelflieger und Fluglehrer, der den vielen „Roberts“ zum Fliegen verhilft.
und meine Sohne sind nicht dick ...und essen auch Gemüse.
Tatsächlich liegt die Diskussion zum Struwwelpeter nun schon einige Zeit zurück, dennoch möchte ich etwas dazu sagen.
Im Gegensatz zu einigen hier vertretenen Meinungen bin ich nicht der Ansicht, dass man Kinder zwingen sollte, alles zu essen und womöglich aufzuessen. Ich selbst war ein Kind, dass Gemüse überhaupt nicht mochte. Ich wurde hierzu weder gezwungen, noch wurde ich dick. Dafür esse ich heute gern Gemüse und habe keine schlechten Erinnerungen daran. Ebenso halte ich es bei meinen Kindern. Es gibt immer eine gesunde Alternative, weitab vom Zwang.
Und, Phantasie anregen durch den Struwwelpeter? Es gibt wahrhaft viele andere Kinderbücher, die Lehren vermitteln ohne zu schocken. Ich konnte mich mit dem Buch tatsächlich nie anfreunden und kann Frau Radisch gut verstehen.
Tatsächlich liegt die Diskussion zum Struwwelpeter nun schon einige Zeit zurück, dennoch möchte ich etwas dazu sagen.
Im Gegensatz zu einigen hier vertretenen Meinungen bin ich nicht der Ansicht, dass man Kinder zwingen sollte, alles zu essen und womöglich aufzuessen. Ich selbst war ein Kind, dass Gemüse überhaupt nicht mochte. Ich wurde hierzu weder gezwungen, noch wurde ich dick. Dafür esse ich heute gern Gemüse und habe keine schlechten Erinnerungen daran. Ebenso halte ich es bei meinen Kindern. Es gibt immer eine gesunde Alternative, weitab vom Zwang.
Und, Phantasie anregen durch den Struwwelpeter? Es gibt wahrhaft viele andere Kinderbücher, die Lehren vermitteln ohne zu schocken. Ich konnte mich mit dem Buch tatsächlich nie anfreunden und kann Frau Radisch gut verstehen.
Tatsächlich liegt die Diskussion zum Struwwelpeter nun schon einige Zeit zurück, dennoch möchte ich etwas dazu sagen.
Im Gegensatz zu einigen hier vertretenen Meinungen bin ich nicht der Ansicht, dass man Kinder zwingen sollte, alles zu essen und womöglich aufzuessen. Ich selbst war ein Kind, dass Gemüse überhaupt nicht mochte. Ich wurde hierzu weder gezwungen, noch wurde ich dick. Dafür esse ich heute gern Gemüse und habe keine schlechten Erinnerungen daran. Ebenso halte ich es bei meinen Kindern. Es gibt immer eine gesunde Alternative, weitab vom Zwang.
Und, Phantasie anregen durch den Struwwelpeter? Es gibt wahrhaft viele andere Kinderbücher, die Lehren vermitteln ohne zu schocken. Ich konnte mich mit dem Buch tatsächlich nie anfreunden und kann Frau Radisch gut verstehen.
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