Kinderbuch "Struwwelpeter"Seite 5/5

Ich habe die Begeisterung für ein Buch, in dem kleine Kinder verbrannt werden und sich zu Tode hungern, noch nie verstanden. Schon als Kind nicht. Man atme bitte mal tief durch und überlege ein paar – von der gelehrten Struwwelpeter -Exegese befreite – Sekunden lang, um was es hier geht. Einem kleinen wohlgenährten Kerl schmeckt die Suppe nicht. Ein vollkommen normaler Vorgang, denn kleine Kinder essen grundsätzlich kein gekochtes Gemüse (um welchen anderen Lebensmittelschrecken sollte es sich also sonst handeln?). Das ist wirklich kein Drama. Und was passiert? Man reicht dem Suppenverächter nicht ein schönes Butterbrot. Nein, man lässt den kleinen Kerl verhungern. Gemüse muss gegessen werden. Wegen ein paar ungegessener Möhren muss das Würmchen unter die Erde.

Das Bild des Grabes mit der Furcht einflößenden Suppe darauf hat mich als Kind bis in die dunkelsten Nachtstunden hinein verfolgt und lässt mich noch immer nicht kalt. Mahnend thront der Suppensarkophag über dem verscharrten Kerlchen, als wollte man es noch im Tode mit den ungeliebten Mohrrüben mästen. Ein Schreckensbild, das ich mir auf keinem imaginären Kindheitserinnerungs-Sparkonto gutschreiben möchte. Obwohl ich zugegeben muss, dass der Doktor Hoffmann schon reimen konnte wie sonst nur Robert Gernhardt. »Am nächsten Tag, – ja sieh nur her! / Da war er schon viel magerer« ist genial. Da weht eine Frischluft im Paarreim, die wünschte ich mir auch da unten in der Gruft.Das MädchenHeutzutage sehen die Kinder ja viel schlimmere Sachen als so eine nahezu schadstoffrückstandsfreie Mädchenverbrennung (nur die Schuhe müssen noch entsorgt werden) oder einen pädagogisch gut durchdachten Hungertod. Da werden sie so ein paar lustig im Knittelvers vor sich hin rasselnde Kinderschändungen schon überstehen. Nur wozu?Das MädchenDie erhoffte moralische Läuterung, die wohl im erhöhten Verzehr ekelerregenden Gemüses bestünde, kann die Furcht und den Schrecken, den diese Bilder verbreiten, nicht aufwiegen. Und die wirklich verstörende Erkenntnis, dass der Schrecken nicht durch untertänigen Gemüseverzehr zu bekämpfen, sondern ein Teil von uns selbst ist – die ist nur in echten Märchen und nicht in schocktherapeutischen Benimmfibeln zu machen.

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Leser-Kommentare
    • Manu84
    • 13.06.2009 um 15:17 Uhr

    Ahhhh, der Struwwelpeter....ein tolles Buch. Habe das verständnisvolle Gejammer über diese, konservativ betrachtet, pädagogische Lektüre bis heute nicht verstanden (und damals als Kind erst recht nicht). Der namensgebende Struwwelpeter ist leider die schwächste Geschichte von allen; mein Liebling war immer der Daumenlutscherkonrad.

  1. Ich gebe zu, die Verse von Paulinchen, sind mir heute noch in Erinnerung, weil die Reime so eingängig sind ("Und Minz und Maunz, die Kleinen, die sitzen da und weinen ..."). Mit Schrecken denke ich allerdings noch an das Fingerabschneiden beim Daumenlutscher. Da wird Gewalt gegen Kinder pädagogisch gerechtfertigt. Ich denke also nicht, dass der Struwelpeter pädagogisch wertvoll ist. Hätte ich Kinder, von mir bekämen sie ihn nicht. Umso erstaunlicher, dass der Verfasser offenbar ein Liberaler und Fortschrittlicher war.

    Beim nächsten Frankfurtaufenthalt gehts deswegen ins Struwelpetermuseum, das interssiert mich.

  2. das Statement von Iris Radisch gefällt mir am besten. Natürlich gibt es genauso schlimmes oder noch schlimmeres auch in anderen Büchern oder Filmen. Es ist aber ein Unterschied, ob Kindern vermittelt wird, dass es Gewalt gibt und man sich damit auseinandersetzen muss, oder ob sie als pädagogisches Mittel angewendet wird.

    Ganz schauerlich finde ich den Beitrag von Herrn Mangold: Grusel als identitätsstiftendes Moment? Also darauf verzichte ich gerne. Ich gründe meine Identitätsstiftung lieber auf positive Erlebnisse. Ich denke auch, damit kommt man im Leben weiter (Schwierigkeiten kommen von alleine, dafür braucht man keinen Struwelpeter).

    Und jetzt noch zur fehlenden Puppe. Vielleicht fällt es Jungs ja nicht auf, aber ich habe sie nie vermisst. Wenn man sich die Bilder noch einmal anschaut, sieht man: Das dritte Bild ändert ein wenig die Perspektive, außerdem "zoomt" es auf Paulinchen. Ich denke halt, die Puppe ist schon noch da, bloss nicht mehr im Bild.

    • WIHE
    • 15.06.2009 um 17:04 Uhr

    Drei bekannte Kinderbücher haben meine beiden Kinder bekommen:

    1. die Hasenschule
    2. den Struwelpeter
    3. Max und Moritz

    und viele andere Bücher, an die ich mich aber nicht mehr so richtig erinnern kann. Diese drei Bücher kannte ich aus meiner Kinderzeit und sie haben mich als Erwachsenen von neuem begeistert.
    Neumodische, langweilige Pädagogik und ihre Bücher interessieren mich nicht die Bohne. Meine Jüngste macht gerade Abitur. Ich nehme an, die Bücher haben ihr Spaß gemacht und ihr nicht geschadet , ebenso wenig wie ihrem Bruder, der seit zwei Jahren im Studium ist.

  3. "Man reicht dem Suppenverächter nicht ein schönes Butterbrot." (Radisch)

    Vielleicht hatte die Familie kein Butterbrot und war froh, dass überhaupt Nahrung auf dem Tisch stand. Das soll ja damals schon mal vorgekommen sein. In dem Fall hätte man natürlich auch versuchen können, dem kleinen Kind die soziale und finanzielle Situation zu schildern und auf Verständnis und umsichtiges Handeln hoffen können. Aber nein, man lässt das Kind verhungern, wie empörend. Frau Radisch unterstellt sogar Mord und ignoriert dabei das besorgte: "oh weh und ach!"

    Na wie schön, dass es nur eine fiktive Geschichte in einem Buch ist, das man wieder zuklappen kann. Vielleicht ist es ja das, was Kinder aus dem Buch lernen können, das die Geschichten schon etwas mit ihnen zu tun haben können, mögliche Folgen ihres Handelns darstellen können, ohne dass sie selbst diese Erfahrung machen müssen und es zum Glück eine große Distanz zwischen der Welt in dem Buch und ihrer eigenen gibt.

  4. Dieser Arme "kleine Dicke" den Iris Radisch bemuttert: Ihn gibt es jetzt als vielfach geklont als dickes, teilweise bereits zuckerkrankes Kind, das verhätschelt Schokoriegel statt "schrecklichem Gemüse" essen darf.
    Ich bin froh, dass ich noch erzogen wurde alles zu essen - und ...heute schmeckt mir sogar alles – auch Spinat, weswegen ich auch lange zu sitzen hatte. Zuviel Einfühlung, Frau Radisch?
    Andererseits wird scheinbar vergessen, dass diese Geschichten auch die Phantasie anregen:
    Robert habe ich regelrecht beneidet, und habe mich gefragt, wohin er wohl getrieben worden ist, und was er alles gesehen hat. Fliegen wurde für mich ein Traum – nur wegen Struwwelpeter könnte ich nicht behaupten – aber trotz! Heute mit 65 bin ich immer noch begeisterter Segelflieger und Fluglehrer, der den vielen „Roberts“ zum Fliegen verhilft.
    und meine Sohne sind nicht dick ...und essen auch Gemüse.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • yve
    • 06.08.2009 um 19:12 Uhr

    Tatsächlich liegt die Diskussion zum Struwwelpeter nun schon einige Zeit zurück, dennoch möchte ich etwas dazu sagen.
    Im Gegensatz zu einigen hier vertretenen Meinungen bin ich nicht der Ansicht, dass man Kinder zwingen sollte, alles zu essen und womöglich aufzuessen. Ich selbst war ein Kind, dass Gemüse überhaupt nicht mochte. Ich wurde hierzu weder gezwungen, noch wurde ich dick. Dafür esse ich heute gern Gemüse und habe keine schlechten Erinnerungen daran. Ebenso halte ich es bei meinen Kindern. Es gibt immer eine gesunde Alternative, weitab vom Zwang.
    Und, Phantasie anregen durch den Struwwelpeter? Es gibt wahrhaft viele andere Kinderbücher, die Lehren vermitteln ohne zu schocken. Ich konnte mich mit dem Buch tatsächlich nie anfreunden und kann Frau Radisch gut verstehen.

    • yve
    • 06.08.2009 um 19:12 Uhr

    Tatsächlich liegt die Diskussion zum Struwwelpeter nun schon einige Zeit zurück, dennoch möchte ich etwas dazu sagen.
    Im Gegensatz zu einigen hier vertretenen Meinungen bin ich nicht der Ansicht, dass man Kinder zwingen sollte, alles zu essen und womöglich aufzuessen. Ich selbst war ein Kind, dass Gemüse überhaupt nicht mochte. Ich wurde hierzu weder gezwungen, noch wurde ich dick. Dafür esse ich heute gern Gemüse und habe keine schlechten Erinnerungen daran. Ebenso halte ich es bei meinen Kindern. Es gibt immer eine gesunde Alternative, weitab vom Zwang.
    Und, Phantasie anregen durch den Struwwelpeter? Es gibt wahrhaft viele andere Kinderbücher, die Lehren vermitteln ohne zu schocken. Ich konnte mich mit dem Buch tatsächlich nie anfreunden und kann Frau Radisch gut verstehen.

    • yve
    • 06.08.2009 um 19:12 Uhr

    Tatsächlich liegt die Diskussion zum Struwwelpeter nun schon einige Zeit zurück, dennoch möchte ich etwas dazu sagen.
    Im Gegensatz zu einigen hier vertretenen Meinungen bin ich nicht der Ansicht, dass man Kinder zwingen sollte, alles zu essen und womöglich aufzuessen. Ich selbst war ein Kind, dass Gemüse überhaupt nicht mochte. Ich wurde hierzu weder gezwungen, noch wurde ich dick. Dafür esse ich heute gern Gemüse und habe keine schlechten Erinnerungen daran. Ebenso halte ich es bei meinen Kindern. Es gibt immer eine gesunde Alternative, weitab vom Zwang.
    Und, Phantasie anregen durch den Struwwelpeter? Es gibt wahrhaft viele andere Kinderbücher, die Lehren vermitteln ohne zu schocken. Ich konnte mich mit dem Buch tatsächlich nie anfreunden und kann Frau Radisch gut verstehen.

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