Medizin Operation Bachelor

Kein Fach kämpft so verbissen gegen die Studienreform wie die Medizin. Wer aus der Front ausbricht, bekommt den Zorn der Kollegen zu spüren

Es gibt von dieser Geschichte zwei Versionen. Die erste stammt von Hans-Rudolf Raab, Klinikdirektor. Sie wird in begeisterter Tonlage vorgetragen und lautet: Wir hier in Oldenburg machen etwas völlig Neues. Wir wollen die ersten europäischen Ärzte ausbilden – keine deutschen, keine holländischen, sondern europäische. Die zweite Version der Geschichte stammt von Volker Hildebrandt, Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages (MFT), aus ihr spricht die Entrüstung, und sie lautet: Die Oldenburger wollen die Approbationsordnung unterlaufen, all die bewährten Standards, die festlegen, wer wie in Deutschland Arzt werden darf. Ihr Modell läuft darauf hinaus, dass deutsche Steuergelder die Ausbildung niederländischer Ärzte finanzieren.

Wer Raab und Hildebrandt zuhört, vergisst schnell, dass sie vom selben Vorhaben reden: von der Gründung einer neuen medizinischen Fakultät, der ersten im äußersten Nordwesten der Republik. Raab sagt: Wer einen neuen Weg gehen will, der muss vom Mainstream abweichen. Hildebrandt, dessen MFT die bereits bestehenden Fakultäten im Land vertritt, sagt: Die Oldenburger wollen unbedingt Volluniversität werden. Das ist ihr Kalkül.

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Die Bachelorgegner warnen vor dem Discount-Mediziner

Längst hat der Streit um die Oldenburger Universitätsmedizin die Sachebene hinter sich gelassen. Denn eigentlich geht es um etwas ganz anderes: Die Niedersachsen wollen die Ersten sein, die das Medizinstudium komplett über die neuen Bachelor- und Masterabschlüsse laufen lassen. So wird die mittelmäßig spannende Auseinandersetzung einiger Ärztefunktionäre zum bundesweiten Bildungspolitikum – und zum Inbegriff des tiefen Risses, der sich durch die deutsche Medizin insgesamt zieht. Denn die Mehrheit der Ärzte ist strikt gegen die unter dem Stichwort »Bologna-Prozess« bekannte europäische Studienreform und will das traditionelle Staatsexamen als Zugang in den Arztberuf verteidigen. Bachelor-Mediziner wären im Grunde nichts anderes als die mittelalterlichen Bader, schimpfen Ärztefunktionäre, die Pläne liefen auf »Discount-Mediziner« hinaus. Die Reformer werfen ihren Gegnern Standesdünkel und ideologische Verbohrtheit vor.

Der Streit um den Oldenburger Medizin-Bachelor ist so heftig, dass manch ausländischer Beobachter verwirrt daneben steht. Jan Borleffs von der Groninger Reichsuniversität zum Beispiel, die von den Oldenburgern als Partner für ihr Vorhaben an Bord geholt wurde. »Was soll ich sagen?«, murmelt der Medizin-Dekan. »Es ist wohl eine typisch deutsche Eigenart, alles so ausführlich zu diskutieren – während wir Holländer immer als Klassenbeste vorneweg laufen wollen.«

Rückblick. Vor drei Jahren sitzt Raab mit dem damaligen Vizepräsidenten der Uni Oldenburg, Reto Weiler, zusammen. Mit dabei ist auch Sibrand Poppema, mittlerweile Präsident der Groninger Reichsuniversität. Die Männer haben einen Plan, der für alle Seiten seinen Reiz hat: Oldenburg bekommt endlich eine eigene Medizinerausbildung, drei Kliniken in der Stadt werden in den Status eines Universitätsklinikums erhoben, und Groningen kann den bereits ausgezeichneten Ruf seiner medizinischen Fakultät um eine weitere internationale Partnerschaft bereichern. Das Zauberwort heißt Doppelabschluss. An der European Medical School Oldenburg-Groningen (EMS), die Deutsche und Niederländer gemeinsam gründen wollen, sollen 80 Studenten pro Jahrgang einen deutschen Master in Humanmedizin und einen niederländischen Master in Geneeskunde machen. »Eine wegweisende internationale Partnerschaft«, jubelt Raab.

Volker Hildebrandt vom Fakultätentag würde allerdings eher von einem Umgehungstatbestand sprechen. Denn erst der niederländische Titel wird es den Oldenburger Absolventen ermöglichen, in Deutschland ihre Zulassung als Ärzte zu beantragen. Die Approbationsordnung sieht das Bachelor-Master-System als Weg in den Ärzteberuf nicht vor, während der niederländische Abschluss laut EURecht als dem deutschen Staatsexamen gleichwertig anerkannt werden muss. »Die Oldenburger nehmen die Hintertür, um in Deutschland den Bachelor in der Medizin zu etablieren, einen Abschluss, den die überwiegende Mehrheit der deutschen Mediziner nicht will«, kritisiert Hildebrandt. Und während der Tumorexperte Hans-Rudolf Raab das »absolut innovative Curriculum« lobt und einen »längst überfälligen Systemwechsel« ankündigt, »weg von einer Grundstruktur aus dem 19. Jahrhundert hin zu einem Studium für das 21. Jahrhundert«, vermutet der MFT-Funktionär ganz andere Ziele hinter der Medical School: Die Niederländer hätten insbesondere deshalb Interesse an einer Zusammenarbeit, weil ihre eigenen Lehrkrankenhäuser nicht mehr ausreichten, um alle Medizinstudenten unterbringen zu können. Zwar wolle er mit seiner Kritik keineswegs die wissenschaftliche Qualität der Groninger Medizin infrage stellen, betont Hildebrandt dann schnell noch zur Sicherheit. »Doch es ist ein Trugschluss für die Oldenburger Naturwissenschaften, zu denken, dass sie gute Mediziner ausbilden können, weil ihr niederländischer Partner gut ist.«

Trotz dieser Beschwichtigung ist Jan Borleffs empört, als er von Hildebrandts Vermutung erfährt. »Es ist Unsinn, dass wir in Groningen nicht die nötigen Klinikkapazitäten haben. Wir haben jedes Jahr über 400 Studienanfänger, die EMS würde maximal 20 bis 40 davon aufnehmen.« Dann wird Borleffs Ton wieder gnädiger. Viele Deutsche hätten noch nicht erfahren, welche enormen Vorteile die europäischen Abschlüsse auch der Medizin böten, von der europäischen Vernetzung bis zur besseren Studierbarkeit. »Die Sorge, Bachelor und Master würden weniger forschungsbasiertes Lernen bedeuten, ist unbegründet.«

Leser-Kommentare
    • Crest
    • 13.06.2009 um 11:14 Uhr

    aber auch, wenn ich es kritisch reflektiere, behält der Gedanke der Reform seinen Reiz.

    Dass Lehrbeuftragte, die hauptamtlich "nur" in Kliniken arbeiten, dem Qualitätsstandard einer universitären Lehre nicht genügten, ist Unsinn. (Und ich denke, die Funktionäre wissen das auch.) Es gibt hierzu genügend hablitierte Ärzte, die eben "nur" noch keinen Ruf erhalten haben.

    Auch der Einwand dass deutsche Steuergelder die Ausbildung niederländischer Ärzte finanzieren klingt doch merkwürdig deplaziert. (Ist denn das etwas neues, dass ausländische Studenten mit Steuergeldern finaziert werden, und vor allem: ist das denn nicht auch gewollt? Und läuft es nicht auch andersrum?)

    Die Oldenburger wollen unbedingt Volluniversität werden. Das ist ihr Kalkül. Ja, und? Wäre dieses "add-on" denn so verwerflich? Die meisten (alle?) politischen Initiativen haben doch irgendwo den dual-use Gedanken als Pate.

    Auch der "Scharnier"-Gedanke des Bachelor hat doch was für sich.

    Und nicht zu vernachlässigen auch die Vorstellung, dass so etwas die Chance zum Entrümpeln sein könnte. Da gibt es nichts zu entrümpeln? Das wäre
    ja das erste Fach, wo es das nicht gäbe. (Mein erster Gedanke geht dann immer in Richtung Mathematik und den geheiligten Algorithmen der Kurvendiskussion, die, obwohl länger als en halbes Jahr durchexerziert, im Kern nicht mehr als eine bessere Übungsaufgabe darstellen.)

    Im Sinne wünche ich den Oldenburger Initiatoren viel Erfolg,

    Herzlichst Crest

  1. Die Ausbildung von Ärzten ist für Deutschland eine gewichtige Frage. Nicht nur wegen der Sicherstellung der medizinischen Versorgung, sondern auch wegen der astronomischen Kosten des Gesundheitssystems.

    Was haben wir heute? Minimale Transparenz, eine riesige Varianz in der Qualität der Versorgung - die die Funktionäre natürlich geheimhalten wollen. Es gibt also jede Menge (v.a. wirtschaftlich mortivierte) schlechte Medizin in Deutschland. Und das trotz der traditionellen Ausbildung. Das medizinische Problem Deutschlands ist also nicht die Frage des Studienabschlusses.

    Es muss im Sinne des Bürgers erlaubt sein, welchen Wissensstand ein Arzt braucht. Anstatt akademisch darüber zu klugscheißern, was für böse Lücken da entstehen könnten, sollte man mal ganz trocken zur Kenntnis nehmen, dass quasi jeder reale Arzt Lücken hat. Nicht Lücken sind das Problem, sondern der Umgang mit ihnen. Der ist heute nicht systematisch gegeben, was der eigentliche Skandal ist.

    Wer will denn mit welchem Recht für sich in Anspruch nehmen, die allein korrekte Grenze zwischen Wichtigem und Unwichtigem ziehen zu können? Warum soll man die Kosten und Dauer der Medizinerausbildung um 25% erhöhen, damit der Absolvent am Ende statt 98% seiner Fälle 99% selber behandeln kann?

    Die Frage, was ein guter Arzt bzw. ein gutes Gesundheitswesen ist, ist keine medizinische, sondern eine wirtschaftliche, organisatorische. Deshalb sollte man der titel- und hierarchiegeilen Ärzteschhaft als erstes die entscheidungsbefugnis darüber entziehen.

  2. Änderungen tun ja so weh.
    ;-)
    irgendwie ist es wie die jährliche tollwutspritze für den hund beim tierarzt.

    erst das große gezeter und geheule und dann hat ers garnicht gemerkt ;-)

    • M.H.
    • 13.06.2009 um 18:32 Uhr

    Wie ich diesen Artikel so las, stellte ich doch sehr deutliche Parallelen zu einem aehnlichen Projekt der Oldenburger und der Groninger Uni fest- die Hanse Law School, auf niederlaendischer Seite auch als European Law School bezeichnet. Hier kam zusatzlich noch die Uni Bremen mit ins Spiel.
    Dieses kaum beachtete Angebot gibt es nun bald seit 10 Jahren und richtet sich, wie der Name schon sagt, auf eine "europaeische Juristenausbildung". Vielleicht einen Blick wert, um sich in etwa ausmalen zu koennen, wie dieses neue Medizinermodell ankommen wird (http://www.hanse-law-scho...).
    Denn wenn es eine Bastion gibt, die aehnlich "widerborstig" Bologna gegenueber ist, dann die Juristen-darueber wurde ja an dieser Stelle hinlaenglich berichtet.Und es sieht heute immer noch nicht so aus, als ob die Ausbildung umgestellt wuerde, was eigentlich bis zum akademischen Jahr 09/10 der Fall sein sollte.
    Als angehender Jurastudent wie ich steht man da zwischen den Stuehlen, wenn man sich fragen muss, wie lange bzw. ob jemandes Ausbildung mittelfristig Status quo bleibt bz. wird. Das wuensche ich niemandem, somit auch nicht angehenden Medizinstudenten.

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    hat es allerdings etwas einfacher als ein Jurist: Die Krankheiten, Symptome und Verletzungen dürften überall in Europa gleich sein. Bei den Juristen sieht das anders aus: Wer will, nur weil er Erfahrung mit deutschem Recht hat, behaupten, er kenne deshalb auch die Rechtspraxis anderer Länder und könne sie gar anwenden?

    hat es allerdings etwas einfacher als ein Jurist: Die Krankheiten, Symptome und Verletzungen dürften überall in Europa gleich sein. Bei den Juristen sieht das anders aus: Wer will, nur weil er Erfahrung mit deutschem Recht hat, behaupten, er kenne deshalb auch die Rechtspraxis anderer Länder und könne sie gar anwenden?

  3. 5. 95 %

    machen in den Niederlanden ihren Master? Na dann, herzlichen Glückwunsch an die Niederländer, warum hat es der deutsche Staat es nicht geschafft, diesen Anteil an Plätzen für die bereits umgestellten Fächer bereitzustellen.

    Wenn ich mir anschaue, wieviel man in 6 Semestern als Wissenschaftler lernen kann, dann muss ich ganz ehrlich sagen, von einem Arzt, der in 6 nur Semestern ausgebildet wurde, möchte ich nicht bei jeder Krankheit behandelt werden.

    Nichtsdestotrotz gibt es aber schon heute eine Reihe von Medizinern, die gar nicht mehr als Arzt tätig werden, sondern diverse Studien in der Industrie auswerten etc. Für solche Beschäftigungen ist das bachelormodell natürlich eine interessante Sache. Auch Medizinstudenten eine Alternative in Richtung Biochemie oder Pharmazie offenzuhalten, wenn sich das Interesse im Laufe des Studiums verschiebt, ist doch prinzipiell eine feine Sache.
    Das Bachelor-/Mastersystem vereint eine ganze Menge guter Gedanken. Die bisherige Umsetzung lässt jedoch stark zu wünschen übrig, was man an anderen umgestellen Fächern unzweifelhaft feststellen muss. Ich halte es für unverantwortlich, eine weitere Reform zu beginnen, obwohl es noch genügend offene Baustellen gäbe, die zuerst einmal fertig abgeschlossen werden müssten. Selbst wenn die Gebäude in anderen Fächern fertiggestellt wurden, heißt das im Übrigen noch lange nicht, dass alle Häuser in der derzeitigen Form gut bewohnbar wären.

  4. was soll man dazu sagen.....

  5. wird man guter Arzt allein durch Ausbildung, oder hat auch die Einstellung des jeweiligen Mediziners eine gewichtige Bedeutung?! Ich selbst wenigstens empfinde den Beruf des Arztes auch als Aufforderung zum lebenslangen Lernen. Das Gefühl genug zu wissen hatte ich jedenfalls noch nie, ständig liegen Artikel in der Wohnug heurum die mich dazu auffordern, gelesen zu werden. Eigeniniative ist gefragt und das Nichtwissen ein ständiger Begleiter.

    • Lodda
    • 15.06.2009 um 11:59 Uhr

    ...erinnert mich an eine der Schlusspassagen aus Paul Feyerabends Wider den Methodenzwang, in der es heißt:

    Die moderne Wissenschaft [...] ist keineswegs so schwierig und vollkommen, wie die wissenschaftliche Propaganda uns einreden möchte. Ein Fach wie die Medizin, die Physik oder die Biologie erscheint nur deshalb als schwierig, weil es schlecht gelehrt wird, weil seine üblichen Darstellungen zuviel Unnötiges enthalten und weil man sich zu spät im Laben mit ihm zu beschäftigen beginnt. Während des Zweiten Weltkrieges, als das amerikanische Militär kurzfristig Ärzte brauchte, war es auf einmal möglich, die medizinische Ausbildung auf ein halbes Jahr zu verkürzen (doch die entsprechenden Lehrbücher sind schon lange wieder verschwunden. Im Krieg kann die Wissenschaft vereinfacht werden. Im Frieden verlangt ihr Prestige, daß sie kompliziert sei.

    Ob man das jetzt als überzeugende geistige Anregung interpretiert, überlasse ich jedem selbst. Zumindest ein Körnchen Wahrheit scheint mir in diesen Aussagen jedoch durchaus vorhanden zu sein :-)

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