Mein Deutschland (Teil 13) Die drei glücklichsten Tage meines Lebens

Nach elf Jahren Maulkorb und Auftrittsverbot in der DDR ein Konzert im Westen vor achttausend Menschen. Dann: Die Ausbürgerung

Am Anfang war ich gegen diese grauglatte Betonklotzwüste nahe dem ehemaligen Todesstreifen der Berliner Mauer am Brandenburger Tor. Das ist wohl der richtige Ort, so dachte ich, aber für die ermordeten Juden Europas das falsche Denkmal. Diese monotone Konstruktion war mir ganz und gar kein Sinnbild für die Schoah, für das wirre Durcheinander der Leichenberge, die wir von den Fotos der alliierten Befreier kennen: kreuz und quer ineinander verhakelt die knochendürren Beine, die ausgezehrten Körper, Skelette mit Haut, aufgerissen die Münder wie auch die Augen in den kahlen Schädeln. Mich quält bis heute ein Zwang: Immer drehe ich solche Leichenberg-Fotos aus Auschwitz auf die Seite und weiter auf den Kopf, um die ausgemergelten Gesichter der Toten richtig rum zu sehn, immer auf der Suche nach einem Zufallsbild meines Vaters.

Serie Mein Deutschland
Historische Momente aus 60 Jahren Bundesrepublik

Historische Momente aus 60 Jahren Bundesrepublik

Inzwischen aber begreife ich die glatten Betonblöcke endlich als das, was sie erst werden durch die Besucher: Kulissen in einem Freiluft-Barocktheater. Nun beobachte ich das Gewirr der grauen Gänge wie eine Bühne, genieße, wie da unaufhörlich andere personae dramatis des bunten Welttheaters schreiten, springen oder tappen. Junge und alte Menschenkinder, die plötzlich auftauchen und sogleich wieder verschwinden. Stummselige Liebespaare, spielende Gören, schweigende Gedenkmenschen, arglose Frohnaturen, digitale Knipser, gut gelaunte Touri-Horden. Menschen-Mischmasch. Inzwischen weiß ich: Unsere Toten wollen es so haben, denn es erinnert sie an das normale Leben vor dem jüngsten … Weltende.

Anzeige

Genau an diesem Ort sprach mich ein junger Mann an, er sagte: Kennen Sie Zons? Und ich stotterte: Zons? – Aber ja, dieses alte Städtchen Zons am Rhein, nicht weit von Köln, flussabwärts Richtung Düsseldorf. – Oh ja … dort war ich, aber nur einen einzigen Tag. Es ist ein Leben her, November 1976. – Aha, sagte der Mensch, dann sind Sie also doch der Biermann, ich komme nämlich aus Zons. Und dort hab ich grade gestern von Ihnen, in Spiegelschrift, ’ne Eintragung gesehn, im Gästebuch eines Weinrestaurants – was ’n Zufall! – Na klar! sagte ich, Zons am Rhein! Da … erlebte ich … den vielleicht … nein, es war womöglich! … es war – ohne Zweifel! der glücklichste Tag … meines Lebens. Ich weiß wohl, das klingt lächerlich pathetisch, aber es ist die Wahrheit. Zons war für mich ein Moment ungetrübter Seligkeit, dort am Rhein, November 1976.

Und so erzählte ich ihm meine Geschichte:

Dieser 15. November am Rhein war ja mein Geburtstag, der vierzigste. Alles war ideal gelaufen! Zwei Tage vorher hatte ich vor achttausend Menschen in der Sporthalle Köln mein Konzert geliefert. Und jeder im Saal spürte: Das ist heute mehr als nur ein Konzert. Und für mich noch mehr als nur mehr, denn dieser dreizehnte November war zufällig der Geburtstag meines Vaters. So viel Zufall! So viel Glück! Das kann doch keine Spökenkiekerei sein! Hegels Weltgeist tanzte.

Nach einer Ewigkeit von elf Jahren Maulkorb, trotz des totalen Auftrittsverbotes, nach tausend kleinen Singereien nur bei Freunden im Hinterzimmer, Gedichtevorlesen nur in meiner Höhle, nun hatte ich trotz alledem in Köln einen Sack voll neuer und alter Lieder angeschleppt: perfekt geliefert, ungezähmt, ungebrochen, professionell ausgewogen und trotzdem frei improvisiert, ein ausgebufftes Bühnenmonster, zum ersten Mal ein richtiges, ein großes Konzert. Leute Leute, Pressemeute, Fernsehkameras. Die geniale Tonanlage mit raffinierter Zeitverzögerung, ich konnte für achttausend Menschen so intim singen, als wär’s bei mir zu Haus in der Chausseestraße 131. Die Leute in der Sporthalle kriegten den Hals nicht voll – ach! und ich kriegte den Hals nicht leer. Viereinhalb Stunden lang. Was Wunder! all die verbotenen Lieder wollten endlich ins Offene. Ach was! von wegen »alle«! Alle hatte ich gar nicht rausgelassen: die schärfsten Titel ja grade nicht. Ich hatte in diesen viereinhalb Stunden keins meiner aggressivsten Lieder gesungen, keine der Eins-in-die-Fresse-mein-Herzblatt-Balladen, keins der Pasquille, in denen jede Strophe (bei den politischen Festpreisen in der DDR) fünf Jahre Bautzen wert war. Also nicht etwa Die hab ich satt!, nicht die Stasi-Ballade, nicht die Populärballade, nicht In China hinter der Mauer.

Leser-Kommentare
    • alobar
    • 14.06.2009 um 19:11 Uhr

    Vom kochenden Asphalt in Hamburgs dunkelsten Naechten,durch die Hinterzimmer gemeinschaftsgefaehrlich-, deutschdemokratischer Wanzenrealitaet,nach Zons am Rhein und weiter zu den Kindern Zions,stelenhaft,wendbar ins unendliche,einzig menschlich in allem tiefen Leid.

    Ich bin stolz das es einen Biermann gibt,einen Mann der aufzeigt das es moeglich war aufzustehen,geradezustehen,einzustehen und dabei mit erhobenem Kopfe zu ueberleben. Rings die alten Kader - sie moegen wuergen ob jeder Zeile die er Ihnen heute noch "in die Fresse" schreibt,singt,weint und lacht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich pflichte Ihnen bei. Damals hörten wir das Konzert auf einem krächzenden alten Radio im Deutschlandfunk und waren euphorisch. Ansonsten nur Kassettenbänder von Biermann-Songs.
    Danach das Unfassbare, die Ausbürgerung.
    Unfassbar auch, welche "Freunde" ihn bespitzelt hatten.

    Ich pflichte Ihnen bei. Damals hörten wir das Konzert auf einem krächzenden alten Radio im Deutschlandfunk und waren euphorisch. Ansonsten nur Kassettenbänder von Biermann-Songs.
    Danach das Unfassbare, die Ausbürgerung.
    Unfassbar auch, welche "Freunde" ihn bespitzelt hatten.

    • sajuz
    • 14.06.2009 um 20:36 Uhr
    2. Und

    Wo ist dieser Biermann jetzt?

  1. 3. @1

    Ich pflichte Ihnen bei. Damals hörten wir das Konzert auf einem krächzenden alten Radio im Deutschlandfunk und waren euphorisch. Ansonsten nur Kassettenbänder von Biermann-Songs.
    Danach das Unfassbare, die Ausbürgerung.
    Unfassbar auch, welche "Freunde" ihn bespitzelt hatten.

    Antwort auf "der Biermann"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service