Jugendkriminalität Krieg unter Kindern

Trotz flächendeckender Überwachung bekommt Londons Polizei die Jugendkriminalität nicht in den Griff

Gewalt und Kriminalität hatten in London schon immer einen festen Wohnsitz«, schreibt der Schriftsteller und Stadthistoriker Peter Ackroyd in seinem Buch London – The Biography . Immer wieder kam es hier zu Pogromen gegen Juden, auch Angriffe auf Steuereintreiber waren jahrhundertelang die Regel – »allgemeine, zum Teil groteske Gewalt auf der Straße« ist nach Ackroyds Meinung »einer der Fäden, aus denen diese Stadt gewebt wurde«.

Es klingt banal: Menschen neigen zur Gewalt, allemal in der Enge einer Großstadt wie London. Dennoch stecken in Ackroyds Beobachtungen einige Wahrheiten, die London von anderen europäischen Metropolen unterscheiden. Großbritanniens Hauptstadt ist keine Stadt des Miteinanders. Der Traum von der ethnischen und sozialen Multikultigesellschaft wurde hier nie wahr. Stattdessen wohnen die Menschen nebeneinander; in Stadtteilen, die, wie jedes Dorf, ihre eigene Geschichte haben, auf ihrer eigenen Identität bestehen – und deren Grenzen gegen mögliche Eindringlinge verteidigt werden. In London-Shoreditch ist die Situation fast tragikomisch: Migrantenkinder wehren sich gegen die Rückkehr von Engländern ins Viertel.

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Die übliche Gewalt auf den Londoner Straßen sind Messerstechereien. Allein 2008 nahm die Polizei 1600 Angriffe mit Messern zu Protokoll. Besorgniserregend ist dabei, dass sich die Waffenkriminalität vor allem unter Teenagern ausbreitet, meist sind es Kinder von Migranten. Nachdem im vergangenen Jahr in London 22 Jugendliche erstochen wurden, ging die Polizei in diesem Februar in die Offensive. In den Straßen und Siedlungen, in denen sich vor allem junge Einwanderer in Bandenkriegen bekämpfen, durchsuchten Polizisten innerhalb von drei Monaten 75.000 Teenager nach Messern. Über 10.000 von ihnen wurden wegen Besitzes verbotener Waffen verhaftet (darunter Metzgermesser und Macheten). »Seit Beginn des Jahres haben wir jeden Tag durchschnittlich 15 Stichwaffen konfisziert«, sagt Tim Godwin, Chef der Metropolitan Police. »Das Messer hat für viele Jugendliche den Status des rituellen Gegenstands wiedererlangt, wie es uns eigentlich nur noch im Museum begegnen sollte.«

So erfolgreich die Durchsuchungen waren, sie werden die Ausnahme bleiben. Die Londoner Polizei hat nicht genügend Personal, um täglich Waffen einzusammeln. Stattdessen wird sie verstärkt ein Mittel anwenden, das schon seit Jahrzehnten ihr unentbehrlicher Helfer ist – und sich im Kampf gegen die Waffengewalt bislang nicht bewährt hat: CCTV-Überwachungskameras, die elektronischen Augen des Gesetzes. CCTV steht für Closed Circuit Television und leitet sich vom geschlossenen Benutzerkreis ab, der die Bilder der Kameras betrachten darf. In keiner anderen Stadt der Welt werden die Menschen so gründlich beobachtet wie in London. Wie viele Kameras es genau gibt, weiß niemand, nach Schätzungen des Innenministeriums sind es derzeit 600.000 – nur in der Hauptstadt.

Die Idee der Überwachung ist fast so alt wie die Geschichte der Gewalt in London. Schon im 18. Jahrhundert standen in der Innenstadt an jeder Straßenecke Posten der Polizei: Hochsitze, von denen aus die Staatsgewalt das Volk beobachtete. CCTV, die moderne Version dieser Überwachungskanzeln, wurde Anfang der neunziger Jahre eingeführt, als die IRA ihren Guerillakampf gegen England nach London trug und dort Kofferbomben einsetzte. Seither sind die Kameras selbstverständlich geworden. Einige der islamistischen Attentäter, die im Juli 2005 in der U-Bahn Bomben zündeten und 52 Menschen töteten, konnten nur deshalb so schnell gefunden werden, weil sie von Kameras gefilmt worden waren.

Die Kriminalität insgesamt – und vor allem die Zahl der Fälle von Jugendgewalt und Messerstechereien – ist in den vergangenen fünf Jahren dennoch dramatisch gestiegen, unabhängig von der Ausweitung des Überwachungsnetzes. »Kinder, die in zerbrochenen Familien aufwachsen, nicht zur Schule gehen und ihre soziale Stellung in Banden etablieren, hält man durch elektronische Überwachung nicht davon ab, sich zu bewaffnen«, sagt die Soziologin Hellen Wells von der englischen Keele University. »Das ist ein politisches Problem.«

Darüber sind sich auch die meisten Politiker einig. Die Ankündigung der Polizei, das Überwachungsnetz auszuweiten, wird deshalb mit dem Versprechen verbunden, mehr Personal auf die Straßen zu schicken. Doch auch 600.000 Kameras und zusätzliche Polizisten werden nicht reichen, die Stadt überschaubar zu machen. Denn hier hat sich ein gut gemeintes Projekt ins Gegenteil verkehrt: Beflügelt von sozialistischen Utopien, baute London in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts Sozialwohnungen in die Bombenbrachen, die der Krieg zurückgelassen hatte. Innerstädtisch, kleinräumig, als Bestandteil des großen Ganzen. So, das war die Hoffnung, würden Arme und Reiche, Engländer und Zuwanderer bald zueinanderfinden. Das ist misslungen – es haben sich viele kleine, unübersichtliche Ghettos gebildet. Und zwischen ihnen zahllose Gräben und Konfliktlinien, die kein Außenstehender und keine Kamera erkennen können.

 
Leser-Kommentare
  1. "Multikulti" ist ein Unbegriff der Vorzeit.

    So nett es gemeint sein mag, die betroffenen Gesellschaften müssen erst durch noch mehr Schaden eines Besseren belehrt werden.

    Bei uns darf es "historisch bedingt" natürlich etwas länger dauern...

  2. Und wenn wir aus Schaden klug geworden sind - was dann? Wie kehren wir zurück in eine intakte Gesellschaft? Wie machen wir die Riesenfehler der 60er und 70er und 80er Jahre ungeschehen?

    • Guntag
    • 15.08.2009 um 13:17 Uhr

    "Der Traum von der ethnischen und sozialen Multikultigesellschaft wurde hier nie wahr. Stattdessen wohnen die Menschen nebeneinander;...."

    Hallo, das ist multikulti qua Definition!
    Das Gegenteil "akkulturation" bzw. "assimilation" würde bedeuten, dass die Migranten sich in die aufnehmende Gesellschaft eingliedern. Der Traum wurde wahr, leider ist man mit dem Ergebnis sehr unzufrieden.

    Also ist das multikuturelle Paradigma an sich der Fehler.

  3. einer ausufernden Arm-Reich-Diskrepanz innerhalb einer Gesellschaft. Daß da ethnische Linien verlaufen bei denen dann gleich "Multikulti gescheitert!" gerufen wird, ist lediglich Ergebnis der Tatsache, daß die Chancenverteilung in der Gesellschaft stark von ethnischer Zugehörigkeit beeinflusst wird und damit die Segregation von Arm und Reich auch das widerspiegelt.

  4. Zu diesem Artikel kann ich nur sagen, dass ich selbst bis vor kurzem längere Zeit in Stockwell /Südwestlondon gewohnt habe, einem Stadteil mit einer hohen Population an Schwarzen. Wenn ich abends oder gar in den Nachtstunden unterwegs war, habe ich sehr selten wirklich kritische Situationen erlebt, ganz im Gegenteil zu den Berliner Stadtvierteln Wedding und Neukölln. Soweit zum Thema Mentalität bestimmter Bevölkerungsgruppen.

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