Es ist elf Uhr am Abend, als der Modedesign-Student Oliver Hemsley mit drei Freundinnen durch Shoreditch spaziert, einen Stadtteil im Londoner Osten. An manchen Häusern wächst Moos die Fassade hinauf, nebenan wird eingerüstet und entkernt; bald stehen also wieder Wohnungen zum Verkauf. Der Kreisverkehr am Arnold Circus, um den die kleine Gruppe schlendert, ist das Zentrum des Viertels. In seiner Mitte erhebt sich ein Hügel mit einem Musikpavillon und einigen Parkbänken, auf denen bengalische Jungen sitzen, wie an so vielen Abenden. Wer nicht aus Bangladesch stammt und sich ahnungslos dem Hügel nähert, zieht feindselige Blicke auf sich. Kein Weißer, der die ungeschriebenen Gesetze von Shoreditch kennt, wagt sich in der Dunkelheit auf diesen Hügel.

August 2008: Oliver, damals 20, und die Mädchen halten sich am äußeren Rand des Kreisverkehrs. Sie sind auf dem Weg zu einer Party, guter Dinge. Oliver und seine Freundin Emma möchten noch rasch eine Flasche Gin in einem dieser Läden kaufen, die jetzt noch geöffnet sind. Annabel und Priscilla wollen in der Schwulenbar George & Dragon auf die beiden Freunde warten. So ist es verabredet.

Plötzlich, auf dem Weg zur Bar, werden Annabel und Priscilla von fünf oder sechs jungen Kerlen angepöbelt. Wie viele es genau sind, kann später niemand mehr sagen. Die Freundinnen nehmen die bengalischen Jungen nicht ernst, es sind ja noch fast Kinder. Annabel und Priscilla gehen einfach weiter und verschwinden in der Bar.

Aber als Oliver und Emma wenige Minuten später dieselbe Straßenecke erreichen, stürmen die bengalischen Jugendlichen auch auf die beiden zu, kreisen sie ein und schlagen Oliver ins Gesicht. Emma wird weggeschubst. Die Jungen geben keinen Ton von sich. Einer der Angreifer nimmt die Ginflasche aus Olivers Einkaufstasche und zertrümmert sie auf dessen Kopf. Emma schreit um Hilfe. Dann hört sie noch den dumpfen Aufprall von Fäusten auf Olivers Körper. Das Messer sieht Emma nicht. Als Oliver zu Boden fällt, rennt sie zu ihm und beugt sich über ihn. Sie sieht Blut unter seinem Körper. Etwa zwei Meter entfernt stehen die Täter und schauen sich den schwer verletzten Mann an. Einer der Jungen mustert sein Opfer ein letztes Mal und versetzt ihm zwei harte Fußtritte. Dann laufen die Täter davon.

Als Annabel aus der Bar George & Dragon tritt, weil sie schauen will, wo ihre Freunde bleiben, sieht sie Oliver auf der Straße liegen. Sein blutdurchtränktes Hemd, die Polizei, die Sanitäter. Was ist geschehen? Nach dem ersten Schock greift Annabel zum Telefon, ruft zu Hause an und erzählt, was vorgefallen ist. Annabel ist meine Tochter.

Damals ahnt sie nicht, wie sehr dieser Abend ihr Leben verändern wird. Sie weint am Telefon, sie versteht die Welt nicht mehr. Sie bangt um Olivers Leben.

Wie ihre Geschwister wollte auch Annabel nach der Schule so weit wie möglich weg aus dem schottischen Dorf, in dem wir leben. Sie wollte in London studieren. Annabel wohnte zunächst im Norden der Stadt, in einer ruhigen Gasse, in der ein Streifenpolizist zu Fuß Patrouille lief. Aber sie begann sich dort zu langweilen, fand den Londoner Osten, das East End, aufregender. Shoreditch, das war ihr Traum. Dort lebten, erklärte sie mir, keine Spießer, Streber und Karrieristen, sondern Individualisten und Originale.

Annabel ist 21. Sie hat ihr Haar schwarz gefärbt, oft trägt sie schwarze Strümpfe und dazu hohe Stiefel. Sie ist das jüngste meiner vier Kinder. Bevor sie nach Shoreditch zog, hatte sie den Roman Brick Lane verschlungen, geschrieben von Monica Ali, die in Bangladesch geboren wurde und in England aufwuchs. Der Roman spielt in Shoreditch. Fast die Hälfte aller Menschen, die dort leben, stammen in erster, zweiter oder dritter Generation aus Bangladesch.

Die Häuser um den Arnold Circus werden fast nur von Bengalen bewohnt, ein baumbestandenes, zu Königin Viktorias Zeiten erbautes Viertel, durchmischt mit Sozialwohnungen – lauter Rotklinkerhäuser wie in Hamburg. Im Westen die reiche City of London, im Osten die neu entstehende Skyline der Olympischen Spiele 2012, dazwischen Shoreditch. Eine Gegend mit Entwicklungspotenzial nennen das Immobilienmakler.

Annabel mag die kleinen Buch- und Trödlerläden an der Brick Lane, die indischen und bengalischen Restaurants, an der einen Ecke ein bisschen Syrien, an der nächsten ein bisschen Schweden, von allem etwas und jeden Tag ein bisschen mehr. Das ist die multikulturelle Mischung, die sie suchte. Nazneen, die Heldin im Roman Brick Lane, fasziniert Annabel. Sie hofft, dass Nazneen den Menschen ein Vorbild sein könne: Wenn doch nur mehr Leute aus ihrem beengten Leben ausbrechen und sich eine selbstbestimmte Welt erschaffen würden.

Annabel studiert Philosophie, Oliver ist ihr bester Freund. Sie mag ihn, weil er so selbstbewusst ist, so lebenslustig, und weil er offen darüber spricht, dass er schwul ist. Er kommt aus einem gutbürgerlichen Elternhaus, färbt sein Haar purpurrot, trägt enge Jeans und offene Hemden.

Zu Annabels kleinem Freundeskreis gehört auch Emma, sie studiert Kunst. Guy Gormley ist ihr Freund, der Sohn des bedeutendsten britischen Bildhauers der Gegenwart, Antony Gormley.

Dann ist da noch Priscilla, die schwarze Priscilla. Als Einzige der Gruppe wuchs sie im armen Londoner Osten auf, konnte aber durch ein Stipendium auf eine renommierte Schule in der Innenstadt wechseln. Annabel sagt, sie und ihre Freunde seien Shoreditch people, eine Londoner Boheme, die ihre Ausgeglichenheit dort finde, wo die Spießbürger bloß Unordnung sähen. »Wenn alle so leben würden wie wir, würde es keine Fremdenfeindlichkeit auf der Welt geben«, belehrte sie mich einmal.

Das war viele Monate vor jenem Abend im August, als sich Sanitäter über den blutenden Oliver beugen. Oliver, so sieht es aus, ist klinisch tot. Die Ärzte im Royal London Hospital schneiden ihm in einer Notoperation den Brustkasten auf. Fünf Messerstiche haben sein Herz und seine Lunge durchlöchert und das Rückenmark teilweise durchtrennt. Oliver liegt auf der Intensivstation, eine Krankenschwester bedient rund um die Uhr die Apparate, die ihn am Leben halten. Wenn Annabel bei ihm ist, hält sie seine Hand. Sie möchte ihn umarmen, aber das darf sie nicht. Oliver liegt im Koma, er hängt an Schläuchen und Sonden, und das wird so bleiben, wochenlang. Auch nach Monaten ist er nicht in der Lage, selbstständig zu atmen. Fast ein halbes Jahr bleibt er auf der Intensivstation. Danach wird er auf eine Spezialabteilung für Rückenmarksverletzungen umgebettet. Oliver ist vom siebten Halswirbel an abwärts gelähmt.

Als die Polizei nach dem Überfall den Tatort sichert, sammelt sich hinter dem Absperrband eine Gruppe Schaulustiger. Ein Polizist bemerkt Blut an den Kleidern eines der umstehenden Jungen: Nazrul Islam heißt er, 15 Jahre alt. Er gibt zu Protokoll, er habe alles gesehen. Eine Gang Schwarzer aus dem benachbarten Stadtteil Hackney habe die Tat begangen. Als die Schwarzen davonliefen, habe ihn einer der Täter gestreift, daher das Blut.

Nazrul verwickelt sich bei der Vernehmung in Widersprüche, wird aber auf Kaution freigelassen. Später stellt sich heraus, dass Nazrul ganz in der Nähe des Ortes, an dem Oliver überfallen wurde, ein zwölfjähriges weißes Mädchen mit einem Messer bedroht, ihm fünf Pfund gestohlen und gesagt habe, dass es sich verpissen solle. »Das hier ist unser Territorium!«, habe Nazrul gerufen.

Als die Polizei die Tatwaffe findet, ein Küchenmesser, das in einen Kirchhof nahe dem Tatort geworfen wurde, muss sich Nazrul einem DNA-Test unterziehen. Seine DNA entspricht der am Griff des Messers. Nazrul muss in Untersuchungshaft.

Ende September 2008 gibt Oliver zum ersten Mal ein Lebenszeichen von sich. Annabel und ihre Mitbewohnerin Jemma sitzen an seinem Bett im Krankenhaus. Jemma hat sich angezogen wie ein Clown, sie trägt eine gekringelte Strumpfhose und auf dem Kopf eine Melone. Annabel ist fast jeden Tag an Olivers Bett und redet und redet. Oliver röchelt durch seinen Kehlkopfschnitt und versucht, mit den Lippen Worte zu formen.

Als ich meine Tochter nach dem Überfall in ihrem Londoner Viertel Shoreditch besuche, treffen wir uns vor der Shoreditch Church, der Kirche. Gleich hinter der Kirche wurde Oliver überfallen. Annabel kommt zu spät, wie immer. Sie schläft zurzeit bei Freunden, weil sie Angst hat, wenn sie niemanden um sich hat. Sie traut sich nicht mehr in ihre Wohnung. Zu uns nach Schottland möchte sie aber auch nicht zurück. Sie will Oliver auf keinen Fall allein lassen. Sie besucht ihn, so oft sie kann.

Annabel sieht müde und blass aus. Sie sagt, sie habe noch nichts gegessen, und wir gehen zum Vietnamesen. Aber sie rührt nichts an. Den ganzen Abend redet sie über Oliver.

»Ich hätte nie gedacht, dass ich so denken könnte«, sagt Annabel, »aber ich hasse diese verfluchten Schweine, die ihm das angetan haben, so abgrundtief, dass ich mir wünsche, sie würden verrecken.«

Bei einer ersten richterlichen Vorführung im Thames Youth Court sitzt Nazrul Islam zwischen zwei kräftigen, mit Handschellen ausgerüsteten Sicherheitsleuten. Der schmächtige Junge trägt einen hellblau und weiß gestreiften Pullover, darunter ein weißes T-Shirt und Bluejeans. In seinem Haar hat er Gel, in seinem Gesicht Teenagerflaum.

Als die Staatsanwältin die Anklageschrift verliest, wippt er mit einem Bein und pult an seinen Fingernägeln. Nicht die Eltern, sondern ein Onkel und eine Tante sitzen im Gerichtssaal. Die Tante weint still vor sich hin. Der Junge steht nur einmal kurz von der Anklagebank auf, um dem Richter seinen Namen und seine Adresse zu bestätigen.

Die Anschrift, die er dem Richter genannt hat, ist leicht zu finden – ein paar U-Bahn-Stationen von Shoreditch entfernt in einer jener zweistöckigen Häuserzeilen, die London umschließen. Eine heruntergekommene Straße, von Unkraut überwucherte Vorgärten, Sperrholztüren in unbeleuchteten Eingängen. Durch die Fenster sieht man in karge Wohnzimmer. Im Haus mit der Nummer 12 leuchtet oben schwaches Licht. Auf ein Klingeln rührt sich nichts. Auf ein zweites Läuten zeigt sich jemand im ersten Stock des Hauses. Das Gesicht eines Jungen zwischen grauen Stoffvorhängen.

»Ist Herr Islam zu Hause?«

Der Junge schüttelt den Kopf und zieht die Vorhänge zu.

Will man mehr über den Angeklagten erfahren, landet man bald bei Afsar Ali. Er kennt Nazrul von klein auf. Ali war als Teenager ein berüchtigter Straßenkämpfer, einer von Nazruls Nachbarn am Arnold Circus. Das ist lange vorbei. Der 25-jährige Ali ist jetzt Vater zweier Kinder und arbeitet als Gärtner. Anders als die meisten jungen Bengalen trägt Ali sein Haar nicht in militanter Palästinenserfasson, nicht kurz geschoren, sondern schulterlang. Er sieht aus wie ein junger Winnetou.

Nazruls Vater wohne nicht in diesem Haus, erzählt Ali, nur die Mutter. Die Eltern hätten sich getrennt, als Nazrul noch ein kleines Kind war. Sie hätten ihn zur Großmutter abgeschoben, die in der Palissy Street wohnte, ganz in der Nähe des Hügels, den heute die jungen Bengalen kontrollierten. Schon die Großeltern, erzählt Ali, seien mit Nazrul nicht fertig geworden.

Vor Gericht stellt ein Gutachter fest, dass Nazrul einen subnormalen Intelligenzquotienten hat, 56 Punkte. Nazrul ist geständig. Das bedeutet, dass es zu keinem Gerichtsverfahren kommen wird. Es bedeutet auch, dass seine Strafe um ein Drittel geringer ausfallen wird, als wenn er die Tat leugnen würde. Das Tatmotiv wird nicht weiter erforscht. Warum dieses Verbrechen? Die Antwort ist juristisch bedeutungslos geworden. Als Nazrul vor dem Inner London Crown Court verurteilt werden soll, sieht sich der Richter trotzdem nicht in der Lage, ein Strafmaß zu finden. Denn der Junge zeigte nach Aussage der Polizisten keinerlei Reue. Was ist davon zu halten?

Die Urteilsverkündung wird vertagt, ein psychologisches Gutachten soll erstellt werden. Als es da ist, verurteilt der Richter Nazrul wegen schwerer Körperverletzung mit Tötungsabsicht und illegalen Waffenbesitzes zu zehn Jahren Gefängnis. Und er hebt das Verbot einer öffentlichen Namensnennung auf. Das ist ungewöhnlich bei einem jugendlichen Täter. Der Richter begründet sein Urteil damit, dass die bei dem Verbrechen bewiesene Barbarei ihm das Blut in den Adern habe gefrieren lassen.

Gibt es keine bessere Erklärung?

Hört man Ali, den ehemaligen Schläger, über Nazrul reden, ergibt sich das Bild eines schwer verhaltensgestörten Jungen. Nazruls Spitzname ist Wally, Trottel. Er ging fast nie zur Schule. Das Motiv für Nazruls Angriff auf Oliver ist für Ali ganz klar. »Oliver war in Wallys Augen ein Außenseiter, ein Eindringling. Wally wollte ihm zeigen, dass ihm in seinem Revier niemand dumm kommt. Dass hier er und seine Kumpel das Sagen haben.« Schon jetzt nennen sie ihn in Shoreditch nicht mehr Wally, sondern ehrfurchtsvoll Mad Naz, den durchgeknallten Nazrul.

Kurz nach dem Anschlag auf Oliver erscheint auf einer Hauswand in der Nähe des Tatorts eine Sprühschrift: »Ihr Blut wird unseren Schmerz nicht lindern.« Annabels Freundin Emma liest den Satz wie eine Warnung. Sie zieht sich zurück, geht kaum noch aus, verschanzt sich zu Hause.

Wochen später schubst ein Junge Olivers Freund Guy, den Sohn des Bildhauers, vom Fahrrad und jagt ihn aus dem Viertel. Guy kommt mit einer drei Zentimeter langen Platzwunde am Kopf davon. Als Guy in einem Polizeiwagen den Hergang zu Protokoll gibt, hört er im Polizeifunk von fünf anderen Radfahrern, die ebenfalls angegriffen wurden, alle am selben Tag. Aus der Eigentumswohnung, die sein Vater ihm kaufte, zieht Guy aus, zurück ins Haus seiner Eltern im vornehmen Londoner Norden. Von Shoreditch will er nichts mehr wissen. Die Wohnung, in der er lebte, vermietet Guy an die nächste Generation Shoreditch people.

Guy ist ein großer Anhänger des friedlichen Nebeneinanders von Menschen verschiedener Herkunft – wie meine Tochter Annabel. Aber jetzt ist da dieser Überfall. Oliver im Rollstuhl. Wenn Guy, Annabel und ihre Freunde über die Ursachen dafür nachdenken, nach einem Motiv für die Tat suchen, dann müssten sie sich vielleicht fragen, ob sie sich von den bengalischen Jungen durch mehr unterscheiden als nur durch die Hautfarbe. Dann müssten sie sich fragen, ob Multikulti eine Illusion ist.

Der Stadtteil Shoreditch hat eine komplizierte Geschichte. Man kann sie am Werdegang der Moschee ablesen. Ursprünglich stand dort eine Kirche, um das Jahr 1700 von Hugenotten gebaut, die aus Frankreich geflohen waren. Im 19. Jahrhundert errichteten Juden aus Osteuropa dort eine Synagoge. 1976 entstand hier die Great London Mosque.

Die Synagoge – und der Musikpavillon auf dem Hügel in der Mitte des Arnold Circus – bildeten über Jahre das Zentrum des jüdischen Lebens in London, bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde in den örtlichen Schulen Jiddisch gesprochen. Doch wie vor ihnen die Hugenotten wurden auch die Juden bald Teil der britischen Gesellschaft.

Vielleicht werden sich die Bengalen eines Tages ebenso integrieren. Bis jetzt ist davon nichts zu spüren. Als die ersten Bengalen vor mehr als 30 Jahren nach London kamen, war das Zusammenleben friedlicher, harmonischer. Ihre Kinder hatten bald englische Freunde und Freundinnen. Sucht man heute nach den weißen Freunden der jungen Bengalen, kann man lange suchen.

Wer ist schuld? Mit der Wohnungspolitik fing es an. In Großbritannien enthält jedes Formblatt, sei es ein Behandlungsformular im Krankenhaus, ein Gesuch um Sozialhilfe oder ein Antrag zur Handlungsvollmacht für die altersschwache Großmutter, einen Fragebogen, auf dem sich die Antragsteller ethnisch einordnen müssen. Auf diesem Formular wird sogar zwischen weiß (englisch), weiß (irisch) und weiß (schottisch) unterschieden. Die zur Förderung von Gleichbehandlung eingeführte Aufschlüsselung hat dazu geführt, dass jeder, der auf seinem Sozialwohnungsantrag das Kästchen »bengalisch« ankreuzt, sofort in einem Wohnblock einquartiert wird, in dem schon andere Bengalen leben. Ein amtlich gefördertes Ghetto nimmt Gestalt an.

Die Einwanderer, die dort einziehen, müssen nicht mehr Englisch lernen, um sich im Alltag durchzuschlagen. Oft verstehen sie nicht einmal, wie das britische Schulsystem funktioniert, auf die soziale Eingliederung ihrer Kinder legen sie wenig Wert. Bildung wird als bedeutungslos empfunden. Schwänzen Kinder die Schule, fällt das ihren Eltern nicht einmal mehr auf. Noch in der dritten Generation wachsen 98 Prozent der Bengalen mit Englisch als Zweitsprache auf.

Auf der Rangliste der 354 englischen Lokalverwaltungen nimmt der Bezirk, zu dem London-Shoreditch gehört, Platz 3 unter den am meisten benachteiligten Verwaltungseinheiten ein. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 20 Prozent. Das ist aber nur die eine Seite des Viertels. Auf der anderen Seite, am Hoxton Square, wird gerade eine Einzimmerwohnung für 300000 englische Pfund angeboten. Es ist erstaunlich zu beobachten, wie konsequent beide Seiten einander ignorieren. Ist das wirklich einmal mit Multikulti gemeint gewesen? Nebeneinander existieren, erst unbeachtet und uninteressiert, dann verständnislos und wütend?

Es fing in Shoreditch mit Künstlern an, den Young British Artists in den neunziger Jahren, Individualisten, die vor den horrenden Immobilienpreisen der Innenstadt in den Osten Londons flohen. Clubs, Bars und Läden für Künstlerbedarf entstanden. Der Künstler Damien Hirst nahm am Hoxton Square einen Drink, Tracey Emin wohnt bis heute gleich um die Ecke. Ihnen folgten Studenten, Modemacher und andere Trendsetter. Mit dem Erfolg der Young British Artists stiegen die Immobilienpreise, der Galerist Jay Jopling baute für seine renommierte zeitgenössische Kunsthandlung White Cube eine hochmoderne Galerie, der Starkoch Jamie Oliver eröffnete sein Restaurant Fifteen. Heute ist Shoreditch an Freitag- und Samstagabenden ein hedonistisches Inferno. Nachtschwärmer aus ganz London dröhnen sich in Nachtclubs mit Alkohol zu, mit Koks und Crack. Junge Bengalen dienen als Laufburschen, die den Stoff heranschaffen. Menschentrauben drängen sich vor den Einlässen der Bars, Männer pinkeln gegen Hauswände, Frauen erbrechen sich auf der Straße, Notarztwagen kündigen sich durch Sirenengeheul an. Eine fiebrige, hysterische Endzeitstimmung liegt an diesen Abenden in der Luft. Sogar einige Künstler halten diese Nächte nicht mehr aus und ziehen in ruhigere Viertel südlich der Themse. Die Bohemekultur ist zu einer sinnlosen Dauerparty verkommen.

Das Royal London Hospital, in das Oliver eingeliefert wurde, behandelte im vergangenen Jahr 280 Verletzte mit lebensbedrohlichen Stichwunden. Gewaltverbrechen und Sexualdelikte kommen in Shoreditch doppelt so oft, Raubüberfälle viermal so oft wie im Landesdurchschnitt vor.

Annabel wohnt in der Coate Street, in einem fünfstöckigen Rotklinkerwohnblock aus den dreißiger Jahren. Die Drei-Zimmer-Wohnung meiner Tochter und ihrer Freundin Jemma ist 60 Quadratmeter groß, in jedem Zimmer steht ein Laptop, in den Handys der beiden sind nur Telefonnummern englischer Freunde gespeichert. In den identisch geschnittenen Wohnungen nebenan wohnen nur bengalische Familien.

Zu ihren Nachbarn haben Annabel und Jemma keinen Kontakt. Sie sind die einzigen Weißen in ihrem bengalischen Haus. Für meine Tochter ist der Wohnblock nur eine Durchgangsstation im Leben, für die meisten Bengalen die Endstation.

In die Schule am Arnold Circus, die Virginia Primary School, gehen ausschließlich Kinder bengalischer Herkunft. In einem Bericht der Schulaufsichtsbehörde wird die Schulleiterin als »inspirierend« beschrieben. Doch sogar linksliberal denkende Eltern, die gleich um die Ecke wohnen, schicken ihre Kinder lieber in eine weiter entfernte Schule, als ihnen zuzumuten, sich im Unterricht als weiße Minderheit zu fühlen.

Shoreditch ist ein potemkinsches Dorf. In den Restaurants und Pubs in der pittoresken Columbia Road, bloß ein paar Gehminuten nördlich des Arnold Circus, sieht man kein bengalisches Gesicht mehr. Die Getränke, die Speisenkarten und das ausgesucht englische Ambiente halten die Bengalen fern. »Zutritt nur für Weiße«, das schreibt kein Club an seine Tür, aber es ist die Wirklichkeit. Die Apartheid, die hier herrscht, wünscht sich niemand, niemand nennt sie beim Namen, und niemand bekennt sich dazu. Und doch hält sich jeder daran.

Immer tiefer dringen weiße Engländer in das bengalische Kernland vor. In der Straße, in der Oliver niedergestochen wurde, eröffnet der weit bekannte Designer Sir Terence Conran ein Luxushotel mit einem teuren Kellerrestaurant, einem Delikatessenladen und einem Dachgarten. Der Kunstmäzen James Moores funktionierte die am Arnold Circus gelegene Rochelle Street School in ein Ausstellungszentrum mit angeschlossener Edelkantine um.

Das Kunstzentrum ist von einer hohen Mauer umschlossen, nur durch eine Sicherheitsschleuse gelangt man hinein. Besucher aus ganz London treffen sich abends hier, alle sind weiß. Ein einheimischer Türsteher, der vom Veranstalter angeheuert wurde, passt darauf auf, dass die Gäste nicht von herumhängenden Jugendlichen belästigt werden.

Als das Zentrum eröffnet wurde, schmissen Jungen von der Straße einige der Fenster ein und setzten Autos in Brand, die vor dem Haus parkten. Als die Polizisten eintrafen, bewarfen die Jungen sie mit Steinen. Die Polizisten konnten die Angreifer erst mit Hundestaffeln vertreiben.

Ein Abend im Februar 2009. Zwei Jungen laufen neben der Mauer entlang, die das Kunstzentrum umgibt. Sie tippen Nachrichten in ihre Handys, einer der beiden trägt eine Baseballmütze.

Wisst ihr etwas vom Überfall auf Oliver Hemsley?

Die beiden blicken auf. Der eine Junge sagt: »Wir waren dabei.« Der andere sagt das auch.

Der Junge mit der Baseballkappe starrt danach wieder auf sein Handy und geht achtlos weiter. Sein Begleiter bleibt stehen, in einem Abstand von einigen Schritten, so, als wisse er nicht genau, ob er das Gespräch fortsetzen wolle.

Wie ist dein Name?

Abdul Alom.

Er ist vielleicht einen Meter fünfzig groß, sehr muskulös. Das ist unverkennbar, obwohl er Schuluniform trägt. Das Wappen auf seinem Blazer ist das des Bethnal Green Technology College, einer ordentlichen Sekundarschule, die vor Kurzem von Prinz Charles besucht wurde. Abdul Aloms Hemd hängt aus der Hose. Ein ganz normaler Teenager, so sieht er jedenfalls aus.

Wie alt bist du, Abdul?

16 Jahre.

Dann war er also 15, damals, als sie Oliver niederstachen.

Gemeinsam zum Tatort gehen will er nicht. Aber er ist bereit, über das Verbrechen zu reden. Er und drei seiner Freunde, sagt er, seien dabei gewesen, aber sie hätten sich nicht an dem Überfall beteiligt. Das widerspricht allen Zeugenaussagen. Abdul Alom besteht darauf. Nazrul habe sich ihnen an jenem Abend angeschlossen. Sie hätten ihn loswerden wollen, aber er habe sich nicht abschütteln lassen. Als Nazrul auf »den Mann« – er meint Oliver – losgegangen sei, habe er die Kontrolle verloren und das Messer gezückt. Er habe ihnen gedroht, sie ebenfalls abzustechen, falls sie ihn verraten sollten. »Wenn Nazrul aus dem Knast kommt«, sagt Abdul, »ziehe ich hier weg. Der ist unzurechnungsfähig. Das ist die reine Wahrheit. Das haben wir auch der Polizei gesagt. Darum hat sie uns freigelassen.«

Abdul Alom erzählt die Geschichte so, als sei er bloß ein hilfloser Zeuge gewesen, unschuldig in ein Verbrechen verstrickt. »Wir waren zur falschen Zeit am falschen Ort. Wir hatten Angst.« Über Oliver sagt er: »Der Mann tut mir leid.«

Sagt er vielleicht die halbe Wahrheit? Ist die ganze Wahrheit, dass er und seine Freunde sich von einem Verrückten mitreißen ließen?

Für meine Tochter Annabel ist der Junge »just a fucking liar«, ein schamloser Lügner. Sie wohnt mittlerweile wieder in ihrer Wohnung in Shoreditch. Eines Tages wird unter ihrem Fenster ein Bengale von einer gegnerischen Gang niedergestochen. Wieder hört sie die Schreie, dann die Stille nach der Tat, schließlich die Sirenen. All die Erinnerungen brechen über sie herein. Sie wirft sich auf ihr Bett und weint.

Es ist mittlerweile April geworden. Oliver ringt um jeden Millimeter Bewegung in seiner rechten, nicht völlig gelähmten Hand. Ende des Monats trifft Annabel ihn zum ersten Mal außerhalb des Krankenhauses zum Lunch. Er kommt im Taxi, eine Pflegerin schiebt den Rollstuhl. Anfang Mai findet eine Benefizaktion für Oliver statt, die von Annabel und einigen Freundinnen unter dem Slogan Art against Knives (Kunst gegen Messer) organisiert wurde. Ein Dutzend bekannter Künstler steuern Gemälde, Zeichnungen und Drucke bei, darunter Antony Gormley, Tracey Emin und der geheimnisumwitterte Graffiti-Maler Banksy. Fünfhundert Menschen drängen sich in das Shoreditch House, einen exklusiven Club neben Sir Terence Conrans Luxushotel. Es kommen 60000 Pfund zusammen, ein grandioses Ergebnis.

Nach der Veranstaltung ist Annabel wie verwandelt. Ihre Rachegefühle und ihr Hass scheinen verebbt zu sein. »Ich fühle gar nichts mehr«, sagt sie. Vermutlich war schon die Urteilsverkündigung ein gutes Mittel gegen die Bitterkeit. Und sie hatte Zeit, über die Ursachen für den Überfall nachzudenken. Auf dem Nachhauseweg vermeidet sie den direkten Weg um den Arnold Circus. »Ich benütze die Straßen nicht mehr, in denen bengalische Kids herumhängen«, sagt sie. »Ich traue ihnen nicht mehr über den Weg, nach wie vor.« Annabel macht eine Pause. Man merkt, wie sie mit sich hadert. »Aber ich kann sie auch nicht für alles verantwortlich machen. Wie können sie richtig funktionieren, wenn etwas mit der Gesellschaft nicht stimmt?«

Wir biegen am George & Dragon in die Hackney Road ein. Die Hackney Road ist ein Niemandsland zwischen zwei Territorien. Auf dieser Seite das bengalische Shoreditch, drüben das schwarze Hackney. »Vielleicht«, sagt sie, »war der Angriff auf Oliver so etwas wie eine Rache an der multikulturellen Gesellschaft. Vielleicht kann Multikulti in seiner gegenwärtigen Form gar nicht glatt ablaufen. Ich glaubte daran, weil ich viele schwarze Freunde habe. Aber die sind alle Leute wie ich. Wir gehören zum selben Milieu. Die Bengalen leben in einer völlig anderen Welt. Sie akzeptieren uns nicht, wie wir sind. Solange sie das nicht tun, wird es immer wieder zu Auseinandersetzungen kommen.« Nach einer Weile setzt sie hinzu: »Aber vielleicht kann man das von ihnen gar nicht erwarten.«

Unser Weg führt vorbei an einem Striptease-Club und verfallenen Pubs, an dem vergitterten Tor eines geschlossenen Spitals für Kinder. Annabel plante einmal, mit Oliver in das verschachtelte Gebäude einzusteigen und darin zu übernachten, wie Stadtstreicher, aber dann fehlte ihnen der Mut.

»Und wenn man aus privilegierten Verhältnissen kommt wie wir«, sagt sie, »ist es wohl unmöglich, das Leben Unterprivilegierter zu verstehen.«

Am Ende des Semesters, sagt sie mir noch, werde sie Shoreditch übrigens verlassen.