Es ist elf Uhr am Abend, als der Modedesign-Student Oliver Hemsley mit drei Freundinnen durch Shoreditch spaziert, einen Stadtteil im Londoner Osten. An manchen Häusern wächst Moos die Fassade hinauf, nebenan wird eingerüstet und entkernt; bald stehen also wieder Wohnungen zum Verkauf. Der Kreisverkehr am Arnold Circus, um den die kleine Gruppe schlendert, ist das Zentrum des Viertels. In seiner Mitte erhebt sich ein Hügel mit einem Musikpavillon und einigen Parkbänken, auf denen bengalische Jungen sitzen, wie an so vielen Abenden. Wer nicht aus Bangladesch stammt und sich ahnungslos dem Hügel nähert, zieht feindselige Blicke auf sich. Kein Weißer, der die ungeschriebenen Gesetze von Shoreditch kennt, wagt sich in der Dunkelheit auf diesen Hügel.

August 2008: Oliver, damals 20, und die Mädchen halten sich am äußeren Rand des Kreisverkehrs. Sie sind auf dem Weg zu einer Party, guter Dinge. Oliver und seine Freundin Emma möchten noch rasch eine Flasche Gin in einem dieser Läden kaufen, die jetzt noch geöffnet sind. Annabel und Priscilla wollen in der Schwulenbar George & Dragon auf die beiden Freunde warten. So ist es verabredet.

Plötzlich, auf dem Weg zur Bar, werden Annabel und Priscilla von fünf oder sechs jungen Kerlen angepöbelt. Wie viele es genau sind, kann später niemand mehr sagen. Die Freundinnen nehmen die bengalischen Jungen nicht ernst, es sind ja noch fast Kinder. Annabel und Priscilla gehen einfach weiter und verschwinden in der Bar.

Aber als Oliver und Emma wenige Minuten später dieselbe Straßenecke erreichen, stürmen die bengalischen Jugendlichen auch auf die beiden zu, kreisen sie ein und schlagen Oliver ins Gesicht. Emma wird weggeschubst. Die Jungen geben keinen Ton von sich. Einer der Angreifer nimmt die Ginflasche aus Olivers Einkaufstasche und zertrümmert sie auf dessen Kopf. Emma schreit um Hilfe. Dann hört sie noch den dumpfen Aufprall von Fäusten auf Olivers Körper. Das Messer sieht Emma nicht. Als Oliver zu Boden fällt, rennt sie zu ihm und beugt sich über ihn. Sie sieht Blut unter seinem Körper. Etwa zwei Meter entfernt stehen die Täter und schauen sich den schwer verletzten Mann an. Einer der Jungen mustert sein Opfer ein letztes Mal und versetzt ihm zwei harte Fußtritte. Dann laufen die Täter davon.

Als Annabel aus der Bar George & Dragon tritt, weil sie schauen will, wo ihre Freunde bleiben, sieht sie Oliver auf der Straße liegen. Sein blutdurchtränktes Hemd, die Polizei, die Sanitäter. Was ist geschehen? Nach dem ersten Schock greift Annabel zum Telefon, ruft zu Hause an und erzählt, was vorgefallen ist. Annabel ist meine Tochter.

Damals ahnt sie nicht, wie sehr dieser Abend ihr Leben verändern wird. Sie weint am Telefon, sie versteht die Welt nicht mehr. Sie bangt um Olivers Leben.

Wie ihre Geschwister wollte auch Annabel nach der Schule so weit wie möglich weg aus dem schottischen Dorf, in dem wir leben. Sie wollte in London studieren. Annabel wohnte zunächst im Norden der Stadt, in einer ruhigen Gasse, in der ein Streifenpolizist zu Fuß Patrouille lief. Aber sie begann sich dort zu langweilen, fand den Londoner Osten, das East End, aufregender. Shoreditch, das war ihr Traum. Dort lebten, erklärte sie mir, keine Spießer, Streber und Karrieristen, sondern Individualisten und Originale.

Annabel ist 21. Sie hat ihr Haar schwarz gefärbt, oft trägt sie schwarze Strümpfe und dazu hohe Stiefel. Sie ist das jüngste meiner vier Kinder. Bevor sie nach Shoreditch zog, hatte sie den Roman Brick Lane verschlungen, geschrieben von Monica Ali, die in Bangladesch geboren wurde und in England aufwuchs. Der Roman spielt in Shoreditch. Fast die Hälfte aller Menschen, die dort leben, stammen in erster, zweiter oder dritter Generation aus Bangladesch.

Die Häuser um den Arnold Circus werden fast nur von Bengalen bewohnt, ein baumbestandenes, zu Königin Viktorias Zeiten erbautes Viertel, durchmischt mit Sozialwohnungen – lauter Rotklinkerhäuser wie in Hamburg. Im Westen die reiche City of London, im Osten die neu entstehende Skyline der Olympischen Spiele 2012, dazwischen Shoreditch. Eine Gegend mit Entwicklungspotenzial nennen das Immobilienmakler.

Annabel mag die kleinen Buch- und Trödlerläden an der Brick Lane, die indischen und bengalischen Restaurants, an der einen Ecke ein bisschen Syrien, an der nächsten ein bisschen Schweden, von allem etwas und jeden Tag ein bisschen mehr. Das ist die multikulturelle Mischung, die sie suchte. Nazneen, die Heldin im Roman Brick Lane, fasziniert Annabel. Sie hofft, dass Nazneen den Menschen ein Vorbild sein könne: Wenn doch nur mehr Leute aus ihrem beengten Leben ausbrechen und sich eine selbstbestimmte Welt erschaffen würden.

Annabel studiert Philosophie, Oliver ist ihr bester Freund. Sie mag ihn, weil er so selbstbewusst ist, so lebenslustig, und weil er offen darüber spricht, dass er schwul ist. Er kommt aus einem gutbürgerlichen Elternhaus, färbt sein Haar purpurrot, trägt enge Jeans und offene Hemden.

Zu Annabels kleinem Freundeskreis gehört auch Emma, sie studiert Kunst. Guy Gormley ist ihr Freund, der Sohn des bedeutendsten britischen Bildhauers der Gegenwart, Antony Gormley.