Jürgen Habermas zum 80. Der Vorwärtsverteidiger
Der Philosoph Jürgen Habermas wird achtzig Jahre alt. Sein Werk ist gewaltig, seine internationale Wirkung enorm. Das hat einen guten Grund: Seine Bücher verteidigen den Geist der Moderne. Und dennoch bleiben sie empfindlich für die Niederlagen des Fortschritts
Früher las man die Bücher von Jürgen Habermas heimlich unter der Schulbank und durfte sich vom Lehrer nicht erwischen lassen. Heute sind die Texte von Habermas Pflichtlektüre. Wer seine Schlüsselbegriffe nicht kennt, darf sich nicht dabei erwischen lassen, denn ihr Urheber ist schon zu Lebzeiten ein Klassiker und so berühmt, wie ein Philosophieprofessor nur werden kann. Das ist kein gutes Zeichen, weil für Klassiker gilt: Man kennt ihre Formeln. Aber ihr philosophisches Motiv, in dem das Herz der Gedanken schlägt – das hat man vergessen.
Bei Jürgen Habermas liegt das Grundmotiv seines Denkens offen zutage und ist für Leser doch schwer zu finden. Mal tarnt es sich im grauen Zwirn akademischer Sachlichkeit, mal verschwindet es unter turmhohen Begründungen. Aber von Anfang an, schon in den ersten Arbeiten des Studenten, ist es nicht zu übersehen. Das Motiv lautet, sehr vereinfacht, so: Wer auf die Geschichte der Menschheit zurückblickt, der sieht eine Litanei des Schreckens, eine empörende Geschichte von Gewalt und immer wieder Gewalt. Und doch – es gibt einen nicht zu leugnenden Fortschritt, es gibt, bei allen Rückschlägen, eine soziale »Evolution« und damit die Möglichkeit, Macht und Gewalt zu zivilisieren oder eines Tages vielleicht ganz abzuschaffen. Das Medium der Selbstzivilisierung ist die menschliche Sprache, denn jedem Sprechen wohnt ein Ziel inne, das »Telos der Verständigung«. Kommunikation unterbricht den Kriegszustand der Welt.
Wer in diesem Gedanken ein mächtiges idealistisches Erbe vermutet, der vermutet erst einmal richtig. Habermas, damals ein Student von Anfang zwanzig, war bei seiner Schelling-Lektüre auf einen großartigen, aber extrem spekulativen Gedanken gestoßen, der ihn noch heute, sechzig Jahre später, fasziniert. »Gott Vater«, schrieb Schelling, habe sich aus der Schöpfung zurückgezogen und den Menschen das Feld überlassen. Allerdings: Die mit Freiheit begabten Geschöpfe seien verpflichtet, den richtigen Gebrauch von ihrer Freiheit zu machen. Mithilfe ihrer Sprache müssten sie untereinander dasselbe Anerkennungsverhältnis herstellen, wie es Gott zu ihnen unterhalten habe, als er ihnen die Autonomie schenkte. Wer gegen diesen Bund mit Gott verstoße, der begehe erneut einen »Sündenfall«.
Habermas, der aus der Gedankenwelt von Heidegger und Gehlen kam, schrieb seine Doktorarbeit über Schelling und gab seiner Deutung eine verblüffende Wendung. Er schlug eine Brücke zu den Frühschriften von Karl Marx, weil ihm dessen Gesellschaftskritik die Möglichkeit gab, Schellings Rede vom Sündenfall ganz handgreiflich, ganz materialistisch zu verstehen. Ein Sündenfall ist es, wenn Machtverhältnisse über Sprachverhältnisse siegen – wenn die »Freigelassenen der Schöpfung« nicht die Verständigung wählen, sondern, wie so oft in der Geschichte, die Gewalt.
Nun sind Philosophen keine Belletristen, das heißt: Sie müssen die Motive, von denen sie »infiziert« sind, gründlich ausnüchtern, von spekulativen Schlacken reinigen und dem aufgeklärten Publikum in klaren Begriffen verständlich machen. Genau das erhob Habermas zu seinem Programm. Mit dem kalten Besteck der Wissenschaft wollte er nachweisen, dass die Sprache nicht bloß eine Waffe im babylonischen Bürgerkrieg der Gesellschaft ist, eine Maske der Macht. Seine Gegenformel lautete: Wer das Gewebe der Sprache nur lange genug gegen das Licht hält, wer ihre Gesetze nur inständig genug untersucht – der wird erkennen, dass darin eine Normativität, ein Anspruch auf Wahrheit eingebaut ist, den wir zwar missachten, aber nicht grundsätzlich aushebeln können. Mit Wörtern kann man lügen und Macht ausüben; doch eine Sprache, die vollständig auf Lug und Trug gebaut sei, die könne es nicht geben. »Noch in den pathologisch verzerrten Kommunikationen steckt der Stachel von Wahrheitsansprüchen.«
Man muss nicht lange rätseln, welche Sprengkraft eine über Schelling vermittelte, mit Marx angereicherte und den Mitteln der Linguistik ausgehärtete Kommunikationsphilosophie unter den theoriehungrigen Intellektuellen der sechziger Jahre entfaltete. Sie lasen Habermas genauso, wie er es gemeint hatte: als Forderung nach radikaler Demokratie und radikaler Kritik. Beschädigt ist die Demokratie dort, wo die »Öffentlichkeit« von Meinungsmonopolen beherrscht, von Lobbyisten manipuliert und von Politikern gegängelt wird. Und defekt sind Demokratien, die sich blindlings, ohne Willensbildung, dem Selbstlauf des Fortschritts überlassen, der Wissenschaft und Technik als Ideologie (so eine Studie aus dem Jahr 1968).
- Datum 17.06.2009 - 10:06 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10.06.2009 Nr. 25
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Mir fehlt hier Poppers Kritik am habermasschen Schwulst. http://www.zeit.de/1971/3...
Die Formulierung "kaltes Besteck der Wissenschaft" passt zu Habermas wie die Faust aufs Auge.
und ein Freund verständlicher Sprache bin, so deutlich fällt mir auch wieder bei dem von Ihnen genannten Text von Popper (bei dem nebenbei gesagt die Seiten 7 und 8 zweifelhaft sind) ein gewisses Defizit der Ordnung, manche würden es ein Theoriedefizit nennen, auf. Für mich ist dieses Defizit ein Defizit an Architektur, das Habermas aus meiner Sicht grandios gelöst hat. Das Habermas' sche Problem hat Popper jedoch ganz klar erkannt, die Umsetzng von Theorie in Praxis (ich bin u.a. gelernter Architekt) wird landläufig völlig unterschätzt, von Intellektuellen "feuilletonistischen Geblüts" möchte ich dabei fast völlig absehen, denn die sind ja, pauschal gesagt, nicht einmal zur Theorie befähigt. Meine besten Wünsche an Jürgen Habermas.
und ein Freund verständlicher Sprache bin, so deutlich fällt mir auch wieder bei dem von Ihnen genannten Text von Popper (bei dem nebenbei gesagt die Seiten 7 und 8 zweifelhaft sind) ein gewisses Defizit der Ordnung, manche würden es ein Theoriedefizit nennen, auf. Für mich ist dieses Defizit ein Defizit an Architektur, das Habermas aus meiner Sicht grandios gelöst hat. Das Habermas' sche Problem hat Popper jedoch ganz klar erkannt, die Umsetzng von Theorie in Praxis (ich bin u.a. gelernter Architekt) wird landläufig völlig unterschätzt, von Intellektuellen "feuilletonistischen Geblüts" möchte ich dabei fast völlig absehen, denn die sind ja, pauschal gesagt, nicht einmal zur Theorie befähigt. Meine besten Wünsche an Jürgen Habermas.
Sehr geehrter Jürgen Habermas
Es mag sehr wahrscheinlich das erst und einzige Mal sein, dass ich mich an Sie wende. Meine Frage. Wie sehen Sie heute Ihre Philosophie gegenüber Ihrer Kritik an Martin Heidegger? Als Rückkehr oder als weitere Entfernung?
Haben Sie Dank für eine Antwort
Felix Brunschwiler
Viel Wind um einen wenig bedeutsamen Denker des bronzenen Zeitalters der Philosophie!
Aber natürlich, auch die "Professorenphilosophie der Philosophieprofessoeren" (Schopenhauer) will leben...
Bei aller möglichen - auch kleinlichen - Kritik an HABERMAs :
Erst einmal: herzlichen Glückwunsch für den zumindestens herausfordernden, wenn nicht gar großen "Weltphilosophen", so jedenfalls die interkulturellen und internationalen Würdigungen in der Printausgabe der ZEIT.
Wir sollten doch froh sein, dass einige wenige Philosophen noch solche Aufmerksamkeit erlangen und sich nicht im Elfenbeinturm verkriechen.
Ansonsten nur noch der Hinweis, dass HABERMAS in dem ZEIT-Interview vom Dezember 2009 auf eine
zukunftsfähige »Weltinnenpolitik ohne Weltstaat« näher eingeht.
Zusammen mit dem Universalgelehrten Carl Friedrich von Weizsäcker war er Direktor des Starnberger Instituts:
http://www.zeit.de/2008/4...
genauer: http://www.zeit.de/2008/4...
... hörte ich im DLF einen köstlichen Beitrag zum Thema Habermas!
Des Kaisers neue Kleider - keine Hommage
Und als ich dann letzte / vorletzte Woche das Zeittitelblatt sah am Kiosk musste ich laut loslachen.
Ich Zitire aus der DLF Sendung nur ein dort gebrachtes Zitat von Schopenhauer:
"Um nun den Mangel an wirklichen Gedanken zu verbergen, machen manche sich einen imponierenden Apparat von langen, zusammengesetzten Worten, intrikaten Floskeln, unabsehbaren Perioden, neuen und unerhörten Ausdrücken, welches (...) einen möglichst schwierigen und gelehrt klingenden Jargon abgibt. Man empfängt keine Gedanken, fühlt seine Einsicht nicht vermehrt, sondern muss aufseufzen: 'Das Klappern der Mühle höre ich wohl, allein ich sehe das Mehl nicht."
Denke sich jeder seinen Teil - mir als Physiker (der auch immer mal wieder philosophisch interessiert war) bereitet das eine gewisse Genugtuung.
Wärmstens empfehlen möchte ich in diesem Zusammenhang auch ein Buch von Alan Sokal:
Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchen
und ein Freund verständlicher Sprache bin, so deutlich fällt mir auch wieder bei dem von Ihnen genannten Text von Popper (bei dem nebenbei gesagt die Seiten 7 und 8 zweifelhaft sind) ein gewisses Defizit der Ordnung, manche würden es ein Theoriedefizit nennen, auf. Für mich ist dieses Defizit ein Defizit an Architektur, das Habermas aus meiner Sicht grandios gelöst hat. Das Habermas' sche Problem hat Popper jedoch ganz klar erkannt, die Umsetzng von Theorie in Praxis (ich bin u.a. gelernter Architekt) wird landläufig völlig unterschätzt, von Intellektuellen "feuilletonistischen Geblüts" möchte ich dabei fast völlig absehen, denn die sind ja, pauschal gesagt, nicht einmal zur Theorie befähigt. Meine besten Wünsche an Jürgen Habermas.
Es ist ja geradezu rührselig, in welchen widerspruchsvollen Tönen ("gewaltig", "enorm") hier ein vermeintlich Wissender geehrt wird, dessen Werk absolut unverständlich und widersprüchlich ist. Wie kann sich ein Philosoph dazu aufschwingen, den Geist, und sei es auch nur den sehr reduzierten der Moderne, verteidigen zu wollen? Bedarf denn der moderne Geist überhaupt der Verteidigung, bedarf er nicht vielmehr der Rechtfertigung? Sobald Apologie betrieben wird, ist doch schon die Sache, umwillen deren sie entsteht, verloren. Um diese Kinderwahrheit weiß schon jeder Gymnasiast, der ein philosophisch-logisches Propädeutikum auch nur von ferne gesehen hat. Wie widersprüchlich muss ein philosophisches Werk erscheinen, das einerseits Apologie betreiben muss, andererseits die Niederlagen ihres Objektes der progressiven Moderne billigen soll.
Ich möchte den Gymnasiasten sehen, der unter seiner Schulbank eine Schrift von Habermas gelesen hat und und sie zugleich verstanden hat. Man kann ja auch, wie es heute meistens geschieht, einen Autor lesen, um ihn nicht zu verstehen. In diesem Sinne ist das Habermas'sche Werk allerdings gewaltig und dessen Wirkung riesig.
Um unsere „Anschlussfähigkeit“ als Bürger, gegenüber dem Staat wieder zu erlangen, sollte die Legislative, Judikative und Exekutive, durch eine „Kommunikative“ ergänzt werden, um so den formalen Rahmen für einen informellen, „herrschaftsfreien Diskurs“ zu schaffen.
Mit Hilfe von, unter notarieller Kontrolle stehender EDV-Institute, werden neben den Wahlentscheidungen für eine Partei, auch die Wähler selbst registriert und anonymisiert, (sodass ihre "Stimme" nicht mehr verloren geht).
Auch könnte dadurch, dem im GG zugesicherten "geheimen Wahlrecht", besser entsprochen werden, da über die "Wahlentscheidungen" der Nichtwähler, nicht mehr wie jetzt noch üblich, durch Abhaken der Wähler, offen Buch geführt werden könnte.
Durch die "Kommunikative" entstünden Möglichkeiten für eine Reihe neuer Formen der Beteiligungs-Kultur, wie z.B. dem des Kumulierens von Sachthemenstimmen.
Durch die Unterfraktionierung der Fraktionen, könnten die Wähler, sowohl die Fluktuation von Themen steuern, wie auch die von Politikern, die sich zu diesen zuvor positioniert haben.
Ferner sollten sich die Parteien zu ihren eigenen Pro- und Contra-Positionen regelmäßig das Feedback ihrer Wählerschaft geben lassen.
http://gattel-stiftung.de/de/047_waehler-dialog.html
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