Früher las man die Bücher von Jürgen Habermas heimlich unter der Schulbank und durfte sich vom Lehrer nicht erwischen lassen. Heute sind die Texte von Habermas Pflichtlektüre. Wer seine Schlüsselbegriffe nicht kennt, darf sich nicht dabei erwischen lassen, denn ihr Urheber ist schon zu Lebzeiten ein Klassiker und so berühmt, wie ein Philosophieprofessor nur werden kann. Das ist kein gutes Zeichen, weil für Klassiker gilt: Man kennt ihre Formeln. Aber ihr philosophisches Motiv, in dem das Herz der Gedanken schlägt – das hat man vergessen.

Bei Jürgen Habermas liegt das Grundmotiv seines Denkens offen zutage und ist für Leser doch schwer zu finden. Mal tarnt es sich im grauen Zwirn akademischer Sachlichkeit, mal verschwindet es unter turmhohen Begründungen. Aber von Anfang an, schon in den ersten Arbeiten des Studenten, ist es nicht zu übersehen. Das Motiv lautet, sehr vereinfacht, so: Wer auf die Geschichte der Menschheit zurückblickt, der sieht eine Litanei des Schreckens, eine empörende Geschichte von Gewalt und immer wieder Gewalt. Und doch – es gibt einen nicht zu leugnenden Fortschritt, es gibt, bei allen Rückschlägen, eine soziale »Evolution« und damit die Möglichkeit, Macht und Gewalt zu zivilisieren oder eines Tages vielleicht ganz abzuschaffen. Das Medium der Selbstzivilisierung ist die menschliche Sprache, denn jedem Sprechen wohnt ein Ziel inne, das »Telos der Verständigung«. Kommunikation unterbricht den Kriegszustand der Welt.

Wer in diesem Gedanken ein mächtiges idealistisches Erbe vermutet, der vermutet erst einmal richtig. Habermas, damals ein Student von Anfang zwanzig, war bei seiner Schelling-Lektüre auf einen großartigen, aber extrem spekulativen Gedanken gestoßen, der ihn noch heute, sechzig Jahre später, fasziniert. »Gott Vater«, schrieb Schelling, habe sich aus der Schöpfung zurückgezogen und den Menschen das Feld überlassen. Allerdings: Die mit Freiheit begabten Geschöpfe seien verpflichtet, den richtigen Gebrauch von ihrer Freiheit zu machen. Mithilfe ihrer Sprache müssten sie untereinander dasselbe Anerkennungsverhältnis herstellen, wie es Gott zu ihnen unterhalten habe, als er ihnen die Autonomie schenkte. Wer gegen diesen Bund mit Gott verstoße, der begehe erneut einen »Sündenfall«.

Habermas, der aus der Gedankenwelt von Heidegger und Gehlen kam, schrieb seine Doktorarbeit über Schelling und gab seiner Deutung eine verblüffende Wendung. Er schlug eine Brücke zu den Frühschriften von Karl Marx , weil ihm dessen Gesellschaftskritik die Möglichkeit gab, Schellings Rede vom Sündenfall ganz handgreiflich, ganz materialistisch zu verstehen. Ein Sündenfall ist es, wenn Machtverhältnisse über Sprachverhältnisse siegen – wenn die »Freigelassenen der Schöpfung« nicht die Verständigung wählen, sondern, wie so oft in der Geschichte, die Gewalt.

Nun sind Philosophen keine Belletristen, das heißt: Sie müssen die Motive, von denen sie »infiziert« sind, gründlich ausnüchtern, von spekulativen Schlacken reinigen und dem aufgeklärten Publikum in klaren Begriffen verständlich machen. Genau das erhob Habermas zu seinem Programm. Mit dem kalten Besteck der Wissenschaft wollte er nachweisen, dass die Sprache nicht bloß eine Waffe im babylonischen Bürgerkrieg der Gesellschaft ist, eine Maske der Macht. Seine Gegenformel lautete: Wer das Gewebe der Sprache nur lange genug gegen das Licht hält, wer ihre Gesetze nur inständig genug untersucht – der wird erkennen, dass darin eine Normativität, ein Anspruch auf Wahrheit eingebaut ist, den wir zwar missachten, aber nicht grundsätzlich aushebeln können. Mit Wörtern kann man lügen und Macht ausüben; doch eine Sprache, die vollständig auf Lug und Trug gebaut sei, die könne es nicht geben. »Noch in den pathologisch verzerrten Kommunikationen steckt der Stachel von Wahrheitsansprüchen.«

Man muss nicht lange rätseln, welche Sprengkraft eine über Schelling vermittelte, mit Marx angereicherte und den Mitteln der Linguistik ausgehärtete Kommunikationsphilosophie unter den theoriehungrigen Intellektuellen der sechziger Jahre entfaltete. Sie lasen Habermas genauso, wie er es gemeint hatte: als Forderung nach radikaler Demokratie und radikaler Kritik. Beschädigt ist die Demokratie dort, wo die »Öffentlichkeit« von Meinungsmonopolen beherrscht, von Lobbyisten manipuliert und von Politikern gegängelt wird. Und defekt sind Demokratien, die sich blindlings, ohne Willensbildung, dem Selbstlauf des Fortschritts überlassen, der Wissenschaft und Technik als Ideologie (so eine Studie aus dem Jahr 1968).