Zum 80. Geburtstag von Jürgen Habermas "Hier kennt ihn jedes Kind"

Ein Kollege, mit dem man denken und sogar übereinstimmen will: Cristina Lafont, Richard Sennett, Ronald Dworkin, Wang Hui, Kenichi Mishima und Ahmet Çiğdem über den Einfluss, den das Werk von Jürgen Habermas auf die philosophische Kultur ihrer Länder ausübt

Ronald Dworkin: »Ein moralisch zutiefst ernsthafter Mensch«

Jürgen Habermas ist nicht nur der berühmteste lebende Philosoph der Welt. Sein Ruhm selbst ist berühmt: Überall auf der Welt werden seine Werke zitiert, und man wartet begierig auf Neues von ihm. An der New York University haben wir ein Seminar eingerichtet, in dem jede Woche bekannte Professoren und Professorinnen ihre Sichtweisen erläutern und verteidigen. Wenn Jürgen Habermas uns besucht, müssen wir ins Auditorium maximum ausweichen und die Veranstaltung zusätzlich in einen weiteren Raum übertragen. Zu Recht, denn seine philosophische Leistung ist gewaltig: Er hat umfassende Theorien entwickelt, die das Adjektiv »habermasisch« zum Bestandteil des Arbeitsvokabulars eines jeden Philosophen gemacht haben. Gewiss, auch andere Philosophen haben Meilensteine hervorgebracht; aber niemand hat einen solch überragenden Einfluss auf die gesamte Disziplin erlangt wie Habermas, von seinem Einfluss auf die nichtphilosophische Welt ganz zu schweigen.

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Natürlich spielt es eine Rolle, dass er ein öffentlicher Intellektueller ist – im besten Sinn dieser so oft missbrauchten Bezeichnung. Habermas ist kein philosophischer Selbstdarsteller, er hat keine Phrasen und Schlagworte feilzubieten. Wenn er ein Thema in die Öffentlichkeit bringt, dann gelingt es ihm, die Diskussion sofort auf ein höheres philosophisches Niveau zu heben. Dennoch kann man das Ansehen, das Jürgen Habermas weltweit genießt, nicht erklären, ohne auf seinen Charakter zu sprechen zu kommen. Habermas ist ein moralisch zutiefst ernsthafter und in seinen Überzeugungen integrer Mensch. Sein standhaftes Eintreten für demokratische Prinzipien auch in einer Zeit, in der diese von vielen als »radikal« abgetan wurden, hat Studenten auf der ganzen Welt ermutigt, auch jene seiner Theorien zu lesen, die vielleicht nicht unmittelbar eingängig sind.

An all dies müssen wir denken, wenn wir seinen 80. Geburtstag feiern. Mir kommt aber noch etwas anderes in den Sinn. Ich denke nämlich an die Freuden, die er und seine wunderbare Frau Ute jedem bereiten, der das Glück hat, sie privat kennen zu lernen. Ich begegnete Jürgen Habermas das erste Mal, als er mich vor langer Zeit in sein Frankfurter Seminar einlud. Seine Studierenden und Juniorkollegen schienen starr vor Ehrfurcht, also war auch ich starr vor Ehrfurcht. Die Anspannung verging aber unter seinem ansteckenden Lachen. Ich gestehe: Ein Hauch der damaligen Panik flog mich wieder an, als ich Habermas und seine Frau zum Essen einlud und die Kochmütze aufsetzen musste. Dabei erfuhr ich, dass Habermas selbst ein versierter – zumindest hoch vergnügter – Koch ist; niemand kann eine Salatschleuder so enthusiastisch durch die Lüfte schwingen wie er. Seine Heiterkeit und sein Ernst sind keine isolierten Zustände derselben Person; das eine scheint stets im anderen durch. Ein zündender Funke von Witz ist in Habermas’ gesamter Philosophie zu spüren, und auch eine tiefe Einsicht in all seinen Witzen. Einen wie ihn gibt es nicht noch einmal.

Ronald Dworkin ist Professor für Rechtsphilosophie an der New York University School of Law

Kenichi Mishima: »Er trägt zu unserer Selbstaufklärung bei«

Wie liest man Habermas in Japan? Wie wird seine Theorie verstanden, die ja doch sehr auf den Erfahrungen westlicher Gesellschaften beruht? Erschwert der andere kulturelle Kontext die Lektüre von Habermas’ Theorie der Moderne? Im Prinzip gibt es keinen Unterschied, ob man Texte wie die von Jürgen Habermas in dem Land liest, in dem sie entstanden sind – oder ob man sich in einem fernen Land wie Japan mit ihnen abmüht. Stets aufmerksam verfolgt werden in Japan Habermas’ philosophisch-politische Essays, erst recht seine leidenschaftlichen Stellungnahmen zu zeitgenössischen Ereignissen. Ein Dauerbrenner unter Soziologen und Politologen ist Strukturwandel der Öffentlichkeit, obwohl die historischen Erfahrungen des Strukturwandels in beiden Ländern doch sehr unterschiedlich verlaufen sind. Habermas’ Überlegungen zum Völkerrecht sind inzwischen von bedeutenden Völkerrechtlern in Japan aufgenommen worden.

Leser-Kommentare
  1. Mich würde Interessieren, ob Habermas die menschliche Größe hatte, den menschlichen Konflikt mit seinem jüngeren Kontrahenten Sloterdjik seit 1999 zu befrieden( "Showdown der Hirsche auf der Lichtung des Denkens").
    Ich hatte damals den Eindruck, dass die Schärfe der Auseinandersetzung, die wohl hauptsächlich von Habermas kam, vor allem ein Ego-Problem war. 1983 hatte der junge Philosophie-Spund Sloterdijk ein Buch mit dem Titel 'Kritik der zynischen Vernunft" zu veröffetnlichen. War das jemand, der die Kant-Nachfolge antreten wollte? Gleich mit seinem ersten Buch? (Einem Bestseller übrigens) Das hat sich der berühmte Philosoph aus der Väter-Generation gut gemerkt und 16 Jahre später gnadenlos zurückgeschlagen. Vorwurf: Sloterdijk sei kein Humanist, sondern ein Super-Zyniker. Sloterdijk hat sich damals über die diskursiven Strategien des Super-Philosophen sehr gewundert. Hapert es auch bei Habermas mit der Praxis der vernunftgemäßen Diskurses, dann wenn es am notwendigsten wäre, wenn sein Ego betroffen ist. Jeder, der Sloterdjik auch nur ein bisschen kennt, weiss, dass er alles andere ist, als ein zynischer Menschenmanipulierer. Sloterdjik hat damals ein Tabuthema angesprochen, das in den Naturwissenschaften schon länger ein Problemfeld ist. Den Überbringer der schlechten Nachricht hinzurichten, entspricht nicht dem Niveau von Habermas. Er sollte sich zu seinem 80igsten selbst ein Geschenk machen und sich bei Sloterdjik entschuldigen (wenn er das nicht schon getan hat). Damit würde er sich auch menschlich von Steinmeier und Konsorten abheben. Hannah Arendt musste während ihrer Lebenszeit lernen, - und hat das sehr deutlich formuliert, dass die Intellektuellen, wenn es wirklich darauf ankommt, die unverlässlichsten Gefährten in schweren Zeiten sind. Wir alle sind auf dem Weg zu einem Humanismus. Das christliche Gebot der Feindesliebe ist auch nach zweitausend Jahre nicht mehr als ein frommer Wunsch und wird es bleiben, wenn nicht jeder zur Umsetzung seinen praktischen Beitrag leistet. Gespräche mit Ratzinger über die Wichtigkeit von Religion reichen hierzu nicht.

  2. 2. hä?

    wofür sollte sich habermas denn entschuldigen?? auch wenn man seine einwendungen gegen sloterdijks technokratisches 'menschenpark'-konzept nicht teilt, muss man doch der im emphatischen sinne vernünftigen kritik daran nicht ihre legitimität absprechen. tatsächlich erweist sich habermas' einspruch angesichts der epidemischen einwanderung naturwissenschaftlicher techno-pop-ideologien in das arbeitsfeld der geistes- und sozialwissenschaften rückblickend als vollkommen berechtigt.

  3. Wir haben ihnen, geehrter Philosoph, auch auf unserem Blog gratuliert, mit einem kleinen Tritt in Richtung Süddeutsche Zeitung. Das aber soll nicht von Ihren Verdiensten ablenken.

    Mit besten Grüßen

    suedwatch.de, der unabhängige Watchblog zur Süddeutschen

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