Jürgen Habermas zum 80. Der VorwärtsverteidigerSeite 3/3

Gewiss, auch die offenen Flanken seines Werks sind inzwischen überdeutlich. Schellings »ökologisches« Motiv, die Errettung der äußeren Natur, hat Habermas schlicht fallen gelassen, es scheint verschwunden. Dass er sich verstärkt für Religion interessiert, ist nach den Diskussionen mit dem Theologen Johann Baptist Metz und dem Philosophen Michael Theunissen zwar keine Überraschung; aber es zeigt doch, dass es in der Diskursethik »existenziell« blinde Stellen gibt. Wirklich schmerzhaft ist, dass Habermas’ Gesellschaftstheorie stark in ihren Begründungen, aber schwach in ihren Beschreibungen ist, und nicht zufällig fehlt es auf dem Feld der Zeitdiagnose, bei der Durchdringung kultureller Phänomene, an allen Ecken und Enden an Bündnisgenossen. Habermas reagiert nervös auf Denker, die er – wie Michel Foucault – als verkappte Gegenaufklärer empfindet, weshalb er deren Analysen eher aufwendig entschärft als produktiv nutzt.

Es stimmt, das reale »Projekt der Moderne« ist defensiv geworden, seine selbstzerstörerischen Tendenzen und Erschöpfungen sind nicht mehr zu übersehen. Möglich, dass die alten streitbaren und vitalen Demokratien in naher Zukunft einer abgelaufenen Epoche angehören und der große Kolonialherr, die weltweit tätige Ökonomie, die letzten nicht-monetarisierten Flecken der Lebenswelt erobert. Habermas ist darüber zum Vorwärtsverteidiger geworden. Die ermatteten Demokratien Europas, so glaubt er, würden sich erst dann regenerieren, wenn international, auf der Ebene der Weltgesellschaft, Druck aus dem Kessel genommen wird und die Nationen sich endlich in einer »Weltinnenpolitik ohne Weltstaat« über ihre Überlebensfragen, nun ja: verständigen.

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Zweifellos schiebt Habermas die Himmelsleiter der Abstraktion damit noch einmal höher hinaus. Und doch folgt er wieder nur seinem ältesten Motiv, der philosophischen Revolte gegen illegitime Macht und undurchschaute Gewalt. Arthur Schopenhauer, mit dem Habermas nichts, aber auch gar nichts zu schaffen hat, trifft den Nagel auf den Kopf. Eine Philosophie, in der nicht zwischen den Seiten das Elend der Welt herausschreit, ist keine.

 
Leser-Kommentare
  1. Mir fehlt hier Poppers Kritik am habermasschen Schwulst. http://www.zeit.de/1971/3...

    Die Formulierung "kaltes Besteck der Wissenschaft" passt zu Habermas wie die Faust aufs Auge.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • knuham
    • 18.06.2009 um 9:33 Uhr

    und ein Freund verständlicher Sprache bin, so deutlich fällt mir auch wieder bei dem von Ihnen genannten Text von Popper (bei dem nebenbei gesagt die Seiten 7 und 8 zweifelhaft sind) ein gewisses Defizit der Ordnung, manche würden es ein Theoriedefizit nennen, auf. Für mich ist dieses Defizit ein Defizit an Architektur, das Habermas aus meiner Sicht grandios gelöst hat. Das Habermas' sche Problem hat Popper jedoch ganz klar erkannt, die Umsetzng von Theorie in Praxis (ich bin u.a. gelernter Architekt) wird landläufig völlig unterschätzt, von Intellektuellen "feuilletonistischen Geblüts" möchte ich dabei fast völlig absehen, denn die sind ja, pauschal gesagt, nicht einmal zur Theorie befähigt. Meine besten Wünsche an Jürgen Habermas.

    • knuham
    • 18.06.2009 um 9:33 Uhr

    und ein Freund verständlicher Sprache bin, so deutlich fällt mir auch wieder bei dem von Ihnen genannten Text von Popper (bei dem nebenbei gesagt die Seiten 7 und 8 zweifelhaft sind) ein gewisses Defizit der Ordnung, manche würden es ein Theoriedefizit nennen, auf. Für mich ist dieses Defizit ein Defizit an Architektur, das Habermas aus meiner Sicht grandios gelöst hat. Das Habermas' sche Problem hat Popper jedoch ganz klar erkannt, die Umsetzng von Theorie in Praxis (ich bin u.a. gelernter Architekt) wird landläufig völlig unterschätzt, von Intellektuellen "feuilletonistischen Geblüts" möchte ich dabei fast völlig absehen, denn die sind ja, pauschal gesagt, nicht einmal zur Theorie befähigt. Meine besten Wünsche an Jürgen Habermas.

    • feel_X
    • 18.06.2009 um 1:27 Uhr
    2. Kritik

    Sehr geehrter Jürgen Habermas

    Es mag sehr wahrscheinlich das erst und einzige Mal sein, dass ich mich an Sie wende. Meine Frage. Wie sehen Sie heute Ihre Philosophie gegenüber Ihrer Kritik an Martin Heidegger? Als Rückkehr oder als weitere Entfernung?

    Haben Sie Dank für eine Antwort

    Felix Brunschwiler

  2. Viel Wind um einen wenig bedeutsamen Denker des bronzenen Zeitalters der Philosophie!

    Aber natürlich, auch die "Professorenphilosophie der Philosophieprofessoeren" (Schopenhauer) will leben...

  3. Bei aller möglichen - auch kleinlichen - Kritik an HABERMAs :

    Erst einmal: herzlichen Glückwunsch für den zumindestens herausfordernden, wenn nicht gar großen "Weltphilosophen", so jedenfalls die interkulturellen und internationalen Würdigungen in der Printausgabe der ZEIT.

    Wir sollten doch froh sein, dass einige wenige Philosophen noch solche Aufmerksamkeit erlangen und sich nicht im Elfenbeinturm verkriechen.

    Ansonsten nur noch der Hinweis, dass HABERMAS in dem ZEIT-Interview vom Dezember 2009 auf eine

    zukunftsfähige »Weltinnenpolitik ohne Weltstaat« näher eingeht.

    Zusammen mit dem Universalgelehrten Carl Friedrich von Weizsäcker war er Direktor des Starnberger Instituts:

    http://www.zeit.de/2008/4...

    genauer: http://www.zeit.de/2008/4...

    • Anonym
    • 18.06.2009 um 8:20 Uhr

    ... hörte ich im DLF einen köstlichen Beitrag zum Thema Habermas!
    Des Kaisers neue Kleider - keine Hommage

    Und als ich dann letzte / vorletzte Woche das Zeittitelblatt sah am Kiosk musste ich laut loslachen.

    Ich Zitire aus der DLF Sendung nur ein dort gebrachtes Zitat von Schopenhauer:
    "Um nun den Mangel an wirklichen Gedanken zu verbergen, machen manche sich einen imponierenden Apparat von langen, zusammengesetzten Worten, intrikaten Floskeln, unabsehbaren Perioden, neuen und unerhörten Ausdrücken, welches (...) einen möglichst schwierigen und gelehrt klingenden Jargon abgibt. Man empfängt keine Gedanken, fühlt seine Einsicht nicht vermehrt, sondern muss aufseufzen: 'Das Klappern der Mühle höre ich wohl, allein ich sehe das Mehl nicht."

    Denke sich jeder seinen Teil - mir als Physiker (der auch immer mal wieder philosophisch interessiert war) bereitet das eine gewisse Genugtuung.

    Wärmstens empfehlen möchte ich in diesem Zusammenhang auch ein Buch von Alan Sokal:
    Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchen

    • knuham
    • 18.06.2009 um 9:33 Uhr

    und ein Freund verständlicher Sprache bin, so deutlich fällt mir auch wieder bei dem von Ihnen genannten Text von Popper (bei dem nebenbei gesagt die Seiten 7 und 8 zweifelhaft sind) ein gewisses Defizit der Ordnung, manche würden es ein Theoriedefizit nennen, auf. Für mich ist dieses Defizit ein Defizit an Architektur, das Habermas aus meiner Sicht grandios gelöst hat. Das Habermas' sche Problem hat Popper jedoch ganz klar erkannt, die Umsetzng von Theorie in Praxis (ich bin u.a. gelernter Architekt) wird landläufig völlig unterschätzt, von Intellektuellen "feuilletonistischen Geblüts" möchte ich dabei fast völlig absehen, denn die sind ja, pauschal gesagt, nicht einmal zur Theorie befähigt. Meine besten Wünsche an Jürgen Habermas.

  4. Es ist ja geradezu rührselig, in welchen widerspruchsvollen Tönen ("gewaltig", "enorm") hier ein vermeintlich Wissender geehrt wird, dessen Werk absolut unverständlich und widersprüchlich ist. Wie kann sich ein Philosoph dazu aufschwingen, den Geist, und sei es auch nur den sehr reduzierten der Moderne, verteidigen zu wollen? Bedarf denn der moderne Geist überhaupt der Verteidigung, bedarf er nicht vielmehr der Rechtfertigung? Sobald Apologie betrieben wird, ist doch schon die Sache, umwillen deren sie entsteht, verloren. Um diese Kinderwahrheit weiß schon jeder Gymnasiast, der ein philosophisch-logisches Propädeutikum auch nur von ferne gesehen hat. Wie widersprüchlich muss ein philosophisches Werk erscheinen, das einerseits Apologie betreiben muss, andererseits die Niederlagen ihres Objektes der progressiven Moderne billigen soll.

    Ich möchte den Gymnasiasten sehen, der unter seiner Schulbank eine Schrift von Habermas gelesen hat und und sie zugleich verstanden hat. Man kann ja auch, wie es heute meistens geschieht, einen Autor lesen, um ihn nicht zu verstehen. In diesem Sinne ist das Habermas'sche Werk allerdings gewaltig und dessen Wirkung riesig.

  5. Um unsere „Anschlussfähigkeit“ als Bürger, gegenüber dem Staat wieder zu erlangen, sollte die Legislative, Judikative und Exekutive, durch eine „Kommunikative“ ergänzt werden, um so den formalen Rahmen für einen informellen, „herrschaftsfreien Diskurs“ zu schaffen.

    Mit Hilfe von, unter notarieller Kontrolle stehender EDV-Institute, werden neben den Wahlentscheidungen für eine Partei, auch die Wähler selbst registriert und anonymisiert, (sodass ihre "Stimme" nicht mehr verloren geht).

    Auch könnte dadurch, dem im GG zugesicherten "geheimen Wahlrecht", besser entsprochen werden, da über die "Wahlentscheidungen" der Nichtwähler, nicht mehr wie jetzt noch üblich, durch Abhaken der Wähler, offen Buch geführt werden könnte.

    Durch die "Kommunikative" entstünden Möglichkeiten für eine Reihe neuer Formen der Beteiligungs-Kultur, wie z.B. dem des Kumulierens von Sachthemenstimmen.
    Durch die Unterfraktionierung der Fraktionen, könnten die Wähler, sowohl die Fluktuation von Themen steuern, wie auch die von Politikern, die sich zu diesen zuvor positioniert haben.

    Ferner sollten sich die Parteien zu ihren eigenen Pro- und Contra-Positionen regelmäßig das Feedback ihrer Wählerschaft geben lassen.

    http://gattel-stiftung.de/de/047_waehler-dialog.html

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