Händels Opern heute Lauter Wahnsinnige auf Edelgas

Was haben uns die liebestollen, machtberauschten, exaltierten Helden aus Händels Opern 250 Jahre nach seinem Tod noch zu sagen? Eine Reise zu den wichtigsten Inszenierungen des Jubiläumsjahres

Es ist jedes Mal der gleiche wundersame Effekt: Man nimmt in einer Barockoper Platz, das Saallicht erlischt, und spätestens mit der ersten Arie erlebt man einen jähen Katapultschwung nach oben. Man wird hinaufgeschossen in eine erdenferne Welt und ist auf einmal umgeben von einer anderen Materie. Im Barockopern-Kosmos atmen die Sänger Edelgas, so silberhell und leuchtend klingen ihre Stimmen. Der Koloraturen-Höhenrausch ist für sie der Normalzustand. Gesiebtes Licht fällt aus dem Orchester auf die Szene. Die Figuren schimmern wie Quarz. Es dauert einen Moment, bis man sich an diese Künstlichkeit gewöhnt hat. Dann erst nimmt man wahr, wie viel Empfindsamkeit dem Artifiziellen innewohnt und wie lebensprall das vermeintlich Ätherische sein kann.

In dieser eigenwilligen Kunsthöhe trifft man nur Wahnsinnige. Den Armenierkönig Tiridate etwa, der aus heiterem Himmel seine Schwägerin begehrt und ausrastet: In seiner Liebestollwut nimmt er Geiseln, droht mit Hinrichtungen und ruft einen Krieg aus. Wenn er richtig in Rage ist, blitzen die Töne, die er hervorbringt, wie tausend kleine Messer. Oder die machtberauschte Agrippina: Ihr Hirn hat sich in Intrigensäure regelrecht aufgelöst, weil sie um jeden Preis ihren Sohn Nero auf dem römischen Kaiserthron platzieren will. Sie bringt es in ihren Arien fertig, im gleichen Augenblick zu schmeicheln und hohnzulachen, zartfühlend ihr Mutterherz pochen zu lassen und einen Mord in Auftrag zu geben. Man begegnet dem todesschleicherischen König Admeto, einem halluzinierenden Wachkomapatienten, der sich von zwei kämpferischen Frauen vormachen lassen muss, wie man das Leben, die Liebe und den Tod meistert. Oder man trifft den inzestuösen Tyrannen Oronte, der seine eigene Tochter zur Gattin machen will, weil er weiß, dass sie nicht von seinem Blut abstammt.

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Heillos überspannte Typen allesamt, die nicht dadurch normaler werden, dass sie sich am Ende auf höchst unglaubwürdige Weise einkriegen und einen versöhnlichen Schlusschor singen, als sei nichts gewesen. Es sind die Opernhelden des Georg Friedrich Händel. Aber was gehen uns diese Figuren an? Warum hören und sehen wir ihnen so gerne zu, wenn sie in ihren kruden Geschichten wie silberne Flipperkugeln zwischen den Gefühlsextremen hin und her schießen?

Vor zwanzig Jahren hat die jüngere Erfolgsgeschichte der Opern von Händel begonnen. 200 Jahre lang wollte niemand seine Bühnenwerke hören, man hielt sie für nicht mehr zeitgemäß. Aber am Ende des 20. Jahrhunderts kehrten sie mit ungeahntem Schwung auf die Bühnen zurück. Giulio Cesare und Alcina, Ariodante und Rinaldo avancierten zu neuen Lieblingsstücken der Abonnenten. An der Bayerischen Staatsoper in München oder in Zürich stellten sie sogar Mozart und Verdi in den Schatten. Der Händel-Opern-Boom wurde als postmodernes Phänomen wahrgenommen: Die Stücke waren herrlich offen für die Feier der Oberfläche und gestatteten fröhliche Ausflüge in die kreischbunte Welt des Pop. In ihrer geklitterten Form und der Lust am Momenthaften bildeten sie ein attraktives Gegenprogramm zum Opernrepertoire des 19. Jahrhunderts, das von den linearen Erzählstrukturen und dem großen Identifikationssog lebt. Bei Händel leiden die Helden zwar auch, aber nicht so romantisch an sich selbst. Außerdem korrespondierte das kleinteilig serielle Prinzip der Opera Seria, der strenge Wechsel von Rezitativ und Arie, auf verblüffende Weise mit den Wahrnehmungsmustern, die mit neuen Medien wie dem Internet einhergingen: Auch in der Barockoper poppen die Arien wie Fenster auf und schließen sich wieder, die Rezitative erscheinen wie unruhige Cursor-Suchbewegungen, bis die nächste gerahmte und verdichtete Sensation angeklickt ist.

Und wie ist es heute, im fortgeschrittenen Stadium des Booms? Die Bühnenausstatter reiben sich noch immer die Hände, wenn Händel auf dem Programm steht: Hier können sie sich austoben. Wer von einer Opernrundreise zu den wichtigsten Produktionen im Händel-Jubiläumsjahr zurückkehrt, kann gar nicht anders, als zuallererst von den spektakelnden Bildern zu erzählen.

Leser-Kommentare
  1. Der Artikel klingt mir ein bisschen zu reißerisch, auch wenn ich die Grundaussage (eher mäßige Inszenierungen, aber sehr gute musikalische Leistungen) gut nachvollziehen kann: Die Helden in Händels Opern sind nicht im heutigen Sinne "wahnsinnig", "liebestoll" etc., sondern Figuren im Welttheater, die stark stilisiert sind und keine wirkliche Psychologie haben - es sind Typen, die es in Realität nicht geben kann (und das wusste Händel auch!).
    Ihre Rezeption von Händel erscheint mir auch ansonsten eher nach der eines Popstückes zu klingen (was meinen Sie mit Höhenrausch? Die Gesangspartien können sie nicht meinen, die Gesangsparts Händels Opern liegen alle in moderater Höhe, man braucht kein Koloratursopran dafür zu sein! Oder meinen sie, die Musik bewirke wegen ihrer Grandiosität und Gefühlsintensität das Gefühl eines Höhenfluges? Haben Sie da Händels Opern vielleicht eher mit Verdi verwechselt? Barocke Musik drückt Gefühle intensiv, aber eher stiller und vielleicht auch etwas steifer aus, wie kommt man da zum Höhenrausch)
    Auf jeden Fall ist es interessant, wie unterschiedlich Musikstücke rezipiert werden können.
    laura123

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