Freizeit Auf- oder Abstieg?

Das Hollandrad ist zum Lifestyle-Objekt geworden. Zu Recht? Zwei Ansichten

auto-hollandrad

Fahren oder Stehenlassen? Die eine liebt ihr Hollandrad, der andere hasst es

Ich steige auf:

Die Pedale eines holländischen Fahrrads sind für mich die natürliche Verlängerung meiner Füße. So ist das, wenn man nahe der niederländischen Grenze aufgewachsen ist. Unmittelbar nachdem mein Vater meine Stützradphase offiziell für beendet erklärt hatte, saß ich auf meiner ersten Gazelle. Darauf fühlt man sich tatsächlich frei, leicht und springlebendig. Robuste Stahlfelgen überwinden klaglos jedes Hindernis. Durch den langen Radstand laufen Gazellen perfekt geradeaus, als fänden sie ihren Weg von selbst. Wenn sie nicht geklaut werden, bleiben sie ihrem Besitzer ein Leben lang treu.

Hollandrad? In den Niederlanden ist der Begriff nahezu unbekannt. Dort ist ein Fahrrad eine Fietse, und nostalgische Damen-Tourenräder heißen Omafietse. Omafietsen sind perfekte Stadtfietsen. Bei unseren Nachbarn ist es sogar erlaubt, Passagiere mitzunehmen. Der Gepäckträger einer Omafietse wird sich unter dieser Last gewiss nicht verbiegen.

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Seitdem die Omafietse zum Lifestyle-Objekt bestimmter städtischer, vor allem Berliner Milieus geworden ist, gibt es allerdings ein Missverständnis: Prenzlauer Hillbillys und Mitteschnitten erwarten, dass sie damit cool aussehen. Das widerspricht dem uneitlen Charakter dieses Rades. Aber Gazellen nehmen nicht einmal das übel. Mit dem Mantelschoner und dem Kettenkasten eignen sie sich auch für Business-Outfit, Minirock und Zehn-Zentimeter-Absätze. Man sitzt aufrecht und rückenfreundlich. Man überblickt alles und lässt sich nicht jagen. Das ist eine Frage der Haltung. Und für alle, denen auf dem Rückweg in ihr Fashion-Victim-Reservat die kleine Steigung an der Schönhauser Allee schon vorkommt wie L’Alpe d’Huez, gibt es Modelle mit elektronischer "Trittkraftunterstützung".
Margit Stoffels

Leser-Kommentare
  1. ... es wird ja niemand gezwungen mit einem Holland- oder anderem Fahrrad durch die Stadt zu fahren. Wenn man es aber tun möchte, würde ich zu einem Rad raten, das zum Fahrer paßt und modische Aspekte ein wenig nach Hinten verlagern.

    Da ich Rücktritt mag, keine aufwändige Gangschaltung benötige, auch gern mal mit Rock und Pumps fahre und mit einem Leichtgewicht meine Einkäufe in Anhänger oder Packtaschen nicht unterbringen könnte oder wollte, bleib ich bei meinem Hollandrad und meide den ÖPNV egal bei welchem Wetter. Mir hat diese Entscheidung auch ohne Funktionskleidung noch kein Kleid ruiniert und das wo ich täglich damit unterwegs bin... mach ich wohl irgendetwas anders und das schon seit Jahren?

  2. 2. Fiets

    Auch auf die Gefahr hin, besserwisserisch zu wirken: Ein Fahrrad ist auf niederländisch een fiets. Das was in Deutschland als Hollandrad bezeichnet wird, ist somit een omafiets. Der Plural ist tatsächlich fietsen, welcher wiederum identisch ist mit dem Verb.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Hagane
    • 10.06.2009 um 17:35 Uhr

    Wobei der Plural in der Aussprache schon wie "fietse" klingt, da im niederländischen das Schluss-"n" meistens stumm ist.
    Ein Hollandrad hat i.d.r. auch keinen Rücktritt, diese idiotische Art zu bremsen hat sich eigentlich nur in Deutschland durchgesetzt, normalerweise haben die alten omafietsen hier in NL trommelbremsen, die mit einem gestaenge betaetigt werden, oftmals auch vorder- und hinterbremse kombiniert (was in D verboten ist).

    • Hagane
    • 10.06.2009 um 17:35 Uhr

    Wobei der Plural in der Aussprache schon wie "fietse" klingt, da im niederländischen das Schluss-"n" meistens stumm ist.
    Ein Hollandrad hat i.d.r. auch keinen Rücktritt, diese idiotische Art zu bremsen hat sich eigentlich nur in Deutschland durchgesetzt, normalerweise haben die alten omafietsen hier in NL trommelbremsen, die mit einem gestaenge betaetigt werden, oftmals auch vorder- und hinterbremse kombiniert (was in D verboten ist).

    • Hagane
    • 10.06.2009 um 17:35 Uhr

    Wobei der Plural in der Aussprache schon wie "fietse" klingt, da im niederländischen das Schluss-"n" meistens stumm ist.
    Ein Hollandrad hat i.d.r. auch keinen Rücktritt, diese idiotische Art zu bremsen hat sich eigentlich nur in Deutschland durchgesetzt, normalerweise haben die alten omafietsen hier in NL trommelbremsen, die mit einem gestaenge betaetigt werden, oftmals auch vorder- und hinterbremse kombiniert (was in D verboten ist).

    Antwort auf "Fiets"
    • KMurx
    • 10.06.2009 um 19:27 Uhr
    4. Oje

    Kommt mir das nur so vor, oder wird da versucht eine Modeerscheinung wieder durch "Praktisch und bequem" zu begruenden?
    Jeder Fahradmechaniker wird gern ein leidlich modernes Rad mit Gepaecktraeger, Kettenschutz und - nachdem er fertig gelacht hat - Mantelschoner ausstatten. Und auch einfache Gepaecktraeger halten erfahrungsgemaess 70+ Kilo aus (auch wenn bloss 20kg draufsteht), gegen Aufpreis gibt's sicher auch stabilere.
    Wenn man ein bisschen mehr investieren kann, sollte man Nabendynamo und Nabenschaltung (Notiz: 5 Gaenge reichen - haeufiges Schalten ist eh dem Vortrieb abtraeglich) installieren lassen.

    Schon hat man ein Rad, das praktisch Wartungsfrei ist, vielleicht 15 kg wiegt und bei anstaendiger Pflege 20+ Jahre haelt.
    Aber man ist natuerlich nicht "alternativ", sondern nur vernuenftig.

    • carol
    • 10.06.2009 um 20:20 Uhr

    "ich steige ab" ist genau das was ich jedesmal denke, wenn ich ein halbzentner rad sehe.
    __________________________________________________
    Christdemokraten: Für Alles zu haben, zu Nichts zu gebrauchen.

    • Quint
    • 10.06.2009 um 20:52 Uhr

    Ich glaube, ich lese nicht richtig. Mein Gebrauchsrad ist zwar auch holland-imitiert, doch sehen coole Fahrräder heute etwas anders aus. Die ganz coolen sind z. Z. Oldtimer mit alten Lampen, Rücklichtern, Bremsen (natürlich mit Rücktritt), diesen komischen alten geschwungenen Lenkern und gerne im Rost-Look und locker 40-50 Jahre alt.

  3. Gazelle ist nicht Gazelle und die Niederlande ist nicht überall flach.

    Als Aachener wohne ich nur wenige Kilometer vom Dreiländerpunkt (Deutschland, Holland, Belgien) entfernt und das ist mit knapp über 300 Metern gleichzeitig der höchste Punkt der Niederlande. Die Gegend ist ziemlich Hügelig und Hollandräder sind nicht angesagt.

    Mein Fahrradhändler verbaute früher besonders gerne Rennrad-Rahmen von Gazelle. Damals waren hochwertige dünnwandige Stahlrahmen (hier mit Reynolds 531-Rohren) das Maß der Dinge. Gut ausgestattet kostete so ein Rad damals einige Tausend Mark. Dafür fährt es aber jetzt noch und dient mir seit dem Kauf eines moderneren Rennrads als Alltagsrad.

    Gegenüber einem Hollandrad hat so ein Rad praktisch nur Vorteile. Es geht ab wie sau. Es wiegt weniger als 11 Kilo und erlaubt damit legal die Nutzung einer Batteriebeleuchtung (heller und zuverlässiger als die meisten Dynamolichter). Die vorgebeugte Sitzposition sieht nur unbequem aus, ist es aber nicht. Schaltung, Bremsen und die restliche Technik lassen einen praktisch nie im Stich.

    Qualität lohnt sich.

    Wenn man noch nie auf einem wirklich guten Rad gesessen hat, mit der richtigen Sitzposition, einem steifen Rahmen, guten Lagern und richtigen Pedalen, kann man sich gar nicht vorstellen, wie viel besser die Kraft, die man ins Pedal steckt auf die Strasse übertragen werden kann. Auf der ersten Fahrt hatte ich immer das Gefühl, da schiebt einer.

    • Yadgar
    • 11.06.2009 um 0:05 Uhr

    ...dass hier bis jetzt noch niemand mit "Hollandrad" den klassischen Ökofreak der frühen 1980er Jahre assoziiert hat: blonde Hippiematte, Fusselbart, Norwegerpulli und der absolut unvermeidliche Atomkraft-nein-danke-Aufkleber (gerne auch die weiße Friedenstaube auf blauem Grund oder das Sonnenblumen-Logo der damals gerade erst gegründeten Grünen) auf dem Rockschoner... ist das alles schon so lange her?

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  • Quelle DIE ZEIT, 10.06.2009 Nr. 25
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  • Schlagworte Freizeit | Oder | Niederlande | Berlin
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