Der Mond steigt über den Horizont, drall und gelb wie ein Lampion. Doch es wird und wird nicht dunkel, die Sonne weigert sich, das Feld zu räumen – Mittsommernacht unweit des Polarkreises. An der Einfahrt zur Hudsonstraße, der Verbindung zwischen Atlantik und dem Binnenmeer der Hudson Bay, dümpelt eine Armada aus Eisschollen. Wie die Trümmer einer Katastrophe treiben sie dem Atlantik entgegen. Wir aber, die rund hundert Passagiere eines marineblauen Kreuzfahrtschiffes namens Lyubov Orlova, wollen dorthin, wo sie herkommen: ins Reich der Kälte, Kanadas arktischen Archipel.

Die autonome Region Nunavik, das nördliche Drittel der Provinz Québec, stellt einen aparten Sonderfall dar: eine Arktis, die Französisch spricht. Die nicht von Trappern, sondern von Voyageuren durchstreift wurde, deren Ureinwohner schon im Kindergarten Französisch lernen und deren Landkarten Flurnamen verzeichnen wie »Rivière aux Feuilles« (Fluss der Blätter) und »Lac des Loups« (See der Wölfe). Mit halber Kraft pflügt die Lyubov Orlova durch den Irrgarten aus Eisschollen. Manche flach wie Flöße, andere aberwitzig aufgetakelt, mit Zacken, Knollen, Höhlen. Rasch ziehen sie längsseits vorbei und schaukeln dann mit schmatzendem Geräusch im Kielwasser auf und nieder. Ein Hauch von Kälte begleitet sie.

Sie driften in Richtung Kuujjuaq, zum Ausgangspunkt unserer achttägigen Kreuzfahrt. Mit gut 2000 Einwohnern die Metropole von Nunavik, drei Flugstunden von Montréal. Ein Kongresszentrum für 500 Besucher zeugt dort vom, nun ja, sagen wir, vom Optimismus der Regionalregierung. Denn wie alle Siedlungen von Nunavik ist auch Kuujjuaq nur aus der Luft oder per Schiff zu erreichen.

Insgesamt leben 11000 Menschen in diesem Territorium, das fast so groß wie Frankreich ist. Die Autonomie hat eine überdimensionierte Verwaltung und eine bedenkliche Versorgungsmentalität entstehen lassen, aber auch bemerkenswerte Karrieren. Wie die von George Berthe, einem umgänglichen Geschäftsmann und Inuit-Funktionär, der uns gestern bei der Einschiffung begrüßte. Berthe, Mitte 30, sitzt im Vorstand jenes Mischkonzerns, der die Subventionen und Konzessionen für die Inuit produktiv machen soll. Dazu gehören Baufirmen, Fischfabriken, zwei Fluglinien und seit Kurzem eine Kreuzfahrtreederei: Cruise North Expeditions. Die chartert alljährlich von Juni bis September das eisgängige russische Schiff Lyubov Orlova, benannt nach einer Filmdiva aus der Stalinzeit. »Wir wurden auch früher gelegentlich bei Kreuzfahrten angelaufen«, berichtete Berthe. »Doch davon hatten wir so gut wie nichts. Cruise North dagegen gehört uns, wir können die Landgänge mitgestalten, und etliche unserer Leute arbeiten an Bord.«

Seitdem können zahlungskräftige Passagiere bequem in eine der unzugänglichsten Regionen der Erde vorstoßen. Unser Törn in die Hudson Bay ist Teil einer minutiös organisierten Reise, die von Neufundland bis in die Hocharktis führt. Eine Kreuzfahrt ohne Häfen, ohne Bustouren und ohne Souvenirläden. Sie läuft nach dem Vorbild der Antarktisfahrten ab, mit Exkursionen in Schlauchbooten, geführten Landgängen und naturkundlichen Vorträgen an Bord. Wobei die Arktis keine Pinguine zu bieten hat. Dafür erklingen bisweilen böhmische Blasmusik und schlesischer Zungenschlag. Denn in Kuujjuaq und im benachbarten Labrador gibt es seit gut 200 Jahren eine Mission der Herrnhuter Brüdergemeinde aus der Oberlausitz. Und wir dachten, wir hätten das Ende der Welt erreicht!

Die Besatzung der Lyubov Orlova stammt aus Russland, die Passagiere kommen aus Europa und den USA, vielfach auch aus Kanada. Für sie stellt der Norden eine Terra incognita dar. Bis in die fünfziger Jahre, schrieb Margaret Atwood einmal, »kannten auch Kanadier Eskimos nur aus der Eiskremwerbung«. Und erst in letzter Zeit wurde damit begonnen, das arktische Amerika touristisch zu erschließen.

Die Küste ist anfangs noch schütter mit Nadelbäumchen bestanden. Die erste Insel aber, die wir anlaufen, wirkt dann schon so kahl und schroff, wie auch ihr Name klingt: Akpatok. Vorsorglich ziehen wir Gummistiefel an, hängen uns die zusammengerollten Rettungswesten wie Stolas um den Hals und steigen über die Gangway in die Schlauchboote. Eng wie Papageientaucher hocken wir auf dem prallen Wulst, das Boot braust los, es schwappt und spritzt ein bisschen, und Akpatok rückt näher.

In der Landungsbucht hat ein Spähtrupp bereits Posten bezogen, bewaffnet mit Ferngläsern und Gewehren. Büchsenkaliber 3.38, damit schießt man sonst Elefanten. Er hält Ausschau nach jenen legendären Wesen, denen zu begegnen alle zugleich fürchten und ersehnen: Eisbären.

Ein Trittsiegel prangt im Uferschlamm, groß wie eine Yetitatze. Sie sind also hier. Rundum ruhen riesige Eisbrocken auf dem Kieselstrand, so fantastisch geformt, als hätte Henry Moore auf Eisskulpturen umgesattelt. Die letzte Sturmflut hat sie hier deponiert, die nächste wird sie wieder fortschwemmen. Sofern dann noch etwas von ihnen übrig ist. Denn seit Tagen hat es um die 18 Grad. Plus, wohlgemerkt. Die Arktisnovizen schälen sich aus ihrer Thermokleidung. Auf Blizzards haben sie sich vorbereitet, auf eine Hitzewelle nicht. Normal wären im Juni vielleicht 13 Grad. Die Erderwärmung kommt auf Touren. Schon in Kuujjuaq war, gleich einem Menetekel, von Überraschungsgästen zu hören: Rotkehlchen in der Arktis! Eigentlich endet deren Verbreitungsgebiet tausend Kilometer weiter südlich.