DIE ZEIT: Vor fast vier Jahrzehnten hat der Club of Rome mit seiner Studie über die Grenzen des Wachstums weltweit für Furore gesorgt. Jetzt schrumpft die Wirtschaft. Empfinden Sie Genugtuung?

Max Schön: (lacht) Das hätten Sie wohl gerne. Im Ernst: Die Autoren des Buches haben damals nicht einfach behauptet, dass Wirtschaftswachstum an Grenzen stößt. Die These war, dass ein rein mengenorientiertes Wachstum nicht ewig fortgesetzt werden kann – es kommt dann irgendwann relativ plötzlich zum Kollaps. Es werden Kipppunkte erreicht, an denen das Wachstum ins Gegenteil umschlägt. Denken Sie an den Ölverbrauch, an die Ausplünderung mineralischer Rohstoffe oder auch an den Ausstoß von Klimagasen als Folge des Verbrauchs fossiler Energien. Da sind die Grenzen gefährlich nahe gerückt.

ZEIT: Also gibt es sie doch, die Grenzen des Wachstums.

Schön: Langsam, ich habe vom Wachstum des Gütersektors geredet, vom quantitativen Wachstum. Das stößt an Grenzen. Qualitativ kann die Wirtschaft ohne Ende wachsen. Wir können immer neue Dienstleistungen erfinden, Musik machen, uns bilden – da sehe ich überhaupt keine Wachstumsgrenzen.

ZEIT: Über qualitatives Wachstum wird seit Langem geredet, der Dienstleistungssektor ist ausgeweitet worden. Gleichwohl sind Ressourcenbeanspruchung und Umweltzerstörung stets größer geworden. Die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise dagegen verschafft dem Planeten und der Menschheit immerhin eine Verschnaufpause. Der Rohstoffverbrauch sinkt, die Klimalast nimmt ab. So gesehehen, hat die Krise doch auch ihr Gutes, oder?

Schön: Sie hätten recht, wenn wir etwas aus der Lage machen würden. Aber was tun wir? Wir erhöhen die Verschuldung und versuchen, die Konjunktur mit einer Abwrackprämie für ölgetriebene Autos anzukurbeln – nach der Devise: mehr vom Alten. Dieses Reaktionsmuster ist zwar klassisch und verständlich, aber es bringt uns dem Abgrund nur näher.

ZEIT: Immerhin sind 13 Prozent des deutschen Konjunkturprogramms…

Schön: …grün, wollen Sie mir das ernsthaft entgegenhalten? 87 Prozent des Stimuluspakets sind demnach ungrün. Ökologisch inspiriert ist die Krisenbekämpfungspolitik der deutschen Regierung wirklich nicht. Wir sollten aber auch nicht der Illusion erliegen, dass mehr vermeintlich grüner Beton, Stahl oder Dämmstoff einen Weg aus der Wachstumsfalle weist: Selbst wenn wir mit Staatsmitteln nun die Schulen energieeffizienter machten, stießen wir bald an die Wachstumsgrenzen. Worauf es ankommt sind Verhaltensänderungen…

ZEIT: Genügsamkeit? Nach der Devise: Weniger ist mehr?

Schön: Auch. Ich gebe allerdings zu, dass bisher die meisten Menschen anders empfinden, nämlich so: Weniger ist schwer! Vor allem geht es darum, dass die Menschen anderes nachfragen: Dienste, Erlebnisse, regenerative Energien.

ZEIT: Menschen am Rande des Existenzminimums können schwer verzichten und auch schwer ihren Konsum umstellen.

Schön: Einverstanden. Aber die Wohlhabenderen ändern ihr Verhalten ebenfalls nicht – auch, weil unser Bildungssystem sie dazu nicht befähigt hat.