Dreadlocks, ein blasses, durchsichtiges Gesicht, ein Tuch in den Haaren, als würde ihr der Berliner Fasanenstraßen-Wind die Locken zerzausen, staunende, freundliche Augen, eine reife Frau, ein junges Mädchen, beides zugleich und keines wirklich. Olga Tokarczuk ist jemand, den man leicht mit jemand anderem verwechseln kann. In Polen ist sie berühmt. Wisława Szymborska, Magdalena Tulli, Olga Tokarczuk, so könnte man die polnische Literatur in matriarchalischer Linie buchstabieren. Wir treffen uns in »the Literaturhauses Coffeeshop«, so stand es in den Mails, die wir zwischen Holland und Hamburg gewechselt haben. Denn seitdem Olga Tokarczuk eine der erfolgreichsten Autorinnen Polens geworden ist, müssen ihr altes Bauernhaus und ihr Garten ohne sie auskommen. Das ist vorbei. Wer es nicht glaubt, betrachte ihre Wanderschuhe.

Vor neun Jahren erschien ihr erstes Buch in Deutschland. Es hieß Ur und suchte nach einer fabulösen Ursprünglichkeit des Erzählens. Damals lebte sie noch in dem weltverlorenen Landhaus, wo sie die verzückten westlichen Reporter mit Kräutertee in Steinguttassen bewirtete. Das war ein romantisches Paradox: Polen drängte in die Europäische Union, und die beiden berühmtesten Nachwuchsautoren der polnischen Literatur, Olga Tokarczuk und Andrzej Stasiuk, zogen sich in die Wildnis zurück. Andrzej Stasiuk in sein Karpatendorf jenseits von Dukla (so heißt auch sein bester Roman) und Olga Tokarczuk in ein Dorf im schlesischen Eulengebirge. Ihre Romane faszinierten durch einen poetischen Mystizismus, der in das Deutschland der Popliteratur und des Neorealismus einfiel wie ein Dschungeltiger in den Streichelzoo. Stasiuks Magie bestand in einer rabaukenhaften, irgendwie alkoholabhängigen Lichtmetaphysik, die seine Kleinhäuslerwelt auffahren ließ in den Olymp der literarischen Meisterwerke. Olga Tokarczuk ließ Tote und Engel aus vielen Zeiten und vielen Kriegen in gespenstischen Geistermärschen durchs Dorf ziehen. Ein bisschen Chagall, ein bisschen Janosch und viel polnischer Wunderglaube waren in diesen Romanen.

Das Bild von den weltabgewandten polnischen Dorfpoeten war fertig. Aber es ist falsch. Andrzej Stasiuk reist seit Jahren auf der Suche nach Geschichten aus der unbegradigten Welt kreuz und quer durch Osteuropa. Und Olga Tokarczuk ist mit Rucksack und Notizbuch durch China und Neuseeland, Syrien und Ägypten, nach Singapur und Malaysien gereist. So lange war sie eingeschlossen. Mausearm sei sie 1990 gewesen. Jetzt, mit 47 Jahren, holt sie nach, was der Westen schon hinter sich hat. Das Unterwegsgefühl, die Nächte im Straßengraben, die Sehnsucht nach einer weniger akkurat gebügelten Existenz. Das Reisen, sagt sie, sei kein Vergnügen. Das sei eine metaphysische Suche.

Ob sie auf ihren Reisen nicht bemerkt habe, dass die Welt inzwischen flach sei? Dass auf der ganzen Welt eine Ähnlichkeitsdiktatur herrsche? Das hätten amerikanische Soziologen festgestellt. Wozu dann noch die Mühen des Reisens auf sich nehmen, wenn neuerdings alles gleich aussehe?

Nein, das könne sie nicht bestätigen. Ihr Problem sei ein umgekehrtes: Die Welt sei so reich. Auf Reisen wisse man gar nicht, wohin mit der Übermacht der Erfahrungen. Kleinigkeiten könnten einen aus der Fassung bringen. Über schlafende Hunde in asiatischen Schreinen habe sie viele Tränen vergossen.

Ob ihr unterwegs nie etwas zugestoßen sei?

Nein, sagt sie, die Welt sei, allen anders lautenden Berichten zum Trotz, ein sicherer Ort. Besonders für eine Frau über vierzig, die von niemanden mehr wahrgenommen wird, die für niemanden mehr in Betracht kommt. Geschützt durch diese Unsichtbarkeit könne die ältere Frau ungestört die Welt betrachten.