Eine weiße Fläche, darauf bunte Flecken, bemalte Papierschnipsel, unregelmäßig ausgeschnitten. Das sind Töne. Sie kommen aus einer Geige. Man könnte sich das Bilderbuch hinstellen und diese Töne spielen, diese Farbfetzen. Oder singen. Oder man schaut sie an und blättert weiter. Da werden Bögen und Sicheln aus ihnen oder Obstschnitten, je nach Appetit. Dann Mond und Sonne. Dann wird die Mondsichel zum Schiff, Fische erscheinen, sagenhaft, was aus so einer Geige kommt. Eric Carle wusste um 1970 vielleicht selbst nicht, dass er in seinem Bilderbuch I see a song (Ich hab die Geige klingen sehn) auf der Höhe der Musikavantgarde war, die so etwas "grafische Notation" nannte. Die Seiten des Kinderbuchzauberers, der jetzt 80 wird, leuchten noch immer so klangvoll, dass man Lust bekommt, dafür Töne zu finden, egal, wo. Vielleicht könnte man die orangefarbene Sonne auf einem Holzbrett spielen?

Carles Klassiker ist jetzt frisch aufgelegt worden. Wer ihn neben andere neue Musikbücher für Kinder legt, könnte meinen, sein Werk sei das jüngste. Da gibt es ein Bilderbuch über Joseph Haydn, dessen Tonfall in onkelhafter Verschmitztheit Nähe herstellen soll. "›Hui, gerade noch entkommen!‹, seufzte Sepperl und lutschte zufrieden an einem gestohlenen Stück Zucker." Es wäre für Kinder schon interessant zu erfahren, warum Haydn keinen Schokoriegel nahm, sondern Zucker klaute oder wie lange eine Postkutsche von Eisenstadt nach Wien brauchte. Und wie sieht eine Komposition aus? Wie entsteht sie? Warum blieb Haydns Musik "bis heute sehr lebendig"?

Lieber hält man sich an die Illustrationen von Winfried Opgenoorth. Als haushohe Riesin in liebevoll gezeichneter Robe steht etwa Kaiserin Maria Theresia vor ihrem in Bau befindlichen Schloss Schönbrunn, an dessen Gerüst jede Planke, jedes Seil zu erkennen ist. Ob man Haydn bei der Hasenjagd in Esterhaza oder auf dem roten Teppich in London sieht – der Zeichner öffnet mit Witz, sorgsamen Details, mit surrealen Verzerrungen einen anregenden Raum, durch den der Text von Sigrid Laube als süßliches Rinnsal plätschert. Verschenkt wurde die Chance, das Buch genauer auf die beiliegende CD abzustimmen. Solche Trackverweise liefert immerhin ein weiteres Musikbilderbuch aus demselben Verlag. Es heißt Aschenputtel und erzählt Rossinis Oper La Cenerentola .

Rossini weilt mit seinem Librettisten im Haus eines Theaterdirektors, man speist und trinkt und ringt um eine neue Oper. Da bringt das kleine Hausmädchen Luisa die Herren auf eine Idee. Aus Luisas Sicht ist alles erzählt, von Rossinis Ankunft bis zur Uraufführung, der Stil ist klar und flott, aber was zum Libretto gehört und was zum Drumherum, ist für Opernnovizen nur mühsam zu entwirren. Allemal ist Rudolf Herfurtners Text vielschichtiger, als die braven Aquarelle von Anette Bley es sind. Wie es anders geht, das zeigt die Oper Oslo mit Bilderbüchern, etwa zum Barbier von Sevilla. Pralle, freche Cartoons, klarer Aufbau, breites Spektrum: Es reicht bis zu Basteltipps für Pappnasen und Rossinis Lieblingsrezepten, und was auf der CD zu hören ist, wird Stück für Stück knapp und genau erklärt.

Es gibt natürlich seit Längerem wunderbare Bücher, die ins Labyrinth eines Opernhauses führen, wie Zauberbühne Oper von Dorothee Kreusch-Jacob (leider vergriffen) und In der Oper von Andrea Hoyer (Musikverlag Schott). Und es gibt jetzt den Versuch, zehn Opern so nachzuerzählen, dass man (ohne CD) ein bisschen was über die Musik und mehr noch über die Handlung erfährt. Drachentod und Zauberflöte heißt das Buch von Christoph Schmitz, der zu Händels Giulio Cesare erklärt: "Auf der Bühne sieht man Wüstensand und Palmen…" Es ist ihm nicht vorzuwerfen, dass man in Deutschland auf den wenigsten Bühnen noch Palmen sieht und dass Fafner in Wagners Siegfried in den seltensten Fällen einem Saurier ähnelt. Den allerdings malt Illustratorin Gerda Raidt so schön glasäugig, dass das Klischee wieder durchscheinend wird.

Könnte sich ein Autor vor jungem Publikum nicht wenigstens ein bisschen von den Fragen anregen lassen, mit denen das Regietheater die Gattung aus dem Muff geholt hat? Muss Carmen wie vor 50 Jahren die "Zigeunerin mit schwarzem Haar und dunklen Augen" sein? Jedes Kind, das einen Tisch zum Schiff macht und ein Kabel zur Schlange, ist offener als diese Opernästhetik à la Heidenreich, in der das Theater ein Illusionsgehege bleibt: "So spielt die Welt. Der Vorhang fällt." Mit diesem Refrain zwinkert Schmitz nach jedem Stück den Erwachsenen zu, die ihren Kindern vielleicht auch erklären können, wie "Tubenstampfer" und "knackige Tupfer" im Orchester klingen. Es ist eben nicht leicht, ein altes Thema neu zu sehen. Eric Carle hat dazu einen Tipp. Auf seiner Website empfiehlt er, einen Rahmen aus Pappe zu schneiden, damit herumzulaufen und die Welt zu begucken, Blätter oder Wolken oder den Fußboden. Einfach neu schauen, wie ein Kind.