ZEITmagazin: Elke Heidenreich hat über Sie mal geschrieben, Sie seien wie der Eiserne Heinrich aus dem Märchen, der drei Ringe um sein Herz gelegt hat, damit es nicht zerspringt. Ein Panzer gegen die Gefühle – Herr Lauda, hält er immer noch?

Niki Lauda: Anscheinend bricht da gerade was. Vor Kurzem ist mein Schwiegervater gestorben. Ich wollte bei der Trauerfeier ein paar Worte sprechen und merkte plötzlich, ich konnte nicht, ich hatte einen Kloß im Hals. Das ist mir in letzter Zeit häufiger aufgefallen. Es sind auf einmal Gefühle da, von denen ich gar keine Ahnung hatte, dass ich sie habe.

ZEITmagazin: Schlimm?

Lauda: Nein, gar nicht. Ich trete anscheinend in eine neue emotionale Lebensphase. Ich bin sehr gespannt.

ZEITmagazin: Kamen bei der Beerdigung Ihres Schwiegervaters Erinnerungen an den Tod Ihres Vaters hoch, der Ende der siebziger Jahre gestorben ist?

Lauda: Nein. Da steckte ich tief drin in der Formel-1-Welt, damals habe ich nichts an mich herankommen lassen. Ich lebte wie in einem Tunnel.

ZEITmagazin: Blenden wir zurück in diese Zeit, zu Ihrem finstersten Moment: Am 1. August1976 sind Sie mit Ihrem Rennwagen auf dem Nürburgring schwer verunglückt. Ihr Auto fing Feuer, mit schweren Brandverletzungen und verätzter Lunge wurden Sie in eine Spezialklinik nach Ludwigshafen geflogen. Sie erhielten die Letzte Ölung – können Sie sich noch an den Augenblick erinnern, als der Priester an Ihr Krankenbett trat?

Lauda: Obwohl meine Augen damals verbunden waren, ist es einer der wenigen Momente, an die ich mich sehr gut erinnern kann. Ich lag auf der Intensivstation, schwer gepeinigt durch die Schmerzen, als mich die Krankenschwester fragte, ob ich mir die Letzte Ölung wünsche. Ich habe kurz überlegt und mir gedacht, schaden kann mir das nicht. Also habe ich genickt und darauf gewartet, was passiert.

ZEITmagazin: Sie waren bereit zu einem Gebet?

Lauda: Vielleicht. Aber es passierte nichts, ich merkte nur, wie jemand meine Schulter berührte. Ich dachte zunächst, dass es die Krankenschwester gewesen sei, die mit neuen Schläuchen an mein Bett getreten war. Aber sonst passierte nichts. Langsam reimte ich mir zusammen, dass der Priester schon die ganze Zeit bei mir gestanden hatte und dass er mir ohne ein Wort mit dem Finger die Letzte Ölung auf die Schulter gegeben hatte.

ZEITmagazin: Vermutlich dachte er, Sie seien gar nicht mehr ansprechbar.

Lauda: Aber wie kann das sein? Ich erwartete, dass da jemand kommt, mit mir redet, mich auch tröstet, dass der liebe Gott hilft, dass es wieder bergauf gehen wird. Und dann so etwas. Stillschweigend ist er raus aus dem Zimmer – das hat mich natürlich närrisch gemacht.

ZEITmagazin: Wie äußerte sich das?

Lauda: Ich spürte eine riesige Wut und dachte: Jetzt erst recht, ich lasse mich nicht hängen, ich gebe mich nicht auf!

ZEITmagazin: Sind Ihnen sonst Gebete fremd?

Lauda: Nicht ganz. Damals, nach diesem Unfall am Nürburgring, habe ich schon gedacht: Lieber Gott, wenn du wirklich da oben bist, dann hilf mir jetzt ein bisschen. Ja, solche Gebete habe ich schon gesprochen.

ZEITmagazin: Sie haben überlebt – welchen Schluss haben Sie daraus gezogen?

Lauda: Jedenfalls habe ich später nie darum gebetet, ein Rennen zu gewinnen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man sonntags in die Kirche geht, seine Sünden beichtet und dann alles wieder gut ist. So einfach funktioniert das nicht. Wenn ich beichte, befreit mich das nicht von den Blödheiten, die ich gemacht habe. Jeder muss seine Schwierigkeiten selber lösen.

ZEITmagazin: Als Sie damals in dem brennenden Rennwagen saßen, war Ihr Fahrerkollege Arturo Merzario derjenige, der anhielt und Sie aus dem Auto zog…

Lauda: …diese Rettung war gar nicht so einfach, wie er mir später erzählte, weil er das Schloss meines Sicherheitsgurtes zunächst nicht öffnen konnte. Als er mich dann in den Händen hatte, sei ich allerdings leicht wie eine Feder gewesen. Hat mich schon beeindruckt. Dieser kleine, dünne Merzario geht an dieses Feuerauto heran und entwickelt ungeahnte Kräfte…