Das falsche Knie operiert, die Tuchklemme im Bauch eines Patienten vergessen, beinahe ein Medikament verwechselt. Vor einem Jahr machten Profis aus Medizin und Pflege erstmals ihre kleinen und großen Verfehlungen publik. Aus Fehlern lernen hieß die Bekennerschrift des Aktionsbündnisses Patientensicherheit. Die Initiative liegt im Trend: Immer häufiger erörtern Ärzte deutschlandweit auf klinikinternen Konferenzen ihre Missgeschicke, analysieren, wie es zu kritischen Ereignissen kam. Aber was tun zum Beispiel die Operateure, damit es gar nicht erst zu Behandlungsfehlern kommt? Immerhin 2000 werden in Deutschland jährlich nachgewiesen – die meisten in den chirurgischen Fächern.

Ortstermin im gut geheizten Operationssaal 2 des St. Remigius-Krankenhaus-Opladen bei Köln. Hier operieren die Orthopäden und Unfallchirurgen arthrotische Hüften, richten schief gewachsene Zehen und flicken kompliziert gebrochene Knochen. Das Operationsteam ist mit den Vorbereitungen fast fertig. Zwei Operateure und eine Schwester in blauer Kluft sitzen am Fußende des hüfthoch gestellten Operationstisches. Vor ihnen, im grellen Schein der Lampe, liegt auf grünem Tuch die stramme Wade eines jungen Mannes. Das Team hat schweigend die Hände gefaltet – nicht aus Andacht, sondern weil die Gummihandschuhe nicht schmutzig werden sollen.

Neben sich, auf dem Beistelltisch, hat die OP-Schwester fein säuberlich das kleine chirurgische Besteck aufgereiht: Haken, Pinzetten, einen kleinen Meißel. Das Skalpell aber liegt unter einem metallenen Winkel verborgen. Aus seinem Metall gestanzt sind die Wörter »Time out« – Unterbrechung. Das Instrument wird erst freigegeben, nachdem der Narkosearzt laut eine Reihe von Fragen verlesen, diese beantwortet und die Bestätigung durch den Operateur erhalten hat. Erst wenn alles unzweideutig abgeklärt ist, darf die Schwester dem Chirurgen das scharfe Messer in die Hand drücken.

Dem jungen Mann auf dem Tisch soll eine Metallplatte aus dem linken Schienbein entfernt werden, die dort nach einem Unfall die Knochen zusammengehalten hatte. »Welches Bein soll operiert werden? Das linke«, sagt der Narkosearzt. »Links«, wiederholt der Chefarzt Daniel Frank. »Hat der Patient eine Allergie gegen Antibiotika? Nein.« – »Nein«, antwortet auch Frank. »Welche Operation ist geplant? Linkes Sprunggelenk.« Der Chirurg stutzt und zögert. »Nein!«, sagt er dann knapp und korrigiert: »Metallentfernung am linken Unterschenkel.«

Das wäre der Moment gewesen für die fatale Verwechslung – einen der häufigsten Fehler in der Chirurgie. Am Morgen noch hatte ein Assistenzarzt das linke Bein zur Sicherheit mit einem großen Pfeil auf dem Oberschenkel markiert, die Akte ging durch ein halbes Dutzend Hände, wurde immer wieder geprüft, abgeglichen, und doch hatte die falsche Operationsbeschreibung irgendwie ihren Weg in die Akte gefunden. Nur die verordnete kurze Konzentration vor dem Eingriff hatte den Fehler verhindert.

Es dauert keine 30 Minuten, dann ist der Stahl aus dem linken Unterschenkel des jungen Mannes entfernt, und der Chefarzt kann kurz seine Kollegen im benachbarten Operationssaal besuchen. Dort liegt eine Patientin auf dem Bauch. Ihr Rücken glänzt im Scheinwerferlicht. Nach einem Unfall plagen sie unerträgliche Rückenschmerzen. Aus diesem Grund sollen an diesem Tag in ihrer Wirbelsäule zwei Wirbelkörper durch Metallplatten miteinander verbunden werden. Obwohl das Operationsgebiet in der Körpermitte liegt, drohen auch in diesem Fall Verwechslungen. »In drei Prozent aller Fälle kommt es vor, dass Rückenwirbel auf der falschen Höhe operiert werden«, sagt Franks Kollege Biren Desai, während er sich in seinen blauen Operationsumhang wickelt. Der Orthopäde wirft noch einen Blick auf das Röntgenbild. Auch er wird das Time-out über sich ergehen lassen müssen, damit der schlimmste Fall nicht eintritt.

Mit dem Time-out folgen die Orthopäden im Remigius-Krankenhaus dem aktuellen Trend: Fehlerprävention wie im Flugzeugcockpit. Der Reihe nach werden vor dem »Start« Checklisten abgearbeitet. Die Harvard School of Public Health konnte nachweisen, dass sich mit dieser Prozedur der Anteil von schwerwiegenden Komplikationen an allen Fehlern von elf Prozent auf sieben Prozent senken lässt. In den USA, dem Ursprungsland des Time-outs, ist die Liste vier Seiten lang. Dort gehen die Ärzte vorab noch mögliche kritische Momente während des Eingriffs durch, und jeder Anwesende – vermummt mit Haube und Mundschutz – muss vor dem ersten Schnitt seinen Namen nennen und seine Rolle bei der Operation, damit es im Notfall keine Verwechslungen gibt.