Das Wort bogus ist eine hübsche englische Vokabel, für die es keine rechte deutsche Entsprechung gibt. Im wissenschaftlichen Kontext wird das Adjektiv benutzt, um zweifelhafte, unbewiesene, quacksalberische Praktiken zu beschreiben; aber auch dann, wenn es um betrügerische Forscher geht. Was bedeutet es, wenn man die Therapien eines Alternativmediziners als bogus bezeichnet? Unterstellt man ihm (a), dass er wider besseres Wissen seine Patienten hinters Licht führt, oder (b) stellt man ihn nur als naiven Gläubigen hin?

Für Simon Singh ist das eine 100.000-Pfund-Frage. Der britische Journalist und Buchautor (Fermats letzter Satz, Big Bang) hat sich intensiv mit der alternativen Medizin beschäftigt, zusammen mit dem Forscher Edzard Ernst ein Buch zum Thema geschrieben (Gesund ohne Pillen – was kann die Alternativmedizin?) und die »sanften Heiler« teilweise scharf kritisiert. In einem Kommentar für die Londoner Zeitung Guardian nahm er sich die Chiropraktiker vor. Sie hängen der Lehre an, nach der man mit der Korrektur von Haltungsschäden des Rückgrats nicht nur die damit verbundenen Schmerzen behandeln kann, sondern auch viele andere Krankheiten. Singh warf der britischen Chiropraktiker-Vereinigung BCA vor, ihr Wirbelsäulenverfahren vor allem bei Kindern zur Behandlung aller möglichen Leiden anzupreisen, darunter Asthma, Ohrenentzündungen sowie Bettnässen. Absurd, fanden auch viele Unterstützer, die Singh aufmunternde E-Mails schrieben. Einer von ihnen bemerkte treffend: In solchen Fällen eine chiropraktische Therapie anzuwenden sei äquivalent zu dem Versuch, das Bild eines Fernsehers zu verbessern, indem man dem Gehäuse einen kräftigen Schlag versetzte. Singhs Fazit: Solche Behauptungen seien unverantwortlich, weil nicht durch wissenschaftliche Evidenz gedeckt – und damit eben bogus.

Als Reaktion auf den Artikel bemühte sich die BCA nicht etwa, die entsprechenden Belege nachzuliefern, sondern zog vor Gericht. Singhs Artikel sei üble Nachrede, eben weil er unterstelle, die Chiropraktiker würden ihre Therapien wider besseres Wissen für Krankheiten empfehlen, die nichts mit dem Bewegungsapparat zu tun hätten.

Eine Verleumdungsklage vor einem englischen Gericht lässt nicht nur Privatpersonen wie den Autor Simon Singh zittern, selbst große Zeitungsverlage geben oft lieber klein bei, als sich auf eine rechtliche Auseinandersetzung mit ungewissem Ausgang einzulassen. Der Guardian war nicht bereit, den Rechtsstreit durchzufechten, löschte Singhs Artikel aus dem Archiv und nahm ihn von der Website.

Der Grund für die Zaghaftigkeit sind die immensen Kosten, die eine Beleidigungsklage mit sich bringt. Der ehemalige Premierminister John Major erhielt einmal 1001 Pfund (etwa 1150 Euro) Entschädigung, weil zwei Magazine über eine angebliche Affäre des Politikers berichtet hatten – aber die Anwaltskosten brachten die Zeitschriften an den Rand des Ruins. (Im Nachhinein stellte sich übrigens heraus, dass Major damals tatsächlich eine Affäre hatte – aber mit einer anderen Dame als der in den Artikeln genannten.) Anders als in Deutschland orientieren sich die britischen Anwaltsgebühren nicht am Streitwert, sondern die Anwälte summieren ihre Arbeitszeit und die ihrer Mitarbeiter auf, zu Stundensätzen von bis zu 500 Pfund. So betragen alleine Singhs Anwaltsrechnungen mittlerweile 75.000 Pfund – Geld, das er selbst dann nur zum Teil zurückbekäme, wenn die Klage komplett abgewiesen würde.

Danach sieht es allerdings nicht aus: In einer ersten Verhandlung am 7. Mai hat sich der Richter der bogus- Interpretation der Kläger angeschlossen. Vergangene Woche kündigte Singh nun an, gegen diese Entscheidung beim Court of Appeal Berufung einzulegen. Wenn diese – wie er selber prognostiziert – keinen Erfolg hat, will der studierte Physiker vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen. Aus Prinzip. Die Kosten scheint der Erfolgsautor jedenfalls nicht zu scheuen: »Ich habe ein Bankkonto, das mir das erlaubt; ich habe eine Ehefrau, die mir zur Seite steht; ich habe Freunde und Wissenschaftler um mich herum, die mich unterstützen«, sagte Singh .

Zu diesen Freunden gehört die Organisation Sense about Science, die nun eine Unterschriftenkampagne gestartet hat mit dem Ziel, das englische Verleumdungsrecht zu reformieren. Die immensen Rechtskosten, so das Argument, sorgten für ein Klima, in dem eine offene Debatte über Wissenschaft unmöglich sei. Unterschrieben haben bereits über 100 Forscher, darunter der Präsident der Royal Society, Lord Rees, und der Nature- Chefredakteur Philip Campbell. Es gehe nicht darum, Beleidigungen zu erleichtern, beteuert Singh, sondern darum, Bagatellfälle wie seinen künftig mit weniger Aufwand entscheiden zu können – etwa durch verpflichtende Mediationsverfahren oder verkürzte Verfahren bei Streitwerten unter 25.000 Pfund.

Sollte diese Kampagne erfolgreich sein, verlöre London vielleicht seinen Status als Klage-Hauptstadt der Welt. Selbst Amerikaner verklagen Amerikaner lieber in England, auch wenn ein strittiger Text dort gar nicht veröffentlicht worden ist. Und laut einer Untersuchung der Universität Oxford betragen die Kosten, um sich gegen eine Verleumdungsklage zu wehren, in England das 140-Fache des europäischen Durchschnitts.