Dienstag, Ankunft in Lagos: Cocktailparty mit Forest Whitaker und Gadhafis Freunden

Auf dem Pariser Flughafen wird vor unseren Augen eine Mitreisende in Handschellen die Gangway zu unserem Flugzeug hinaufgeführt. Die Dame sieht sehr elegant aus, ist vielleicht Mitte 40. Neben mir betet eine junge Frau, die ein eindrucksvolles weiß-schwarzes Western-Outfit mit vielen Fransen trägt, zu Gott, dem Allmächtigen: »Bitte, Herr, lass niemals zu, dass ich auf diesem Weg in meine Heimat zurückkehren muss. Amen.« Kaum sind wir gestartet, beginnt eine nigerianische Herrenrunde mit einer Solidaritätsaktion für die schöne Deportierte. Es wird Geld gesammelt, und bald sind weit über 300 Euro in 13 Währungen zusammen. Die Namen der Spender werden auf einem zerknitterten Zettel notiert, der der Frau zusammen mit dem Bargeld und theatralischer Geste übergeben wird. Die ganze Aktion verläuft alles andere als demütigend, und je länger die Reise dauert, umso gelöster wirkt die Frau, die mir erzählt, ihre Papiere seien halt abgelaufen. Der mitreisende Polizist, über dessen Kopf hinweg unablässig kommuniziert wird, schaut unbeteiligt. Es ist die Chefstewardess, die schließlich die Contenance verliert. Als wir in Lagos landen, brüllt sie ins Bordmikrofon, die Passagiere mögen sitzen bleiben, bis das Flugzeug geparkt sei. Niemand hört auf sie, sie wird einfach zur Seite geschoben. Bei der Passkontrolle – man gibt in Lagos die Pässe ab und bekommt sie nach einem undurchsichtigen Prinzip von Schlangestehen an einem dritten Schalter zurück – werde ich plötzlich von weit hinten nach vorne gerufen. »Mrs. Winner? Uns gefällt Ihr Name, deswegen lassen wir Sie vor. Willkommen in Nigeria

Ich bin in der Jury der African Movie Academy Awards (AMAA), die in den nächsten Tagen hier in Lagos die besten afrikanischen Filme zu prämieren hat. Die Jury-Kollegen warten schon im Hotel, es soll sofort losgehen, zu einer Cocktailparty des Hauptsponsors, einer großen afrikanischen Bank. Gefeiert wird in einer dämmrigen, aber extrem vornehm eingerichteten Bar. Die Männer tragen perfekt sitzende Anzüge zu ausgefallenem Schuhwerk, die Damen in schicken Business-Kostümen trinken Champagner, sie kommen direkt von der Arbeit. Überraschend betritt Forest Whitaker die Bar, dessen Namen nicht alle parat haben und den sie deswegen der Einfachheit halber als »Idi Amin« begrüßen – seine Rolle in The Last King of Scotland , für die er 2007 einen Oscar bekommen hat. Er ist als einziger im Trainingsanzug erschienen. Die Party ist schnell vorbei, auf dem Parkplatz stehen viele schwarze Limousinen abfahrbereit. Ein Designer aus Niger lädt uns zu seiner Freundin ein, die ein privates Dinner im kleinen Kreis vorbereitet hat. Ihr Lebensgefährte, ein Schauspieler aus Kinshasa, fährt uns in eine Gegend, wo es keine Straßen mehr gibt. Die Wohnung liegt im ersten Stock einer riesigen Villa, es wird üppige nigerianische Kost aufgetischt, zum Nachtisch Kirschtorte. Der Designer und die Gastgeberin erzählen begeistert von Gadhafi, mit dem beide eng befreundet sind.

Kurz nach Mitternacht fahren wir zurück ins Hotel. Wer nachts die kilometerlange Third Mainland Bridge überqueren muss, tut dies stets in einem atemberaubenden Tempo. Angeblich haben die Gangs auf der Brücke wesentlich bessere Waffen als die Polizei, die die Brücke bewacht.

Mittwoch: Jury-Sitzung im Dunkeln und zu Gast auf einer Waisenkinder-Vermittlungsshow

Der nigerianische Jury-Kollege, Journalist bei einer großen Tageszeitung, sitzt laut lachend im finsteren Frühstücksraum bei Nescafé und Spiegeleiern und telefoniert: Er hat am frühen Morgen eine E-Mail an einige Kollegen geschickt und das Gerücht gestreut, einer der reichsten Männer Nigerias müsse sich wegen Korruptionsverdachts vor Gericht behaupten. Die Kollegen rufen ihn aufgeregt an und wollen Details wissen… April, April!

Unsere Jury-Sitzungen finden in einem der Hotelzimmer statt, zwei liegen auf dem Bett, die anderen sieben sitzen drum herum. Die Gardinen bleiben zu. Man kann sie auch gar nicht öffnen. Wir haben über 43 nominierte Filme aus ganz Afrika zu entscheiden und 24 Preise zu vergeben. Unsere Diskussionen sind sehr laut und lustig und dauern ewig. »Dieser Jesus hat einfach zu weiße Haut, dem können wir keinen Darstellerpreis geben!«, sagt eine Kollegin über einen der sogenannten Hallelujah-Filme, die teilweise im Jenseits spielen. Wir stimmen zu, sind aber alle begeistert vom kenianischen Beitrag, der vor dem Hintergrund des Anschlags auf die amerikanische Botschaft von Nairobi spielt. Ghana hat im letzten Jahr nichts Tolles produziert, Uganda holt beachtlich auf, jedoch gehen hier die Meinungen zum eingereichten Zombie-Film weit auseinander. Und der Dokumentarfilm aus Niger verdient schon allein deswegen große Beachtung, weil es seit Jahren der erste Film überhaupt ist… Ab und zu fällt der Strom aus, und wir diskutieren im Dunkeln weiter.