Afrika Showtime in Nigeria

Afrikas wichtigstes Filmereignis ist so glamourös wie die Oscarverleihung. Aber viel lustiger. Unsere Autorin saß in der Jury. Tagebuch einer Dienstreise nach Lagos und ins Niger-Delta

African Movie Academy Awards

Man zeigt, was man hat, bei den African Movie Academy Awards

Dienstag, Ankunft in Lagos: Cocktailparty mit Forest Whitaker und Gadhafis Freunden

Auf dem Pariser Flughafen wird vor unseren Augen eine Mitreisende in Handschellen die Gangway zu unserem Flugzeug hinaufgeführt. Die Dame sieht sehr elegant aus, ist vielleicht Mitte 40. Neben mir betet eine junge Frau, die ein eindrucksvolles weiß-schwarzes Western-Outfit mit vielen Fransen trägt, zu Gott, dem Allmächtigen: »Bitte, Herr, lass niemals zu, dass ich auf diesem Weg in meine Heimat zurückkehren muss. Amen.« Kaum sind wir gestartet, beginnt eine nigerianische Herrenrunde mit einer Solidaritätsaktion für die schöne Deportierte. Es wird Geld gesammelt, und bald sind weit über 300 Euro in 13 Währungen zusammen. Die Namen der Spender werden auf einem zerknitterten Zettel notiert, der der Frau zusammen mit dem Bargeld und theatralischer Geste übergeben wird. Die ganze Aktion verläuft alles andere als demütigend, und je länger die Reise dauert, umso gelöster wirkt die Frau, die mir erzählt, ihre Papiere seien halt abgelaufen. Der mitreisende Polizist, über dessen Kopf hinweg unablässig kommuniziert wird, schaut unbeteiligt. Es ist die Chefstewardess, die schließlich die Contenance verliert. Als wir in Lagos landen, brüllt sie ins Bordmikrofon, die Passagiere mögen sitzen bleiben, bis das Flugzeug geparkt sei. Niemand hört auf sie, sie wird einfach zur Seite geschoben. Bei der Passkontrolle – man gibt in Lagos die Pässe ab und bekommt sie nach einem undurchsichtigen Prinzip von Schlangestehen an einem dritten Schalter zurück – werde ich plötzlich von weit hinten nach vorne gerufen. »Mrs. Winner? Uns gefällt Ihr Name, deswegen lassen wir Sie vor. Willkommen in Nigeria.«

Ich bin in der Jury der African Movie Academy Awards (AMAA), die in den nächsten Tagen hier in Lagos die besten afrikanischen Filme zu prämieren hat. Die Jury-Kollegen warten schon im Hotel, es soll sofort losgehen, zu einer Cocktailparty des Hauptsponsors, einer großen afrikanischen Bank. Gefeiert wird in einer dämmrigen, aber extrem vornehm eingerichteten Bar. Die Männer tragen perfekt sitzende Anzüge zu ausgefallenem Schuhwerk, die Damen in schicken Business-Kostümen trinken Champagner, sie kommen direkt von der Arbeit. Überraschend betritt Forest Whitaker die Bar, dessen Namen nicht alle parat haben und den sie deswegen der Einfachheit halber als »Idi Amin« begrüßen – seine Rolle in The Last King of Scotland , für die er 2007 einen Oscar bekommen hat. Er ist als einziger im Trainingsanzug erschienen. Die Party ist schnell vorbei, auf dem Parkplatz stehen viele schwarze Limousinen abfahrbereit. Ein Designer aus Niger lädt uns zu seiner Freundin ein, die ein privates Dinner im kleinen Kreis vorbereitet hat. Ihr Lebensgefährte, ein Schauspieler aus Kinshasa, fährt uns in eine Gegend, wo es keine Straßen mehr gibt. Die Wohnung liegt im ersten Stock einer riesigen Villa, es wird üppige nigerianische Kost aufgetischt, zum Nachtisch Kirschtorte. Der Designer und die Gastgeberin erzählen begeistert von Gadhafi, mit dem beide eng befreundet sind.

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Kurz nach Mitternacht fahren wir zurück ins Hotel. Wer nachts die kilometerlange Third Mainland Bridge überqueren muss, tut dies stets in einem atemberaubenden Tempo. Angeblich haben die Gangs auf der Brücke wesentlich bessere Waffen als die Polizei, die die Brücke bewacht.

Mittwoch: Jury-Sitzung im Dunkeln und zu Gast auf einer Waisenkinder-Vermittlungsshow

Der nigerianische Jury-Kollege, Journalist bei einer großen Tageszeitung, sitzt laut lachend im finsteren Frühstücksraum bei Nescafé und Spiegeleiern und telefoniert: Er hat am frühen Morgen eine E-Mail an einige Kollegen geschickt und das Gerücht gestreut, einer der reichsten Männer Nigerias müsse sich wegen Korruptionsverdachts vor Gericht behaupten. Die Kollegen rufen ihn aufgeregt an und wollen Details wissen… April, April!

Unsere Jury-Sitzungen finden in einem der Hotelzimmer statt, zwei liegen auf dem Bett, die anderen sieben sitzen drum herum. Die Gardinen bleiben zu. Man kann sie auch gar nicht öffnen. Wir haben über 43 nominierte Filme aus ganz Afrika zu entscheiden und 24 Preise zu vergeben. Unsere Diskussionen sind sehr laut und lustig und dauern ewig. »Dieser Jesus hat einfach zu weiße Haut, dem können wir keinen Darstellerpreis geben!«, sagt eine Kollegin über einen der sogenannten Hallelujah-Filme, die teilweise im Jenseits spielen. Wir stimmen zu, sind aber alle begeistert vom kenianischen Beitrag, der vor dem Hintergrund des Anschlags auf die amerikanische Botschaft von Nairobi spielt. Ghana hat im letzten Jahr nichts Tolles produziert, Uganda holt beachtlich auf, jedoch gehen hier die Meinungen zum eingereichten Zombie-Film weit auseinander. Und der Dokumentarfilm aus Niger verdient schon allein deswegen große Beachtung, weil es seit Jahren der erste Film überhaupt ist… Ab und zu fällt der Strom aus, und wir diskutieren im Dunkeln weiter.

African Movie Academy Awards
Man zeigt, was man hat, bei den African Movie Academy Awards

Man zeigt, was man hat, bei den African Movie Academy Awards

Abends sind wir auf eine Wohltätigkeitsveranstaltung eingeladen, die irgendwie entfernt mit den African Movie Academy Awards zusammenhängt, ausgerichtet von einer Organisation namens Africadopt. Zwischen den schwerreichen Society-Herrschaften sitzen an einem Tisch Waisenkinder, die später auf die Bühne geholt werden und von denen gesagt wird, dass sie niemand adoptieren wolle, weil sie HIV positiv auf die Welt gekommen seien. Die Kinder sind sechs, acht, zwölf Jahre alt, herausgeputzt in ihren besten Kleidern. Sie singen It’s a small world, und der Älteste erzählt, wie sehr sich ihrer aller Leben zum Guten gewandelt habe, seit sich die Organisation um sie kümmere. Dann kommt eine Gruppe dänischer Adoptiveltern auf die Bühne, die Frauen tragen schwarze Babys auf dem Arm. Ihr Leben sei jetzt erst vollständig, weil erfüllt mit Liebe zu den Kindern, betont die Geschäftsführerin der Vermittlungsorganisation.

Als Zwischenakt vor der Modenschau tritt dann ein Stand-up-Komödiant auf, der sich über die Unterschiede zwischen europäischen und afrikanischen Erziehungsmethoden lustig macht.

Der Designer aus Niger, der eigentlich in Paris lebt, präsentiert seine Kollektion von Afro-Chic für Damen und Herren. Kein Wunder, dass Gadhafi immer so extravagant gekleidet ist. Mehrere TV-Anstalten filmen die Show und interviewen zwischendurch die Gäste. Ich werde – während mich die Kamera von Kopf bis Fuß abschwenkt – von einem Lifestyle-Reporter gefragt, welchen Körperteil ich gerne »austauschen« würde, wenn es möglich wäre. Auch auf die Frage nach meinem Lieblingskosmetikprodukt fällt mir keine schnelle Antwort ein.

Donnerstag: Die eisernen Pforten des deutschen Konsulats und der beste nigerianische Film

Morgens habe ich einen Termin im deutschen Konsulat. Abdul fährt mich, er hat gerade sein Studium abgeschlossen und ist hier mein Begleiter. In Lagos verbringt man jeden Tag mehrere Stunden im Auto, die Staus dauern endlos. Viele Nigerianer, die sich Fahrer leisten können, erledigen sämtliche Anrufe vom Auto aus. Und auch ein paar Einkäufe. Durch das Autofenster kann man von Straßenverkäufern fast alles bekommen: Zeitungen, Bücher, Taschentücher, Snacks, Mülleimer, DVDs, Getränke…

Die kleine Walter Crescent Street, die Straße der Botschaften und Konsulate, kennt in Lagos jeder. Vom Hafen aus schlängelt sie sich ein, zwei Kilometer stadteinwärts. Eine riesige schwarz-silberne Jacht, die selbst für James-Bond-Filme zu angeberisch wäre, ankert hier. Abdul weiß, dass sie dem Sohn des früheren Bürgermeisters von Lagos gehört. Die Straße ist eng, überall stehen Parkverbotsschilder, und der Einsatz von Nato-Stacheldraht pro Quadratmeter ist weltrekordverdächtig. Am späten Vormittag ist nicht mehr so viel los wie frühmorgens um sieben, nur noch ein paar Leute in Sonntagskleidern und einige junge Männer mit verspiegelten Sonnenbrillen werden von den Sicherheitsleuten hin-und hergescheucht. Das deutsche Konsulat betritt man durch massive Eisengitterpforten, mehrmals werden Ketten geöffnet und wieder geschlossen. Große Schilder warnen unter Ausschluss vom Visa-Verfahren davor, mit gefälschten Papieren aufzukreuzen oder Leuten Beachtung zu schenken, die für Geld Termine zur Bearbeitung von Visa-Anträgen vermitteln. Ein Sicherheitsbeamter gibt mir einen Zettel, auf dem ein handschriftliches »ok« steht, ich darf passieren.

Die nächste Jurysitzung endet am frühen Abend, weil die beiden nigerianischen Kollegen in ihre Zeitungsredaktionen müssen. Wir anderen bestellen im Restaurant des Hotels eine hot pepper soup, gegen die jedes thailändische Gericht wie Babynahrung schmeckt. Tyra, die Kellnerin, erzählt, sie wohne »ganz in der Nähe«, nur eine Stunde fahre sie mit dem Bus nach Hause. Wir wollen das Hotel jetzt auch mal kurz verlassen und gehen auf ein Bier in die Jolly-Bar. Fußgänger haben es nicht leicht in Lagos, Bürgersteige gibt es nur wenige, und die Autofahrer spielen gerne ihre Macht aus. Es ist irrsinnig heiß, im Scheinwerferlicht der Autos sieht man, wie dick die Luft ist.

African Movie Academy Awards
Man zeigt, was man hat, bei den African Movie Academy Awards

Man zeigt, was man hat, bei den African Movie Academy Awards

Als die Journalisten zurückkommen, versammeln wir uns am Swimmingpool des Hotels, in dem nie jemand schwimmt, und diskutieren bis weit nach Mitternacht über den Preis für den besten nigerianischen Film. Ein etwas pädagogischer Film über eine hochnäsige Lagos-Studentin, die als Lehrerin aufs Land geschickt wird und dort eine Persönlichkeitsveränderung zum Guten durchmacht, konkurriert gegen einen populären Thriller, dessen Plot etwas verworren ist. Der Film hat aber bereits die Obama-Wahl fiktional aufgearbeitet und benutzt sie geschickt als Appell für politische Veränderungen auch in Nigeria.

Freitag: Fahrt ins Niger-Delta mit 32 Kleinbussen und ein paar Maschinenpistolen

Kurz nach sieben weckt mich ein Anruf. Wir sollen bitte schnell aufstehen, unser Flugzeug fliege um 9.30 Uhr ab. Die AMAA-Preisverleihung findet im Niger-Delta statt. Dort, wo das nigerianische Öl gefördert wird und Rebellenarmeen einen Bürgerkrieg gegen ausbeuterische Ölkonzerne und korrupte Politiker gleichermaßen führen. Die Veranstalter wollen mit der Wahl dieses Ortes ein Zeichen setzen wider die politische und kulturelle Vernachlässigung der bitterarmen Region. Etwas gehetzt trifft sich die Jury in der Lobby – aber es kann dann doch nicht losgehen. Die Hotelangestellten an der Rezeption weigern sich lautstark, uns ziehen zu lassen, bevor nicht ein Repräsentant der Veranstalter die Hotelrechnung bezahlt hat. Einer unserer nigerianischen Kollegen schafft es schließlich durchzusetzen, dass nur er als »Geisel« behalten wird. Wir anderen rasen zum Flughafen, bekommen von irgendwem Tickets in die Hand gedrückt und steigen in das Flugzeug einer Airline, deren Namen ich nie zuvor gehört habe, Chanchangi. Mein Sitznachbar ist ein Nigerianer aus Texas, der als Ökologe für einen amerikanischen Ölkonzern arbeitet. »Ich hoffe, im Delta zumindest einen Politiker mit einem Funken Verstand zu finden, mit dem ich darüber reden kann, wie man die schlimme Umweltverseuchung in den Griff bekommt«, sagt er und fragt neugierig nach meiner Mission. Ich bin die einzige Weiße im Flugzeug. Kaum in der Luft, beginnt ein paar Reihen hinter uns ein Streit. Erst nach einer Weile kapiere ich, dass das nur der Auftakt eines mitreisenden Stand-up-Komödianten war, der den ganzen Flug über die anwesende Filmprominenz mit Witzen und Anekdoten über nigerianische Stars und Sternchen unterhält.

Der Flughafen von Port Harcourt gehört zu einer Millionenstadt, davon ist nichts zu sehen. Gegenüber der Ankunftshalle beginnt der Urwald. Es dauert eine Stunde, bis die AMAA-Gäste unserer Maschine mit ihrem Gepäck auf 32 weiße Kleinbusse verteilt sind. Eskortiert von einem Sicherheitsdienst mit Maschinenpistolen im Anschlag, setzt sich der Konvoi in Bewegung nach Yenagoa, der Hauptstadt von Bayelsa State, dort soll am nächsten Tag die Gala veranstaltet werden. Die Straße führt vorbei an gerodetem Regenwald, wo Palmen und Büsche und Gestrüpp nachgewachsen sind. In den Gräben liegen jede Menge zugewucherte Autowracks. Ab und zu passieren wir Siedlungen und Dörfer. Einige Geschäfte haben farbenfrohe Särge am Straßenrand ausgestellt. Viele Kinder sind nackt und sehen krank aus. Wegen der zahlreichen Straßensperren kommt die Fahrt immer wieder ins Stocken. In unserem Bus wird über die Entführung von Mitarbeitern der Ölkonzerne gewitzelt, für die diese Gegend so berüchtigt ist, dass fast alle Firmen ihre Leute nach Lagos umgesiedelt haben. Anders als in Afghanistan bestünde hier in Bayelsa im Entführungsfall doch immer die Chance, den Partner fürs Leben zu finden, weil die wenigsten Entführungsopfer umgebracht würden…

In Yenagoa steuern wir ein großes Hotel an. Brandneu, mit riesigen weiß-blau-roten Geschenkschleifen am Eingangstor. Hier sind die meisten Gäste untergebracht. Die Jury aber soll, aus Angst vor Bestechung, in einem anderen Hotel wohnen, nur weiß gerade niemand, welches es sein mag. Wir warten und schauen dem Chaos an der Rezeption zu. Draußen am Pool wird bereits Billard gespielt. Ein nigerianischer Produzent trägt eine Campari-Flasche unter dem Arm und sucht Gläser, Eis und Soda. Wir plaudern und trinken, als plötzlich ein kleiner schwarzer Vogel neben Abdul tot vom Himmel fällt. Vielleicht ist es zu heiß? Oder ist es eine Warnung des Satans, wie ein smarter Rechtsanwalt aus Lagos unkt? Abdul begräbt den Vogel in den Rabatten.

Zwei Stunden später brechen wir zu einem anderen Hotel auf. Auch brandneu. An der Rezeption hängen die Porträts amtierender Politiker und eine Mona-Lisa-Reproduktion. Ich beziehe ein gro- ßes Zimmer, in dem alles – auch Bett und Schrank – einheitlich in marmorierten Fliesen gekachelt ist. Das Bettzeug hat weiße Spitzenapplikationen, der Glastisch wackelt. Darunter liegt eine tote Kakerlake. Komischerweise lässt sich der Kronleuchter nicht ausschalten, mein Zim-mer bleibt bis zur Abreise Tag und Nacht hell erleuchtet, außer wenn es keinen Strom gibt. Das ist relativ häufig der Fall. Als sich die Jury wenig später zur Abschlussbesprechung trifft, fehlt ein Kollege. Auf den ist beim Duschen die Badezimmerdecke gefallen, er ist kurz zum Arzt gefahren, um prüfen zu lassen, ob seine Schulter gebrochen ist. Unser nigerianischer Journalistenkollege verfasst an seinem Laptop unser finales Jury-Statement. Die meisten Preise gehen an From A Whisper, den kenianischen Spielfilm, der uns alle von Anfang an begeisterte. Die Atmosphäre ist entspannt und konstruktiv, der Text ist bald fertig, und wir wollen ausgehen. Bloß: wohin?

Im Gang stoßen wir auf Bridget, eine ortskundige junge Dame, die das Las Vegas und das Relish empfiehlt, aber mit Fingerzeig auf mich zu meinen männlichen Kollegen sagt, wir sollten besser vorsichtig sein, weil ich ja leider weiß sei. Also fahren wir in das Hotel zurück, in dem auch die anderen Gäste sind. Als wir auf das Taxi warten, hören wir laute Tierstimmen, die verraten, dass wir ganz tief im Niger-Delta sind.

Samstag: Roter Teppich mit viel Extravaganz und einem Schlag ins Gesicht

Der große Tag beginnt faul. Letztlich lungern wir alle nur herum, bis es Zeit ist, sich schick zu machen für den Auftritt auf dem roten Teppich. Leider kommt im entscheidenden Moment nicht besonders viel Wasser aus der Leitung. Jemand sagte, die Gala beginne um vier Uhr nachmittags. Wir kalkulieren die nigerianische Zeit ein und einigen uns darauf, gegen halb sechs loszufahren.

Der Eingang zur Festhalle ist von Soldaten in Tarnanzügen bewacht. Alle sind bewaffnet, viele tragen die im Niger-Delta beliebten Cowboyhüte zur Uniform. Unser nigerianischer Jury-Kollege bekommt im Tumult von einem nervösen Soldaten einen Schlag mit der Peitsche ab. Seine Wange ist etwas geschwollen. Auf dem roten Teppich bedrängen gut zwanzig Fernsehteams die Gäste mit Kameras und Mikrofonen. Eine wahre Farborgie defiliert ins Innere, Männer und Frauen überbieten sich in Extravaganz. Goldene Anzüge, Träume in Pink und Hellblau, falsche und echte Diamantencolliers, Handschuhe, Schleifen und Hüte, Satin und Seide, gewagte Dekolletés, blonde Perücken, es wird gezeigt, was man hat – und dass man ohne Weiteres mit der Oscarverleihung mithalten kann.

In der Halle finden 3000 Menschen Platz. Die Show beginnt gegen sieben und wird live übertragen. Wir warten backstage in einem winzigen Raum zusammen mit Danny Glover und Forest Whitaker auf unseren Auftritt. Die schwarzen Hollywood-Stars zeigen keinerlei Gereiztheit angesichts des etwas chaotischen Ablaufs. Tatsächlich dauert das Spektakel bis halb zwei Uhr morgens. Mit den glücklichen Gewinnern, die die schwarzen Trophäen wieder und wieder stolz hochhalten, und allen anderen Gästen fahren wir in Bussen zur Aftershow-Party in die nahe Residenz des Gouverneurs. Eine ganze Armee bewacht die Residenz, die mit riesigen gelben und schwarzen Tüllschleifen verziert ist. Auf dem Buffet liegen gegrillte Zicklein mit Kopf und Hörnern und Hufen. Beim Rückweg ins Hotel merke ich, dass mein Geld aus der Tasche gestohlen wurde. Andere vermissen ihr Handy. Wir gehen noch in die Hotelbar. Der junge Rechtsanwalt schlägt vor, dass wir uns selbst bedienen, da vom Hotelpersonal keine Spur zu sehen ist. Dann fällt der Strom aus, und wir amüsieren uns weiter im blauen Schein der Taschenlampen, mit denen fast alle nigerianischen Mobiltelefone ausgestattet sind.

Sonntag, Abflug: Mehr Passagiere als Sitzplätze und vier jubelnde Zöllner

Gegen zehn Uhr gehe ich ins Restaurant, um zu erfahren, wie es um die Planung für die Rückreise steht. Das Protokoll aber schläft noch, und das Hotelpersonal sagt, dass es ab sofort nur gegen Cash möglich sei, etwas zu bestellen. Da ich kein Geld mehr habe, organisiert mir ein befreundeter Produzent in der Küche gebratene Bananen mit scharfer Sauce. Dann taucht unsere Betreuerin auf und sagt heiser, wir müssten jetzt sofort aufbrechen, sonst würden wir es heute sicher nicht mehr zurück nach Lagos schaffen. Wann unsere Maschine in Port Harcourt genau startet, weiß aber niemand. Eine andere Protokolldame kommt hinzu und sagt, ganz früh heute morgen sei bereits ein Bus mit Gästen losgefahren, nur wisse niemand, wer schon fort sei und wer noch nicht. Es beginnt eine unkonventionelle Suche nach AMAA-Gästen, die vielleicht noch in diesem oder jenem Zimmer ihren Rausch ausschlafen. Das Ganze zieht sich hin.

Wir erreichen Port Harcourt um halb zwei, unsere Maschine ist noch nicht startklar. Eine Jury-Kollegin, die schon am frühen Morgen zum Flughafen gekommen ist, liegt etwas geplättet in der VIP-Lounge: Sie ist im Tumult vor dem Schalter so sehr bedrängt worden, dass sie hingefallen ist. Das Durcheinander ist immer noch groß, und die Chancen, dass ich meinen Anschlussflug zurück nach Hause schaffe, schwinden. Denn eigentlich, so hören wir, hätten wir von einem anderen Flughafen aus fliegen sollen – nur wusste das niemand. Die vier Herren am Abfertigungsschalter sitzen hinter dicken Gitterstäben und haben auch keine Idee, wie man die vielen Leute am besten zurück nach Lagos transportieren soll. Wir bestellen Bitter Lemon an der Flughafenbar. Die Kellnerin heißt Caroline und trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift »Show me your $ money«.

Erstaunlicherweise steckt mir ebendort ein gewisser Kevin – den ich nie zuvor gesehen hatte – ein Ticket zu, das auf einen gewissen James Achumu ausgestellt ist. Ich renne sofort los… Die Szenen auf dem Rollfeld erinnern an Notevakuierungen. An Bord befinden sich weit mehr Passagiere als Sitzplätze. Es vergeht einige Zeit, bis sich Leute finden, die bereit sind, auf die spätere Maschine zu warten, die heute »wahrscheinlich« noch kommt. Als Jury-Mitglied und weil ich einen Anschlussflug habe, werde ich privilegiert behandelt. Ich sträube mich nicht dagegen. Bei der Landung in Lagos gratuliert der Pilot noch mal allen Passagieren zu ihrem Erfolg. Er meint die AMAA-Gewinner, aber die Jury-Kollegin und ich fühlen uns auch ein bisschen angesprochen.

Abdul bringt mich im Taxi zum internationalen Flughafen. Dort treffe ich die sieben Brüder und ihre Schwester, die als Familienclan die AMAA veranstalten. Sie begleiten Forest Whitaker, der in einem gecharterten Privatjet aus dem Delta zurück nach Lagos gebracht worden ist. Whitaker ist noch völlig benommen, aber auch begeistert von der Zeremonie, während der er mit allen Stammesehren am Nachmittag zum village chief auserkoren wurde. Wir verabschieden uns alle herzlich voneinander, einer der Brüder sagt zu mir, er sei froh, dass es bei den diesjährigen Awards keine »Zwischenfälle« gegeben habe.

Ich gehe zum Check-in-Schalter und lasse meinen Koffer inspizieren, das erledigen in Lagos vier Personen an einem großen Tisch. Warum ich denn so viele DVDs im Koffer hätte? Ich antworte wahrheitsgemäß, woraufhin ich ausführlich zu meiner Meinung nach einzelnen Filmen befragt werde. Was den Preis für die beste Schauspielerin betrifft, erkläre ich, dass auch ich für die Nigerianerin Funke Akindele votiert hätte. Das wird von allen vier Zöllnern jubelnd beklatscht und gelobt. »Okay. You can go now.«

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • Guido3
    • 12.06.2009 um 14:13 Uhr

    Ein sehr unterhaltsamer und lesenswerter Artikel. Sie beschreiben wunderbar das typische Afrika. Jeder der selbst mal in Afrika unterwegs war, wird das gut nachvollziehen können. Ein bißchen chaotisch, ein bißchen gefährlich, überraschend, improvisierend. Und meistens geht am Ende alles gut. Eben TIA.

    • istmor
    • 13.06.2009 um 0:28 Uhr

    Ja, wirklich guter Bericht! Musste auch mehrmals herzlich lachen :D
    Hat mich auch an meinen Aufenthalt in Nigeria erinnert, zu dem ich ebenfalls eine Art Bericht schrieb, welcher online zu finden ist:
    http://iboland.meckerossi...
    - nur längst nicht so gut und amüsant geschrieben wie dieser Bericht hier.

    Solange wie ich dort war, habe ich mich übrigens immer auf die Heimkehr zurück ins kühle, frische und geordnete Deutschland gefreut, aber mittlerweile könnt ich mir sogar vorstellen noch mal dorthin zurückzufliegen.
    Irgendwas bestechendes hat Afrika irgendwie...

    • Makati
    • 16.06.2009 um 5:19 Uhr

    Ein toller Artikel. Er hat mich an meine Erlebnisse in Nigeria erinnert, aber auch wieder dieses unangenehme Ziehen in der Magengrube zurückgebracht, das ich immer kriege, wenn ich in Afrika an einer Strassensperre angehalten werde und bekifften und betrunkenen Soldaten mit scharfen Waffen gegenüberstehe.

  1. Hallo Frau "Winner" :-) ich kann mir das lebhaft vorstellen, wie Sie da von den Autoritäten an der Schlange vorbei geschleust wurden. Auch diese Szenen im Flugzeug sind mir in Erinnerung geblieben. Die Bordcrew schien während des gesamten Fluges nach Lagos völlig überfordert. Naja, wenn man bedenkt, dass zu Anfang fast eine Prügelei zwischen Mann und Frau entbrannt wäre und die Leute sowieso schon sehr aufgeheizt waren, weil man sie zu lange warten lassen hat. Dann kommen noch ein oder zwei Guinness hinzu und die Mischung ist perfekt. Gute Vorraussetzungen für einen ruhigen Flug.

    Vielen Dank für den heiteren Artikel. Erzeugt fernweh.

    @istmor: ich habe mir schon einen kleinen Einblick auf Ihrer Seite gegönnt. Gefällt mir.

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