Theater-Festival Die neun Obamas

Wie kann man den amerikanischen Präsidenten auf der Bühne darstellen? Theaterleute aus aller Welt haben es jetzt in Stockholm versucht

Bert Brecht schrieb im Jahr 1928 eine große Erzählung über die Macht und die Probleme ihrer Darstellung. Die Geschichte heißt Die Bestie, und sie geht so: In Moskau soll ein Film über einen vielfachen Judenmörder gedreht werden, den ehemaligen südrussischen Gouverneur Muratow. Als Muratow, der unter falscher Identität ein elendes Leben führt, von diesem Projekt erfährt, begibt er sich zum Filmstudio und bewirbt sich um die Rolle des Muratow. Er darf tatsächlich vorsprechen, eine Verhörszene, und er spielt die Szene so, wie er einst wirklich verhört hat, sachlich und beiläufig, eher heiter die Todesurteile derer unterschreibend, die er gerade verhört. Da springt ein echter Schauspieler herbei und schnaubt, so harmlos dürfe man die Macht nicht spielen. Er legt den Filmleuten einen Sadisten hin, der ihnen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Natürlich bekommt der Schauspieler die Rolle. Muratow hingegen wird aus dem Studio gewiesen; unerkannt verschwindet er in der Nacht…

Die Erzählung verrät eine Grundwahrheit der Schauspielkunst: Diese Kunst ist am besten, wenn sie von dunkler böser Macht handelt. Ein guter Schauspieler kann sich viel besser in einen Tyrannen hineinversetzen als der Tyrann selbst. Was aber, wenn der mächtigste Mann der Welt eventuell ein Guter ist? Was »macht« das Theater mit so einem? Seitdem Barack Obama Präsident ist, schlägt es sich mit diesem Problem herum. In Stockholm hat es nun mit Obama alles gemacht, was ihm nur einfiel. Aus Santiago de Chile, Tel Aviv, Hamburg, Krakau, Berlin, Düsseldorf, London, Kopenhagen sind Schauspieler und Regisseure gekommen, um das erste Obama-Festival zu feiern. Neun Theater haben im berühmten Dramaten, Ingmar Bergmans Theater, Obamas Siegesrede vom Abend des 5. November 2008 (Hello Chicago!) aufgeführt, neunmal hintereinander, um aus Obamas Rhetorik die höhere Wahrheit über den Mann herauszuhören. Die Aufzeichnung des Festivals ist bereits unterwegs nach Washington: Sie soll dem Präsidenten ausgehändigt werden, damit auch der endlich alles über sich erfährt.

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Könnte man sich ein Sarkozy-, Berlusconi- oder Gordon-Brown-Festival vorstellen? Nein. Von diesen Gestalten will man Genaueres gar nicht wissen. Für Obama hingegen hat die Welt eine schon erotische Neugier. Asad Schwarz-Msesilamba vom Hamburger Thalia Theater (Foto links) treibt das Interesse zum kalkulierten Kitsch: Er bringt Obama mit Chaplin zur Deckung, Chaplin in der Rolle des Friseurs aus dem Großen Diktator . Wir sehen einen barfüßigen Tramp, den kleinen Kerl, der plötzlich herrschen soll. Die Große Diktator - Analogie weiterzuverfolgen wäre heikel, denn das hieße, Obama als den glücklich Entsprungenen einer Diktatur zu zeigen; aber um solche Schattierungen geht es Asad Schwarz-Msesilamba nun doch nicht. Im Gegenteil; er genießt die spielerische Nähe zu Obama fast gerührt.

Gleich mehrere Theater schicken weibliche Obama-Darsteller nach Stockholm. Vielleicht weil eine Frau die nächste Wunderbesetzung für den Präsidentenposten wäre? Jedoch, die Frauen spielen Obama mit Wachsamkeit und Skepsis. Tanja Lorentzon vom gastgebenden Dramaten-Theater gießt den Präsidenten als Blondine auf die Bühne – ein Callgirl, welches während der Rede mit den Kunden telefoniert. Macht ist auch nur Eros, auf höchste Ebene gebracht. Eine Weltanimierdame mit wehendem Kleid führt in Wahrheit die Geschäfte, und zwar nebenher, denn ihre Hauptsorge ist, dass ihre Nägel trocknen.

Meike Droste vom Deutschen Theater Berlin (Foto Mitte) löst Obamas Rede auf in ihre Bestandteile. Sie spielt eine Herrscherpuppe, die nach jedem Applaus in Starre fällt. Obamas Mischung aus Unschuld und höchster Selbstkontrolle wird kalt seziert. Der Präsident wirkt ja, als sei jede seiner Taten pure, unzensierte Eingebung – und als komme zugleich alles, was ihn antreibt, von weit her: uralte Weisheit. Meike Droste zerstört diesen Zauber restlos. Bei ihr zerfällt der Bewegungsablauf in gespenstische Einzelbilder: Sie entdeckt im Auftritt schon das Heldendenkmal, das daraus gewonnen werden soll. Hier ist, so der Verdacht, alles Kalkulation: Obama ist eine umgekehrte Marionette, also eine, an deren Fäden wir hängen.

Das Kongelige Teater, Kopenhagen, variiert diesen Gedanken: Hier spricht Obama zu uns, aber er sagt deutlich: Ich bin gar nicht da; wenn ich »wir« sage, seid ihr Europäer nicht gemeint: You are not included. Der Gast, der die weiteste Anreise hatte, stammt aus Chile, es ist Nicolas Zarate (Foto rechts) vom Teatro Nacional Chileno in Santiago. Offenbar hat er auf seiner Reise die heftigste Bitterkeit von allen Spielern angesammelt. Als dröhnendes Einmannorchester umkreist er den abwesenden Präsidenten. Auf dem Rücken trägt er eine Trommel, die er mit dem angeseilten Fuß schlägt, er ist einmal um die Welt gelaufen, weil er nach Chi-caaa-gooo will, ein Vagabund vom Rand sucht die heiße Mitte. Am Ende spricht der Israeli Yigal Sadeh (vom Habima Theater Tel Aviv), er als Einziger spricht Obamas Rede wortwörtlich, allerdings auf Hebräisch und mit einem abschließenden Friedensgruß an die arabische Welt. Alle anderen Teilnehmer dekonstruieren das Material.

Obama könnte, sollte er sich die Festivalaufzeichnung wirklich ansehen, mit Recht sagen: I’m not there! Ihr habt mich nicht gefunden. Was man fand, war den Aufwand schon wert: Obama-Material, Sog der Leerstelle. Die Macht war in Stockholm nicht zu fassen, wohl aber die Lust, sich von ihrem Phantom hinreißen zu lassen. Später am Abend sehen wir, es ist Nationalfeiertag, das schwedische Königspaar in offener Pferdekutsche durch Stockholm preschen, es grüßt ins Volk. Das Volk grüßt kollegial zurück; dann geht es ein Bier trinken. Und es schickt dem König keine wilden Blicke und Gedanken hinterher. So geht’s also auch. Vielleicht wäre das gesünder. Vielleicht sollte die Welt nicht amerikanischer, sondern entschieden schwedischer werden.

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